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Kinostart 10. Januar: «Hannah Arendt»

Uhr | Aktualisiert 10.01.2013 11:25 Uhr

Hannah Arendt ist eine der bedeutendsten Philosophinnen der Nachkriegszeit. (FOTO: DPA)

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Margarethe von Trotta erzählt in «Hannah Arendt» von entscheidenden Jahren im Leben der Philosophin. Entstanden ist das lebendige Porträt einer Intellektuellen, die trotz aller Widerstände ihren eigenen Grundsätzen treu bleibt. Barbara Sukowa überzeugt in der Titelrolle.
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Halle (Saale)/MZ. 

Im Jahr 1961 ging die aus Deutschland stammende US-Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) für einige Wochen nach Jerusalem, um dort als Reporterin des „New Yorker“ den Prozess gegen den NS-Täter Adolf Eichmann zu verfolgen. Als nach dem Todesurteil gegen Eichmann Arendts langer Essay „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ erschien, löste er eine der heftigsten Kontroversen der Nachkriegszeit aus. Bis heute ist diese Kontroverse nicht wirklich abgeklungen. Diese Episode stellt Margarethe von Trotta ins Zentrum ihres Films, einem der leider viel zu seltenen Versuche, Intellektuelle und Denkprozesse zum Thema eines deutschen Kinofilms zu machen.

„Hannah Arendt“ setzt 1960 ein, mit seiner einzigen „Action“-Szene, die die Entführung Eichmanns aus Argentinien durch den israelischen Geheimdienst zeigt. Nachdem er wegen zahlloser „Verbrechen gegen die Menschheit“ angeklagt wurde, bemühte sich Arendt selbst aktiv um den Auftrag zur Berichterstattung.

Trottas Film ist eine Gratwanderung zwischen Doku-Fiction und freierer Meditation. Über weite Strecken funktioniert dies gut, und ohne Arendts Standpunkte zu banalisieren. Hervorzuheben sind Julia Jentsch als Assistentin Lotte Köhler und Ulrich Noethen als Philosoph Hans Jonas.

In der Hauptrolle erscheint Barbara Sukowa nicht als Idealbesetzung. Zu asketisch, spröde und manieristisch ist ihr Stil. Die emotionale Mitte des Films ist Axel Milberg als Arendts Ehemann Heinrich Blücher. Mitunter driftet der Film ins Anekdotische ab. Ansonsten hält er sich eng an die Fakten.

Der Eichmann-Prozess wird durch Doku-Aufnahmen illustriert. Klar wird, warum Eichmann Arendt als exemplarischer Täter erschien, als „Nobody“. Arendts aufs Ganze zielendes Argument wird gut deutlich: Das Böse sei keine Charakterschwäche, sondern ein soziales Verhalten. Die berühmte Formel der „Banalität des Bösen“ meint im Englischen keineswegs „Nichtigkeit“, sondern „Allgemeingültigkeit“.

So sehr „Hannah Arendt“ überzeugt, und insgesamt als spannendes, persönliches wie geistiges Drama sehenswert ist, bleibt doch die Einschränkung, dass der Film eine Tendenz zum Illustrativen hat, und sich der Form eines Fernsehdramas annähert: Szene folgt auf Szene, aber der Film „atmet“ kaum und scheut offene Subjektivität. Sie schätze besonders Arendts Formel von der Philosophie als „Denken ohne Geländer“ hat Regisseurin Margarethe von Trotta erklärt. Etwas mehr Filmen ohne Geländer hätte gut getan.

Hannah Arendt

Drama, D, Luxemburg 2012,

Regie: Margarete von Trotta

FSK: ab 6 Jahre

Der Film startet u. a. im Puschkino Halle, Kardinal-Albrecht-Str. 6.

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