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Lebenswege: Nicht ohne meinen Bruder!

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 16:02 Uhr

Das Grimm Museum in Kassel. (FOTO: DPA/AST)

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Es ist in der Tat eine herrliche Gegend. Mitten durch schöne Felsen schwimmt der helle Fluss, die Höhen sind nun zu lauter Gärten gemacht, aus welchen man die reizende Aussicht hat auf den Fluss und die weiten Tiefen." Das schrieb Wilhelm Grimm am 21. April 1809 seinem Bruder Jacob aus & Halle! Die "herrliche Gegend", von der er so schwärmte, war der Giebichenstein. Tatsächlich: Eine Spur der Märchen-Weltstars führt in die Saalestadt. Wilhelm Grimm hat sich hier immerhin ein halbes Jahr aufgehalten, um seine "Herzübel" von Topmediziner Johann Christian Reil kurieren zu lassen. Über die ganze Zeit hat er Wilhelm eifrig Begegnungen, Befindlichkeiten und Ansichten mitgeteilt.
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Halle (Saale)/MZ. 

Es ist in der Tat eine herrliche Gegend. Mitten durch schöne Felsen schwimmt der helle Fluss, die Höhen sind nun zu lauter Gärten gemacht, aus welchen man die reizende Aussicht hat auf den Fluss und die weiten Tiefen." Das schrieb Wilhelm Grimm am 21. April 1809 seinem Bruder Jacob aus … Halle! Die "herrliche Gegend", von der er so schwärmte, war der Giebichenstein. Tatsächlich: Eine Spur der Märchen-Weltstars führt in die Saalestadt. Wilhelm Grimm hat sich hier immerhin ein halbes Jahr aufgehalten, um seine "Herzübel" von Topmediziner Johann Christian Reil kurieren zu lassen. Über die ganze Zeit hat er Wilhelm eifrig Begegnungen, Befindlichkeiten und Ansichten mitgeteilt.

Aus diesen Briefen erfahren wir, dass Wilhelm Grimm am Freitag dem 31. März 1809 um 10 Uhr mit der Kutsche von Weimar in Richtung Halle losgefahren war, wo er um 4 Uhr nachmittags eintraf. Der erste Eindruck? Katastrophal! "Hier in Halle ist es leer … Mit der Universität sieht's schlecht aus", klagt er nach der Ankunft. Doch bald umfing ihn ganz offensichtlich das "Blaue Blume"-Flair rund um den Giebichensteiner Romantikerkreis mit dem Komponisten Johann Friedrich Reichardt. Man kannte, traf und schätzte sich, tauschte sich aus. Nicht nur, dass Wilhelm "sehr billig" in einer "Studentenstube" im Hause von Reils Schwester wohnte, wo sich zugleich Reichardts Stadtwohnung befand, und im Reil'schen Heim verkehrte, er ging zudem "fast täglich" hinaus zur Gegend um den Giebichenstein. Genoss die Idylle, wenn er nicht gerade die verordneten "Einreibungen, starken Essenzen und elektrischen Anwendungen" über sich ergehen lassen musste. Als Wilhelm Grimm im September Halle wieder verließ, verzeichnete er immerhin "eine Besserung meines Zustandes".

Nur sechs Monate dauerte die Halle-Episode. Doch die Spurensuche auf den Lebenswegen der Grimm-Brüder macht die Saalestadt zu einem besonderen Fixpunkt - wegen dieses ausführlichen Briefwechsels. Der nämlich, so stellt Grimm-Biograf Steffen Martus fest, sei "der Schlüssel für ihre Beziehung: Hier erschrieben sie sich ihr Modell einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft". Wie niemand vor ihnen haben sie "Brüderlichkeit" als Lebensform begriffen, ja zelebriert. "Wir wollen uns einmal nie trennen und gesezt man wollte einen anderswohin thun, so müßte der andere gleich aufsagen" hatte schon Jacob zuvor die Lebens- und Arbeitssymbiose beschworen.

