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Kinostart 29. November: «In ihrem Haus»

Uhr | Aktualisiert 29.11.2012 09:35 Uhr
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in François Ozons neuem Film «In ihrem Haus» ist das nur schwer auseinanderzuhalten. Ein Schüler spioniert das Familienleben eines Klassenkameraden aus und schreibt darüber einen Roman, unterstützt von seinem Lehrer Germain.
München/dpa. 

Realität und Fiktion - in François Ozons neuem Film «In ihrem Haus» ist das nur schwer auseinanderzuhalten. Ein Schüler spioniert das Familienleben eines Klassenkameraden aus und schreibt darüber einen Roman, unterstützt von seinem Lehrer Germain.

Was Claude zu Papier bringt, ist ebenso fesselnd, wie verstörend. Skrupellos gewährt er intime Einblicke in das Leben der ahnungslosen Artoles. Germain fühlt sich zunehmend unwohl in der Rolle des lesenden Voyeurs und sucht Rat bei seiner Frau (Kristin Scott Thomas), doch Jeanne ist Claudes Schreibkünsten verfallen. Und so lässt Germain den Schüler gewähren. Ein gefährliches Spiel mit dunklen Sehnsüchten und verbotenen Begierden beginnt. Bald weiß keiner mehr so genau, was wahr und was erfunden ist - und das Drama nimmt seinen Lauf.

Ozon versteht es meisterhaft, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung zu verwischen. «In ihrem Haus» ist ein packendes Psychodrama mit subtiler, verstörender Spannung und gleichzeitig eine treffende, bisweilen komische Charakterstudie. Der französische Regisseur («Das Schmuckstück», «8 Frauen») offenbart die Sehnsucht der Menschen nach dem Blick durchs Schlüsselloch und legt die Verletzlichkeit ihrer Beziehungen offen. #video

Germain und Jeanne sind ein angegrautes Intellektuellenpaar, erstarrt und verklemmt, dessen Liebe längst eingeschlafen ist. Claude bringt ihnen durch seinen voyeuristischen Roman Aufregung und erotische Spannung ins Leben. Auch das Ehepaar Artole, das den Schein der perfekten Mittelschichtfamilie aufrecht erhält, hat sich in Wirklichkeit nichts mehr zu sagen. Der kumpelhafte Ehemann Rapha senior sucht dies unter markigen Sprüchen zu verbergen, während seine Frau (Emmanuelle Seigner) von zarter Romantik träumt.

Claude ist anfangs nur neugierig. Sein eigenes Leben mit einem pflegebedürftigen Vater ist ärmlich. Mit einer Mischung aus Neid und Sehnsucht malt er sich aus, wie die Artoles in ihrem schönen Haus leben, gemütlich beim Abendessen sitzen und zusammen Basketball spielen. Als deren Sohn Rapha einen Mathenachhilfelehrer sucht, ergreift Claude seine Chance und bietet an, ihm zu helfen. Allmählich wird er zu Raphas bestem Freund und taucht in die Welt der Familie ein. Mehr noch. Er spielt, selbst der Sohn in dieser Idylle zu sein. Besonders fasziniert ist er von Raphas Mutter, mit der er sich eine leidenschaftliche Affäre erträumt.

«Mich hat interessiert, dass der Voyeur nicht nur passiv bleibt, sondern selber auch aktiv wird, weil er das andere Leben führen will», sagte Ozon der Nachrichtenagentur dpa. Aber wird Claude wirklich aktiv oder bildet er sich das alles nur ein? Kaum zu beantworten. Wie mit Aquarellfarben lässt Ozon Schein und Sein ineinanderfließen. «Traum und Realität zusammen entlarven die Wahrheit der Dinge mehr, als die Realität alleine», findet der Regisseur. «Es gibt natürlich eine Gefahr, wenn man Realität und Fiktion vermischt, und man kann sich auch die Flügel verbrennen.»

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