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Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt: Stimmen zu Sparplänen am Anhaltischen Theater Dessau

Darauf soll man in Dessau von Januar 2016 an verzichten: Tänzer des Balletts proben 2012 zu Shakespeares „Sturm“. Das von Tomasz Kajdanski geführte Ballett-Ensemble gehört zu den besten in Deutschland.

Darauf soll man in Dessau von Januar 2016 an verzichten: Tänzer des Balletts proben 2012 zu Shakespeares „Sturm“. Das von Tomasz Kajdanski geführte Ballett-Ensemble gehört zu den besten in Deutschland.

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claudia heysel

halle (saale)/dessau/MZ -

Auf der „Roten Liste“ steht das Anhaltische Theater seit November 2013. Das vom Deutschen Kulturrat geführte Verzeichnis der bedrohten Kulturinstitutionen stellte die Dessauer Bühne in der Kategorie zwei vor: gefährdet. „Jetzt werden wir die Kategorien wohl noch einmal schärfen müssen“, sagt Olaf Zimmermann. Denn wenn die am Mittwoch in der MZ von Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) angekündigte Schließung von Schauspiel und Ballett zum Januar 2016 tatsächlich vollzogen werden sollte, ist Dessau als Vierspartenhaus nicht mehr einfach nur „gefährdet“, sondern tot.

Olaf Zimmermann kennt die Kulturlandschaft Sachsen-Anhalts. Bis Februar 2013 moderierte der Geschäftsführer des Kulturrates den Kulturkonvent des Landes, auf dessen Empfehlungen vorzugsweise dann verwiesen wird, wenn sie keine Kosten erzeugen. In Sachen Theater hatte der Konvent empfohlen, nicht etwa die Landeszuwendungen zu kürzen, sondern den Theater-Etat zu erhöhen und bis 2025 festzuschreiben, um spätestens im Jahr 2019 zu neuen „Strukturen“ zu kommen.

„Man hat sich für die brutale Form entschieden“

So ist es nicht gekommen. Nicht einmal ein „Moratorium“ von einem Jahr wurde gewährt. „Man hat sich für die brutale Form entschieden“, sagt Zimmermann der MZ. „Ich bin zutiefst betrübt darüber, weil es nicht das Problem löst.“ Das wäre? Die Frage zu beantworten, wie in einer vom Bevölkerungsrückgang betroffenen Stadt ein zukunftsfähiges Theater zu entwickeln wäre, ohne einfach Sparten abzuschaffen. Selbstverständlich, sagt Zimmermann, sei der Dessauer Theaterbau sehr groß, aber mit dem könne man doch auch hervorragend arbeiten. So vieles wäre möglich gewesen, sagt Zimmermann: vom Umbau des Theatersaales an bis hin zu neuartigen Kultur-Angeboten. „In und von Dessau aus ein Theater-Modell zu entwickeln, das wäre zukunftsfähige Kulturpolitik gewesen“, sagt Olaf Zimmermann. So aber bleibe alles, wie es ist, nur mit viel weniger Kunst und Geld.

Zimmermann meint zu wissen, wie es weitergeht. „In ein paar Jahren werden wir genau dieselbe Diskussion haben wie heute. Dann wird man auf einmal feststellen: die Oper! Mein Gott, wie teuer ist die denn? Dann steht da die Frage im Raum: Brauchen wir überhaupt noch ein Opernhaus in Dessau?“

Der Widerstand werde dann schwächer sein als heute, sagt Zimmermann, denn der Widerstand verliere stets in dem Maße an Kraft, wie kulturelle Infrastruktur aus einer Stadt verschwindet. Auch das kulturpolitische Klima verändere sich: „Es werden Tatsachen geschaffen, die es schwerer machen, überhaupt miteinander zu diskutieren.“ Zimmermann sieht jetzt die Stadt Dessau in der Pflicht. Und auch darauf sei er gespannt: Wie die Solidarität der Theater ausfalle. Nicht zuletzt jener Häuser, die im Zuge von Gastspielen Dessau an 25 Tagen ihr Schauspiel ausleihen sollen.

„Ich halte das für eine Schande“

Ein Anruf bei Matthias Brenner, Intendant des Neuen Theaters in Halle: Herr Brenner, haben Sie Lust mit ihrem Ensemble künftig die Dessauer Bühne zu bespielen? Nein, nein, nein!, antwortet Brenner prompt. Erstens, sei der ganze Vorgang „entsetzlich“, zweitens, habe er auch schon deshalb keine Lust, weil das hieße, der „Beuteteilungsphilosophie“ zu folgen. Brenner hält den Vollzug der Kultur-Kürzungen „in der Art nach wie vor für unannehmbar“. Er meine das „wie“, nicht das „was“, sagt er. Denn das sei doch klar: „Dass man neue Strukturen braucht, dass man Geld sparen muss, das predige ich schon seit Jahren!“ Aber nicht so. Nicht in diesem Hauruck-Verfahren. Von Halle aus steht die Solidarität mit Dessau unverbrüchlich fest. „Ich halte das für eine Schande“, sagt Brenner. Und auch, dass die Eingriffe erfolgen, „ohne die Erfinder neuer Strukturen zu beteiligen, nämlich die Zuschauer.“

