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Kunsthistorisches Museum Magdeburg: Die Schatzkammer öffnet

Hugo Kaufmanns Skulptur „Die Kunst“ (1894), rechts Hans Ungers Gemälde „Das Welken“ (1903)

Hugo Kaufmanns Skulptur „Die Kunst“ (1894), rechts Hans Ungers Gemälde „Das Welken“ (1903)

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dpa

magdeburg -

Eine junge Frau sitzt auf einer Bank, hat die Beine übereinander geschlagen und den rechten Arm hinterrücks auf die Lehne gelegt. In der Hand des aufgestützten und angewinkelten linken Armes hält sie eine goldene Kugel. Ihr Kleid ist leicht verrutscht und legt eine Brust frei. Es handelt sich um das Gipsmodell der allegorischen Figur „Die Kunst“ (1894) von Hugo Kaufmann. Sie steht am Ende der neu eingerichteten, noch nicht ganz vollständigen historischen Kunstsammlung des Kulturhistorischen Museums. Vor dem Zweiten Weltkrieg stand sie noch am Anfang: Sie begrüßte seit 1906 die Besucher im Eingangsbereich. In besagtem Jahr öffnete das damalige Kaiser-Friedrich-Museum seine Pforten. In weiser Voraussicht begannen die Magdeburger aber bereits zehn Jahre zuvor mit dem Anlegen einer Sammlung für das Haus.

Bombardierung im zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg wurde Magdeburgs Altstadt großflächig zerstört. Das Museum in der heutigen Otto-von-Guericke-Straße blieb von den alliierten Bombardierungen so gut wie verschont. So überdauerte auch das Modell zu Kaufmanns „Die Kunst“, dessen Original in München ebenfalls ein Opfer des Weltkrieges wurde.

Ironie der Schicksals: Ausgerechnet jene Magdeburger Exponate wurden zerstört, die man, da sie leicht zu bewegen waren, ab 1942 in einem Salzstock bei Neustaßfurt (Salzlandkreis) einlagerte, um sie vor drohenden Luftangriffen zu schützen. Ein Brand in dem Bergwerk kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörte jedoch die dort verborgenen Kunstwerke, zu denen neben Gemälden auch zahllose dreidimensionale Objekte aus allen Epochen stammten. Zu den Stücken, die in der Feuersbrunst unter Tage zerbarsten, gehörte auch eine rotfigurige Strickhenkelamphore, die um 440 v. Chr. in Griechenland geformt wurde.

Schau "Kunstverführung"

Doch jetzt, 70 Jahre nach dem verheerenden Brand, kann man sie wieder bewundern, wenn auch nicht in alter Schönheit. Sie bildet den Auftakt zu der „Kunstverführung“ betitelten Schau, in der gut 100 ausgewählte Objekte der historischen Kunstsammlung des Kulturhistorischen Museums nun dauerhaft präsentiert werden. In einem ebenso wissenschaftlich wie finanziell aufwendigen Verfahren, das in einer Diashow in Wort und Bild erläutert wird, konnten die erhaltenen Scherben der antiken Vase wieder zusammengesetzt und die Fehlstellen durch Kunststoff ergänzt werden.

Dass, trotz kriegsbedingter Verluste, so viele vorzügliche Exponate hier eine Heimstatt haben, ist vor allem dem Gründungsdirektor des Kaiser-Friedrich-Museums zu verdanken: Theodor Volbehr (1862-1931) war ein Museologe, der sich nicht nur für alle kunstgeschichtlichen Epochen interessierte, sondern neben dem Sammeln, Bewahren und Erforschen auch die Vermittlung als wesentliche Aufgabe seines Museums verstand.

Ein zweites Moment, das beim Werden und Wachsen der Kunstsammlung kräftig half, kam dazu: Für nicht wenige Industrielle, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre Unternehmen in Magdeburg führten, war bürgerschaftliches Engagement selbstverständlich. Es manifestierte sich vor allem in großzügigen Stiftungen von Kunstwerken und finanziellen Zuwendungen, die das Museum in die glückliche Lage versetzten, sowohl historische als auch zeitgenössische Kunst erwerben zu können.

Die Fabrikantenfamilie Hauswaldt etwa vermachte dem Museum nicht nur spanische Lüsterkeramik aus dem 16. Jahrhundert, dank testamentarischer Stiftung von Johann Albert Hauswaldt (1851-1909) konnte man 1913 auch einen in Brüssel gefertigten Bildteppich (um 1630) erwerben, der mit zwei weiteren Gobelins sowie Fayencen und Keramiken aus Italien und der Türkei in einem Raum ausgestellt ist. Auch diese Kostbarkeiten überstanden den Zweiten Weltkrieg, weil sie nicht ausgelagert wurden.

Magdeburger Unternehmer verewigt

Selbst Gegenstand eines Kunstwerks wurde der Magdeburger Unternehmer Heinrich Ludwig Gruson (1831-1885). Kein Geringerer als Franz von Lenbach, der Fürst unter den Porträtisten des späten 19. Jahrhunderts, hat den Industriellen konterfeit. Gruson betrieb mit seinem Bruder Hermann, dem Begründer der Grusonschen Gewächshäuser, im Stadtteil Buckau eine Maschinenfabrik und gründete 1871 mit Rudolf Wolf eine Eisengießerei, die durch revolutionäre Neuerungen bei der Zahnradherstellung zu einem der größten Unternehmen ihrer Art in der Welt aufstieg.

Symbolistisch klingt die Schau aus: Neben Kaufmanns Plastik „Die Kunst“ auch mit Hans Ungers Gemälde „Das Welken“ (1903), das eine Frau vor Herbstlandschaft zeigt. In diesem Umfeld hätten auch die Werke der Spätimpressionisten Corinth und Liebermann sowie der Expressionisten Nolde, Kirchner und Heckel hängen können - wären deren Bilder nicht im Zuge der NS-Aktion „Entartete Kunst“ 1937 entfernt wurden.

Im Sommer soll die „Kunstverführung“ komplett und ab 25. August in Gänze zu sehen sein. „In einem lockeren, chronologischen Rundgang wird der Bogen künftig von der Antike bis zur Belle Époque gespannt“, so Sprecherin Freya Paschen. Dann sind auch jene Räume zugänglich, in denen Werke ihren Platz finden, die nach der Antike und bis zum Anfang der Renaissance entstanden. Man darf weiterhin gespannt sein. (mz)

„Kunstverführung – Die historische Kunstsammlung“, Kulturhistorisches Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Str. 68, Di-Fr 10-17 Uhr, Sa, So 10-18 Uhr