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Journalismus: Grass rechnet mit der Presse ab

Uhr | Aktualisiert 02.05.2012 11:51 Uhr
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Günter Grass

Journalismus-Kritiker Günter Grass: Nur wenig erfährt die Öffentlichkeit... (FOTO: DPA)

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Als Gastredner beim Netzwerk Recherche rechnete der 83-jährige Literaturnobelpreisträger Günter Grass mit dem Zustand der Presse ab. Hat er Recht?
BERLIN/MZ. 

Vergangenen Samstag sprach Günter Grass bei der Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. Die Süddeutsche Zeitung druckte die Rede am Montag in ihrer Printausgabe. Die Tagung stand unter dem Motto: "Sisyphos war ein glücklicher Mensch".

Eine signifikante Abweichung von Camus' berühmtem Schluss-Satz seines "Mythos von Sisyphos": "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen". Man hat die ganze Misere des Journalismus schon in dieser Veränderung: Aus einer Fantasie wird eine Schlagzeile.

Der Schriftsteller Günter Grass geht darauf mit keiner Silbe ein.

Er entdeckt das Elend des Journalismus darin, dass er von Sensation zu Sensation jagt, sich keine Zeit nimmt, die Hintergründe auszuleuchten, dass er von der Hand in den Mund lebt. Vor allem aber steht der Journalismus, so Grass, im Bündnis mit den herrschenden Verhältnissen. Er tritt der Vormacht der sich zu einer Parallelgesellschaft formierenden Bankenvorstände und Großaktionäre nicht mannhaft entgegen, sondern spielt deren Spiel weitgehend mit. Dass die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht so glatt durchging, liegt auch daran, dass Journalisten gewissermaßen im Guttenbergfieber, einfach "hinnehmen, was uns blaublütig eingebrockt wurde". An dem in seinen Augen "überstürzten Vollzug der deutschen Einheit" tragen Journalisten nicht unwesentlich Schuld, die es geschehen lassen, dass im Osten ganze Regionen sich entvölkern. "Nur wenig und wenn, dann nicht den Ursachen nachgehend, erfährt davon die Öffentlichkeit."

Man ist gerade als Journalist versucht, Günter Grass Recht zu geben. Das Einverständnis zwischen der Macht und denen, die über sie berichten, ist jeden Tag in Zeitungen und Zeitschriften nachzulesen. Die Pressestelle ruft und wir eilen hin. Die Pressestelle der Gegenseite ruft und wir eilen wieder hin. Jeden Tag eine andere Wahrheit. In den elektronischen Medien gar jede Stunde. Tatsächlich droht hinter den Aufgeregtheiten der täglichen Hektik das Verständnis für die großen Prozesse, für die langfristigen Verschiebungen zu kurz zu kommen. Allerdings missversteht man die Weltgeschichte, wenn man glaubt, sie spiele sich gewissermaßen hinter den Kulissen des Tagesgeschäfts ab. Sie entwickelt sich vielmehr durch dieses hindurch. Es ist schwierig, mitten unter den Bäumen den Wald zu erkennen. Aber es gibt keinen Wald ohne Bäume.

Was nun Günter Grass' Einsichten angeht, die er der oberflächlichen Wahrnehmung der Journalisten gegenüberstellt, so hat er sie in Gänze der von ihm so verachteten Zeitungswelt entnommen. Seine Kritik des Einigungsprozesses basiert nicht auf eigenen Recherchen, seine Kritik am Lobbyismus, an der Abschaffung der Wehrpflicht, stützt sich auf Publikationen der von ihm gescholtenen Presse. Die Munition, die er heranschafft, um das Bündnis von Wirtschaft, Staat und Presse zu bombardieren, stammt von diesen drei. Denn wie jeder weiß, lebt der recherchierende Journalist in erster Linie nicht von seiner guten Nase, sondern von seinen Informanten in Wirtschaft und Behörden.

Günter Grass hat Recht. Die Presse macht zu wenig. Aber sie macht immer noch mehr als die meisten von uns. Sie ist eine Institution. Sie bewegt sich also langsamer als manche Einzelne. Sie ist immer in Gefahr, der Herde zu folgen. Sie erliegt auch nur zu oft der Versuchung, der Herde, glaubt sie einmal, die Richtung erkannt zu haben, voranzugehen. Das Guttenberg-Fieber ist ein schönes Beispiel. Aber dann platzt die Blase wieder und das, was Grass der Presse vorwirft - ihre Unstetigkeit - wird zu einem Vorteil. Vor ein paar Jahren bildete sich in einer Frage, die Günter Grass besonders am Herzen lag, ein scheinbar übermächtiges Kartell: Bild, Spiegel und Frankfurter Allgemeine Zeitung waren gegen die Rechtschreibreform. Ohne Erfolg.