Seit ihrer Kindheit lebten sie - lange auch mit anderen ihrer Geschwister, die ihnen redlich auf der Tasche lagen - unter einem Dach. Sie arbeiteten gemeinsam als Journalisten, Hochschullehrer, Bibliothekare, Autoren. Wirkten als engagierte Zeitgenossen auch politisch in den wechselhaften Zeiten um die Napoleonischen Kriege und deren Folgen. Vor allem aber waren sie zurückgezogen lebende, forschende und schreibende Gelehrte. Dabei durchaus nicht immer Brüder im Geiste, sondern höchst unterschiedliche Charaktere. Der zeitweise als Diplomat im Dienste des hessischen Kurfürsten und später des als König von Westphalen herrschenden Napoleon-Bruders Jerome weitgereiste Jacob gab sich eher streng, zuweilen kauzig. Wilhelm, der spätere Familienvater, war demgegenüber von Natur aus gesellig und offener, auf Ausgleich bedacht. Doch auch den jeweiligen Dienstherren war klar: Die Brüder - sie gab es nur im Doppelpack! Ihre gemeinsame Arbeit - ein einzigartiges Erfolgsmodell!

In Hanau sind sie geboren, in Berlin liegen sie begraben. Doch im Zentrum ihres erstaunlichen Lebensweges liegt Kassel. Hier haben die Grimms am längsten gelebt und gearbeitet. Zwischen 1798 und 1841 verbrachten sie gut drei Jahrzehnte in der Stadt. Vor Ort ihren Spuren zu folgen ist spannend, wenn auch erschwert durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Denn viele der Wirkungs- und Wohnstätten haben die Bomben und den bundesrepublikanischen Wiederaufbau nicht überstanden. Bester Ausgangspunkt für die Spurensuche ist die "Schöne Aussicht" mit dem ihnen gewidmeten Museum im "Palais Bellevue". Nur ein paar Schritte vom Palais befindet sich in der zweiten Etage des Hauses Nr. 9 eine der Grimmschen Wohnungen. Hier verlebten die Brüder von 1824 bis 1826 zwei Jahre mit "herrlicher Aussicht, gesunder Luft, wunderbarer Ruhe".

Im Museum Fridericianum am Friedrichsplatz befand sich die Bibliothek, in der die Grimms von 1814 (Wilhelm) bzw. 1816 (Jacob) bis 1829 arbeiteten. Auch dieser Bau ist nach schwerer Zerstörung im letzten Krieg wieder erstanden und dient heute als Hort moderner Kunst. Von den Häusern der im Krieg fast völlig zerbombten Altstadt, wo die Brüder während ihrer Lyceumszeit "in Kost und Logis" lebten, ist ebenfalls nichts mehr übrig. Erhalten dagegen sind die Sandsteinbauten am Brüder Grimm-Platz. Dort lebten sie von 1814 bis 1822 mit ihrer Schwester Lotte im zweiten Stock der nördlichen Torwache. Heute Sitz des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes.

Die Kasseler Jahre hatten den Brüdern zwar Anerkennung gebracht. Doch der nach der Franzosenzeit wieder kurfürstliche Hof missachtete und überging sie etwa bei Beförderungen. So war es nicht zuletzt Karrierefrust, der sie Neujahr 1830 "einem ehrenvollen Rufe" nach Göttingen an die berühmte Ernst-August-Universität folgen ließ. Nur für wenige Jahre. Als zwei der "Göttinger Sieben", jener legendären Professorengruppe, die 1837 gegen einen Verfassungsbruch des Königs protestierte und daraufhin entlassen wurde, avancierten sie zwar zu einer Art Politstars. Doch als Jacob deswegen des Landes verwiesen wird, folgt ihm Wilhelm - zurück nach Kassel. Bis sie 1840 der kunstfreundliche Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. als Akademie-Mitglieder nach Berlin beruft.

Auch die Berliner Wohnsitze der Grimms, am Tiergarten gelegen, fielen in Schutt und Asche. Geblieben ist ihre große Privatbibliothek von 5 500 Bänden, die heute zu den größten Schätzen der Humboldt-Universität gehört. Auf dem alten St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg haben die Brüder Grimm ihre letzte Ruhestätte gefunden - in einem gemeinsamen Grab.