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Kultur-Kahlschlag in der DDR vor 50 Jahren: Filme verboten, Bücher verbannt und Auftritte untersagt

Schauspieler Raimund Widra in der Rolle des Parteisekretärs Horrath steht während der Generalprobe zum Stück "Spur der Steine" im Schauspielhaus in Magdeburg vor dem Emblem der Deutschen Demokratischen Republik.

Schauspieler Raimund Widra in der Rolle des Parteisekretärs Horrath steht während der Generalprobe zum Stück "Spur der Steine" im Schauspielhaus in Magdeburg vor dem Emblem der Deutschen Demokratischen Republik.

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dpa

Berlin -

Vor 50 Jahren begann mit dem „Kahlschlag“-Plenum der SED-Führung eine beispiellose Unterdrückung der DDR-Künstler. Regisseure, Schriftsteller, Musiker und Theatermacher waren von der neuen Eiszeit in der Kulturpolitik betroffen. „Nihilismus“, „Pornografie“ und „Skeptizismus“ warfen die Hardliner um Erich Honecker den Kulturschaffenden vor. Zu den prominentesten Opfern gehörte Regisseur Kurt Maetzig, der mit seinem Liebesdrama „Das Kaninchen bin ich“ in Ungnade fiel.

Der Film wurde 1965 auf dem vom 15. bis 18. Dezember dauernden 11. Plenum des SED-Zentralkomitees zusammen mit fast einem ganzen Jahrgang von DEFA-Filmen verboten. „Das Kaninchen bin ich“ erzählt von einem Mädchen, das nicht studieren darf, weil sein Bruder wegen „staatsgefährdender Hetze“ im Gefängnis sitzt. Die junge Frau verliebt sich dann unwissentlich in den Richter, der für das harte Urteil verantwortlich ist und entlarvt den Mann als feigen Opportunisten.

Film „Spur der Steine“ verboten

Die rigide Kulturpolitik hatte auch Folgen für Regisseur Frank Beyer. Sein mit Manfred Krug prominent besetzter Film „Spur der Steine“ über den Konflikt zwischen einer Bauarbeiter-Brigade und einem Parteisekretär wurde 1966 nach nur wenigen Aufführungen verboten. Einer der vielen Keller- oder Regalfilme, die statt auf die Leinwand zu kommen in den Tiefen des Archivs verschwanden. Beyer erhielt „Hausverbot“ bei der DEFA. Erst nach der Wende konnte „Spur der Steine“ wieder im Kino gezeigt werden.

Beyer erinnerte sich nach dem Mauerfall an die damaligen Drohungen der Partei: „Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen.“ Der Filmemacher kommentierte das 1991 so: „Wir haben doch nur den kleinen Finger erhoben zu einer Wortmeldung.“

Den Künstlern wurde vorgeworfen, die Realität falsch, zu kritisch und schwarzseherisch darzustellen. „Nihilistisch war jede Positionierung, die sich nicht der ideologischen Anleitung durch die Partei unterwarf - also jede Form von Individualismus war dieser Funktionärskaste, die alles auf eine kontrollierbare Linie bringen wollte, ein Dorn im Auge“, sagt Autor und Deutschlandfunk-Redakteur Marcus Heumann, der für sein Audiofeature „Das Kahlschlag-Plenum“ Originaltöne des Plenums und Gespräche mit Zeitzeugen zusammengestellt hat.

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