Eine Lächerlichkeit angesichts der grundsätzlichen Einigkeit in den Grundfragen, wird Günter Grass sagen. Auch damit hat er Recht. Gegen Ende seiner Rede skizziert Günter Grass die Weltlage: "Krisen, die weitere Krisen hecken, der ungebremste Anstieg der Weltbevölkerung, die durch Wassermangel, Hunger und Verelendung ausgelösten Flüchtlingsströme und die von Menschen gemachte Klimaveränderung". Er hat auch da Recht und er und wir könnten noch vieles andere hinzufügen. Er hat auch Recht damit, dass unsere derzeitige Art, Wirtschaft und Politik - er vergisst die Kultur mit zu erwähnen - zu betreiben, diese Krisen eher verschärft als dass sie in der Lage wäre, uns bei ihrer Lösung zu helfen.

Grass eskaliert seine Argumentation: "Die gegenwärtigen Ermüdungs- und Zerfallserscheinungen im Gefüge unseres Staates bieten Anlass genug, ernsthaft daran zu zweifeln, ob unsere Verfassung noch garantiert, was sie verspricht". Dieser Zweifel ist so alt wie die Verfassung selbst. Und er ist berechtigt von Anfang an. Dann setzt Grass noch einmal an: "Das Auseinandertriften in eine Klassengesellschaft mit verarmender Mehrheit und sich absondernder reicher Oberschicht, der Schuldenberg, dessen Gipfel mittlerweile von einer Wolke aus Nullen verhüllt ist, die Unfähigkeit und dargestellte Ohnmacht freigewählter Parlamentarier gegenüber der geballten Macht der Interessenverbände und nicht zuletzt der Würgegriff der Banken machen aus meiner Sicht die Notwendigkeit vordringlich, etwas bislang Unaussprechliches zu tun, nämlich die Systemfrage zu stellen."

Was meint er damit? Die Revolution. Nein, da winkt er ab. Es geht darum, so erläutert er: fordernd Fragen zu stellen. Zum Beispiel diese: "Ist ein der Demokratie wie zwanghaft vorgeschriebenes kapitalistisches System, in dem sich die Finanzwirtschaft weitgehend von der realen Ökonomie gelöst hat, doch diese wiederholt durch hausgemachte Krisen, gefährdet, noch zumutbar? Sollen uns weiterhin die Glaubensartikel Markt, Konsum und Profit als Religionsersatz tauglich sein?" Nein, natürlich nicht, sagt man. Dann aber sieht man sich die Sätze näher an. Und man fragt sich, ob das eine Beschreibung der Realität ist oder ob da nicht doch die Rhetorik mit Grass durchgegangen ist. Wie soll eine krisenfreie Wirtschaft aussehen? Wer weiß, wie man nicht am Markt scheitert? Wie soll eine Wirtschaft ohne Markt organisiert sein? Für wen sind Markt, Konsum und Profit Religionsersatz? Wir leben in einer Welt, in der Religionen Zuwachsraten haben, wie selten in der Geschichte. Und gerade nicht die von Markt, Konsum und Profit.

Eine andere "fordernde Frage" lautet: "Hat die von uns gewählte Staatsform, also die parlamentarische Demokratie, noch den Willen und auch die Kraft, diesen auf sie übergreifenden Zerfall abzuwenden?" Es ist eine bange Frage, die sich viele und - verzeihen Sie - besonders viele Journalisten stellen. Sie wird nicht erst seit heute gestellt. Die Debatte darüber, wie die Vier-Jahres-Demokratie ergänzt werden kann, ist so alt wie die Bundesrepublik. Längst gibt es auf zahlreichen Ebenen Bürgerbeteiligungen. Nicht genug, aber doch so viele, dass wir schon viel genauere Fragen als die angeblich so fordernde von Grass stellen können. Die Fragen, die Günter Grass vergangenen Samstag stellte, inklusive der "Systemfrage", erinnern an die Fragen, die 1968 gestellt wurden. Damals antwortete Grass mit "Es Pe De" und dem Tagebuch einer Schnecke. Jetzt scheint die Schnecke im Jahre 1968 angekommen zu sein. Glücklicherweise sind aber die 68er und die Geschichte weiter gegangen.

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