Vorlesen

Kinostart 3. Januar: «Paradies: Liebe»

Uhr | Aktualisiert 02.01.2013 17:20 Uhr
Teresa (r., Margarethe Tiesel) und eine Freundin (Dunja Sowinetz) versuchen, den Hotelangestellten in Kenia für österreichische Sprichwörter zu begeistern - eine Szene aus dem Kinofilm «Paradies: Liebe». (FOTO: DPA) 
Von
Während die Eskapaden sexhungriger Männer schon häufig in Spielfilmen reflektiert wurden, gab es bisher nur wenige über Frauen, die sich körperliche Erfüllung kaufen wollen. „Paradies: Liebe“ zeigt, wie es sein kann, wenn eine 50-jährige als Sextouristin nach Kenia reist.
Drucken per Mail
Halle (Saale)/MZ. 

Bei gleißendem Sonnenschein sieht man drei Männer auf exakt gleicher Höhe im gleichen Tempo vorwärts schreiten. Bis zum Bauchnabel stehen sie im Wasser, denn sie putzen einen Swimmingpool in einem Touristenressort in Kenia. Die drei sind Kenianer - und ihre schwarze Haut macht sich im Sonnenlicht vor Swimmingpoolblau besonders hübsch. Man täte dem Regisseur dieses Films unrecht, wenn man glaubte, dass es ihm in seinem Film "Paradies: Liebe" nicht auch um derartige Schönheitseffekte ginge.

Seit jeher gilt der Österreicher Ulrich Seidl mit Filmen wie "Tierische Liebe" (1995), "Hundstage" (2001), oder "Import-Export" (2006) als Schock-Regisseur. In seinem neuen Projekt untersucht Seidl in drei Filmen den Dreiklang des Christentums: Glaube, Liebe, Hoffnung. "Paradies: Glaube", der im September bei der Biennale von Venedig einen Preis gewann, erzählt von einer katholischen Fundamentalistin, "Paradies: Hoffnung", mit dem der Tryptichon im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele seinen Abschluss finden wird, von einem Teenager-Mädchen. In "Paradies: Liebe", der heute ins Kino kommt, erzählt Seidl sehr nahe an einem Dokumentarfilm von einer Gruppe älterer Frauen, die Urlaub in Kenia machen - als Sextouristinnen.

In wohlgestylten Halbtotal-Einstellungen sieht man vor allem die Hauptfigur Theresa. Sie reinigt ihr Zimmer mit Desinfinfektionsspray, liegt gut geölt in der Sonne und lernt andere alleinreisende Frauen ähnlichen Alters kennen, mit denen sie über den eigenen, zunehmend unattraktiven Körper spricht. Und sie redet über die Eingeborenen, die sich feilbieten.

Theresa wird bald zur richtigen "Suger Mama" werden, die sich ihre "Beach Boys" kauft. Die Frauen hier sind Kleinbürger, Unterschicht. Zu Hause. In Afrika werden sie plötzlich zur Oberschicht, weil es hier Menschen gibt, die sozial noch weit unter ihnen stehen. Die Opfer werden zu Ausbeutern. Seidl sagt und zeigt uns, wie schlecht die Menschen sind, welche Abgründe in uns schlummern.

Seidl nimmt in Interviews für sich in Anspruch, seine Figuren zu lieben und empathisch zu sein. Aber ist er das auch? Zumindest ist seine Haltung sehr distanziert. Ist es angemessen, wie Seidl die Afrikaner zeigt? Seine Sicht ist sehr einseitig. Sie sind nur aufs Geld der Weißen aus, sind gerissen, dabei doch naiv, und alle prostituieren sich. Seidls-Afrika-Bild ist ohne Überraschungen und ohne erkennbare Neugier. Es fehlt ein Moment des Suchens in einem glatten, allerdings sehr gut gemachten Film.

Auch interessant