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Lese- und Gesprächsreihe in Halle: Die neue literarische Landlust

Andreas Maier

Wege über Land: Der Schriftsteller Andreas Maier steht 2012 in der hessischen Wetterau auf einer Brücke über der B3. Inzwischen ist Maiers Bart ab und der vierte Teil seiner „Ortsumgehung“ erschienen, aus dem er in Halle las.

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Halle (Saale) -

Das Dörfliche hat Konjunktur, könnte man meinen. Jedenfalls schauen die Städter mit einiger Neugier auf die Siedlungen zwischen Busch und Baum, Weiher und Anger. Der Schauspieler Max Moor, der bei Bad Saarow die Büffel- und Rinder-Zucht betreibt, veröffentlicht in Serie amüsante, stets Bestseller-taugliche Dorfgeschichten „aus der arschlochfreien Zone“. Die Zeitschrift „Landlust“ zählt zu den auflagenstärksten Publikumsblättern Deutschlands. Die Seen Brandenburgs sind im Sommer von Kulturschaffenden umlagert.

Aber was hat das mit dem tatsächlich Ländlichen zu tun? Mit der Verödung ganzer Landstriche, dem Rückzug der zivilen Infrastruktur? Max Moor und die Kulturberliner siedeln ja im Stadt-Land, der Dorf-Plus-Lage, nämlich der schnellen Anbindung zur Großstadt hin. Auf dem Land-Land, nämlich im Ernstfall, dort, wo Buslinien eingestellt, Schulen geschlossen werden, sieht es anders aus. Als die noch von Philipp Oswalt geführte Stiftung Bauhaus in Dessau 2013 die Studie „Raumpioniere in ländlichen Regionen. Neue Wege der Daseinsvorsorge“ veröffentlichte, sorgte das nicht für Begeisterung unter den Regierungspolitikern in Sachsen-Anhalt.

Was geht da vor? In Halle widmet sich ein von dem Literaturwissenschaftler Werner Nell geleitetes Forschungsprojekt dem „Experimentierfeld Dorf“, nämlich der „Wiederkehr des Dörflichen als Imaginations-, Projektions- und Handlungsraum“, zu dem ein beachtliches Aufkommen an Land-Belletristik gehört. In der Bundeskulturstiftung hat das Projekt nun einen Partner gefunden, das ein Podium bietet, das auch für Nichtwissenschaftler von Interesse ist.

Bis Juni findet unter dem Motto „Über Land“ eine Veranstaltungsreihe statt, die einmal im Monat eine Lesung und ein moderiertes Gespräch mit einem Land-Schriftsteller neuen Typs präsentiert: Katharina Hacker, Regina Scheer, Annika Scheffel, Jan Brandt und Sasa Stanisic. Am Dienstag wurde im Foyer der Stiftung der Auftakt gefeiert: Es las der Schriftsteller Andreas Maier, der sich im Anschluss - moderiert von Werner Nell - mit Kenneth Anders unterhielt, einem 1969 in Naumburg geborenen Kulturwissenschaftler, der im Oderbruch ein „Büro für Landschaftskommunikation“ betreibt.

Über Andreas Maier, der zu den bekanntesten und vertrauenswürdigsten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Generation gehört, kursieren zwei Missverständnisse. Erstens, dass der 48-Jährige vom Lande stamme, zweitens, dass er ein Heimatschriftsteller sei. Maier kommt aus dem hessischen Friedberg, einer Stadt mit 27.000 Einwohnern; seine Romane spielen zwar in der Wetterau, behandeln aber die allgültigen Dinge des Lebens. So gesehen ist Maier ein Universalautor - und ein Schriftsteller, der - ähnlich wie Max Goldt - unaufdringlich eine ideologiefreie Kulturkritik von heute liefert, zuletzt in dem schönen Buch „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“. In Halle liest der Neu-Hamburger aus dem Roman „Der Ort“ (Suhrkamp, 154 Seiten, 17,95 Euro), dem vierten Teil des auf elf Bände angelegten Zyklus’ „Ortsumgehung“. Eine solche erwähnt auch die Lesung, die sich der Ich-Findung eines Gymnasiasten widmet: die Umgehung, die das Dorf Ockstadt bei Friedberg von der Mitwelt isoliert.

Literarische „Selbstvermostung“

Denn so sieht das im anschließenden Gespräch Maier, der kein Freund von Ortsumgehungen ist: „Straße drumherum, der Ort bleibt liegen, die Wetterau dient als Raststätte an der Autobahn“. Nämlich unsichtbar fernab der Verkehrsschilder. Auf denen stehe ja nicht mehr, was erreicht werden könne, sondern was erreicht werden soll. Nicht das Land. Andererseits wüsste Maier von Nachgeborenen in der Wetterau, dass ihnen die Ortsumgehung längst als Natur erscheine. Unmöglich, meint Kenneth Anders. Natur sei, wie zum Beispiel der Apfelbaum, eine Ressource, die man nicht austauschen könne. Ein Beispiel, das Maier dazu anregt, sich selbst als eine Ressource zu begreifen, die ihm die literarische „Selbstvermostung“ ermögliche. Womit der Landforscher einverstanden ist. Maier und Anders geht es um eine zivile „Aneignung“ der Welt, der buchstäblichen „Dinge im Raum“, die gegen eine wegwerfende „Benutzung“ steht. „Wenn es keine Aneignungsbeziehungen mehr gibt, werden die Orte auf dem Land bedeutungslos“, sagt Anders.

Den literarischen Ernst der Aneignung loben Anders und Nell an Maier, der seinerseits die Herkunft als Ressource hochhält, aber klug genug ist, nicht ins Allgemeine abzubiegen. Den Einwurf aus dem Publikum, dass Herkunft doch auch lästig, dass statt der Aneignung die Loswerdung zu feiern sei, nimmt er hin. Maier will kein Programm liefern. Eigentlich auch keine Provinzliteratur, sondern eine Prosa, deren Unvoreingenommenheit sich aus der Zweckfreiheit und Verstörtheit der Herkunft speist. Mit neuer Landlust hat das wenig, mit guter Literatur alles zu tun. (mz)