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Mitteldeutsche Zeitung | Interview mit Stargeiger David Garrett: Konzert in Halle bleibt einziges in Ostdeutschland
11. March 2015
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Interview mit Stargeiger David Garrett: Konzert in Halle bleibt einziges in Ostdeutschland

Klassischer Verführer: David Garrett spielt gern mit seinem Image.

Klassischer Verführer: David Garrett spielt gern mit seinem Image.

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Agentur

Die Mischung zwischen klassischem Repertoire und Ausflügen in die Rock- und Popwelt machte Geiger David Garrett zu einem Star. Bei seinem Konzert am 19. März in Halle kommt er jedoch ganz klassisch daher. Zum ersten Mal interpretiert der 34-Jährige alle drei Violinsonaten von Johannes Brahms, die als Meisterwerke der klassischen Kammermusik gelten, an einem Abend. Das Konzert in der Händel-Halle, im übrigen das einzige in Ostdeutschland, beginnt um 20 Uhr. Für die MZ hat Joachim Lange mit David Garrett gesprochen.

Sie müssen bei dem Programm den Kalauer als erste Frage gestatten: Lieben Sie Brahms?

Garrett: Absolut. Brahms ist einer meiner Favoriten. Besonders bei der Spätromantik und das für die Geige Geschriebene. Brahms ist da einer der ganz Großen!

Haben Sie mit den drei Violinsonaten, die Sie jetzt auf der Tournee vorstellen, Erfahrungen?

Garrett: Mit allen drei zusammen noch nicht. Die zweite und dritte Sonate kenne ich seit vielen Jahren, die habe ich schon als Teenager gespielt. Die erste spiele ich jetzt zum allerersten Mal im Konzert. Zusammengenommen ist das ein sehr anspruchsvolles, aber auch sehr schönes Projekt. Die drei Brahms-Sonaten gehören mit Sicherheit zum Schönsten auf dem Gebiet und ich bin guter Dinge, dass das Publikum das auch so sieht und mitgeht.

Sie absolvieren auf dieser Tour zwölf Konzerte und vier davon sogar ohne einen Pausentag dazwischen. Ist das eher beflügelnd oder purer Stress?

Garrett: Das ist schon sehr anstrengend. Das muss ich wirklich sagen. Aber ich bin jemand, der körperlich sehr fit ist und auch im Kopf funktioniert (lacht). Ich bin zuversichtlich, dass mich das nicht niederschlagen wird. Ganz im Gegenteil. Ich freue mich wahnsinnig auf diese Tournee.

Spielt man sich da eher rein…?

Garrett: Gerade habe ich in Moskau gespielt, dann zweimal in Turin, jetzt geht es nach Neapel. Ich bin gerade in der Spätromantik und freu mich wirklich darauf, Mitte des Monats die Brahms-Sonaten zu spielen.

Ist dieses Programm mit Blick auf Ihre Crossover-Konzerte ein Gegengewicht?

Garrett: Nein. Das ist ja das, was ich seit Jahren super gerne mache. Seit der Kindheit ist genau das meine Heimat. Crossover ist ja für mich so ein musikalischer Abenteuerurlaub. Was sicherlich ganz wichtig ist, um Klassik interessant zu machen. Ob das jetzt über meine Person geht und über die Crossover-Schiene - das ist letztenendes völlig egal. Hauptsache viele junge Menschen bekommen Lust, sich das auch mal im Konzert anzuhören. Und damit ist ja mein Job mehr als getan.

Sie machen das, was und wie Sie es machen, schon bewusst mit diesem Ziel, zu verführen?

Garrett: Absolut. Ich schreibe niemandem vor, wie man ein neues Publikum für die Musik begeistert. Bei mir funktioniert es. Ich hab viel Spaß dabei und es ist ja auch ein sehr abwechslungsreiches Leben.

Für die Konzertankündigung wurde ein sexy Foto veröffentlicht, mit offenem Jackett und nix drunter und wehendem Haar…..

Garrett: Das hat ja nichts mit der Qualität des Spielens zu tun. Das steht ja in keinem Bezug. Ob man jetzt gute Musik schön verpackt verkauft… Es geht letztlich um die Qualität der Musik.

Ihr Image spielt aber schon eine große Rolle. Ist das von Ihnen so gewollt und gesteuert?

Garrett: Na klar. Das habe ich damals so was von selber angezettelt. Viele waren am Anfang sehr skeptisch. Aber meine Konsequenz, das durchzuziehen, hat dann ja doch zum Erfolg geführt.

Lesen Sie auf Seite 2, wieso David Garrett negative Kritik der Fachpresse wenig stört.

Stört es Sie, wenn Sie von der klassischen Fachkritik angezählt werden?

Garrett: Wissen Sie, ich habe gerade mit Zubin Mehta aufgenommen und mit Riccardo Chailly in Mailand. Wenn man solche Engagements hat, dann sieht man das sehr, sehr locker.

Haben Sie eine besondere Idee zu Brahms? Welchen kriegen wir von Ihnen zu hören?

Garrett: Das Allerwichtigste ist, dass man sich an den Urtext hält. Wenn man, wie jetzt, wieder damit anfängt, kauft man sich neue Noten. Dabei muss man die Dinge, die man früher instinktiv gemacht hat, noch mal hinterfragen. Itzhak Perlman hat mir den wunderbaren Satz mitgegeben: „Wenn Du nicht weißt, warum du etwas machst, dann mach es nicht“. Man beschäftigt sich aber nicht nur viel mit dem Geigen-, sondern auch mit dem Klavierpart. Ich glaube, dass gerade bei Kammermusik das Zuhören das A und O ist. Die Quintessenz von Musik ist halt Kammermusik...

...da kann man eben nicht mogeln.

Garrett: Man beschäftigt sich natürlich auch mit Brahms als Person und mit seinem Leben, das ist klar. Etwa die wunderbare Freundschaft mit Joseph Joachim. Das hat sich auf den Geigenpart der Sonaten ausgewirkt.

Ist dieser Einfluss des berühmten Geigen-Virtuosen auf seinen Komponisten-Freund eine besondere Herausforderung?

Garrett: Es gibt Sachen, die sind technisch anspruchsvoll. Für mich ist die erste Sonate die anspruchsvollste. Gerade weil hier wenig Virtuosität verarbeitet ist. Dementsprechend kann man sich auch nicht hinter seiner Virtuosität verstecken. Es ist schwierig, die Einfachheit rüberzubringen, ohne dabei zu verkrampfen. Die dritte ist wahrscheinlich die technisch anspruchsvollste, sowohl im Klavier- als auch im Geigenpart. Wir fangen etwas unprätentiös mit der zweiten an und enden mit der ersten. Es ist ja keine Oper, wo die Akte aufeinanderfolgen müssen. Jede Sonate steht für sich.

Kommen Sie mit Ihrer Stradivari auf die Bühne?

Garrett: Wenn ich Crossover mit Verstärker am Instrument spiele, dann nicht. Aber sonst ist sie immer die erste Wahl.

Spielt es für Sie auf einer Tournee eine Rolle, in welcher Stadt Sie spielen?

Garrett: Im Endeffekt bereite ich meine Musik vor und versuche, meinen Standard zu verbessern und eine tolle Interpretation abzuliefern. Wo ich spiele, ist da nicht so wichtig. Es zählt, was auf der Bühne passiert. Und von den Städten bekommen ich leider oft gar nicht viel mit, weil alles sehr konkret durchgeplant ist. (mz)

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