Also in diesem Fall auch die Dessauer. An die denkt Undine Kurth, die in Quedlinburg lebende vormalige Bundestagsabgeordnete der Grünen, die über Jahre mitarbeitete in der Enquete-Kommission des Bundestages „Kultur in Deutschland“. „Der demografische Wandel wird immer bemüht, wenn es gilt, Sparmaßnahmen zu begründen“, sagt Undine Kurth. „Ich habe aber deutliche Zweifel daran, dass Kulturabbau die richtige Antwort auf diese Entwicklung ist. Denn es steht die Frage, wieso 85?000 Menschen weniger Anspruch auf Kultur haben dürfen als zum Beispiel 120?000? Der Freistaat Thüringen macht uns gerade vor, dass man genau andersherum reagieren kann?- nämlich sich durch Kultur besonders interessant zu machen. Wenn der Minister meint, alles Nötige könne eingekauft werden, dann irrt er. Es geht nämlich nicht um das Organisieren von Events?- bis hin zum Weihnachtsmärchen, sondern um die Gestaltung des Kulturlebens einer Stadt.“

Dass Kultur Geld kostet, wissen wir alle

Dass Kultur Geld kostet, wissen wir alle, sagt Undine Kurth. Dass Geld im Lande knapp ist, auch. „Wenn aber plötzlich wundersamer Weise 120 bislang verborgene Millionen auftauchen, dann sollte es doch möglich sein, die Kulturlandschaft des Landes davon profitieren zu lassen und vor derart drastischen Kürzungen zu bewahren. Schließlich ist das jetzige Vorgehen auch ein Signal an alle am Theater: Sucht euch lieber was Sicheres außerhalb des Landes!“ Schließlich richtet Undine Kurth noch ein Wort in Richtung Kultusministerium: „Und dann bitte ehrlich sein?- die zusätzlich gewährten Unterstützungen dienen allein dazu, Strukturen, also Personal abzubauen?- das Theaterangebot also auf Dauer auszudünnen. Ob man das als Erfolg für die Kultur ansehen kann, wage ich zu bezweifeln.“

Das meint auch Claudia Dalbert, die Kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag: „Wenn ich mich an die vielen, tollen Aufführungen des Musiktheaters in Dessau erinnere, kann ich mir kaum vorstellen, wie das ohne Ballett funktionieren soll“, teilt sie mit. „In jedem Fall aber ist die Streichung des Balletts keine Entscheidung von Kultusminister Stephan Dorgerloh, sondern eine des Stadtrats.“ Der stellvertretende Landesvorsitzende der FDP, Marcus Faber, erklärt: „Die Schließung der Schauspiel- und Ballett-Sparten in Dessau wird das Anhaltische Theater nachhaltig und unwiederbringlich beschädigen. Wer glaubt, ein Theater könne langfristig mit ,zugekauften’ Schauspielangeboten bestehen, der irrt. Gerade in Städten wie Dessau identifizieren sich die Menschen ganz enorm mit ihrem Theater und seinem Ensemble.“

Am Mittwoch tagte der Kulturausschuss des Landtages, in dem Stephan Dorgerloh die Gestaltung der drei ausstehenden Theaterverträge vorstellte. Für den Kulturpolitischen Sprecher der Linken, Stefan Gebhardt, wenig erhellend. „Es wurde einmal mehr klar, dass nichts klar ist, was die Theaterstandorte Halle, Dessau-Rosslau und Eisleben betrifft.“ Erstens, weil der Minister nicht die Strukturanpassungskonzepte der Träger vorgelegt habe, was es dem Ausschuss unmöglich machte über die Konzepte zu befinden und entsprechende Mittel aus dem Strukturanpassungsfonds dem Finanzausschuss zu empfehlen. Zweitens, weil Dorgerloh die 300?000 Euro zusätzlich für Dessau als „großen Wurf“ verkaufe, die tatsächlich „Almosen“ seien. Gebhardt: „Die gesamte Theater- und Orchesterpolitik der Landesregierung gleicht nach wie vor einem Harakiri.“

Wie geht es in Dessau weiter?

Starke Worte. Und Gunnar Schellenberger, der Kulturpolitische Sprecher der CDU? Er will sich zu Dessau nicht äußern. Das ist auch nachvollziehbar: Er ist der Vorsitzende des Kulturausschusses, der am Mittwoch von Stephan Dorgerloh erfuhr, was in der MZ stand. Man müsse sich diese Dinge erst sehr genau anschauen, sagt Schellenberger, bevor da eine Stellungnahme möglich sei.

Und Dessau? Wie sieht es dort aus? Wie geht es weiter, Herr Bücker? „Keine Ahnung“, sagt André Bücker, der Generalintendant des Anhaltischen Theaters. „Weiß ich nicht. Ich habe dazu echt gar nichts zu sagen“, sagt der Intendant, was auch einleuchtet, denn die Verhandlungen führen andere. Er könne nur wiederholen, was er der MZ bereits gesagt hatte: „Über Spartenschließungen entscheidet allein der Stadtrat?- niemand anderes.“

Der Stadtrat entscheidet, aber die Stadtverwaltung verhandelt. Es ist Sabrina Nußbeck (parteilos), Bürgermeisterin von Dessau-Roßlau, die die Gespräche führt. Zum MZ-Interview teilt sie mit: „Ich weiß nicht, ob Minister Dorgerloh tatsächlich von einem mit mir zuvor ausgehandelten Entwurf gesprochen hat. Das wäre so nicht korrekt, denn diesen Entwurf habe ich heute Morgen erstmals gesehen.“ Aber: „Ich kann bestätigen, dass der Vertrag die verhandelten Eckpunkte zur künftigen Struktur des Anhaltischen Theaters Dessau zutreffend wiedergibt.“ Die Gespräche mit dem Land seien „konstruktiv“ gewesen, aber am Ende komme es „auf die Stimmigkeit des Gesamtpaketes an“. Dem müssen der Finanzausschuss des Landtages und der Stadtrat von Dessau zustimmen.