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Interview-Buch zum Ende der DDR in Halle vorgestellt: „War das die Wende, die wir wollten?“

Massendemonstration auf dem Alexanderplatz in Berlin am 4. November 1989

Wende zum Ende: Massendemonstration auf dem Alexanderplatz in Berlin am 4. November 1989

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dpa

halle (Saale) -

„War das die Wende, die wir wollten?“ Das ist der Titel eines Buches, das Interviews mit 25 „Zeitgenossen“ sammelt. Durchaus nicht Zeitgenossen von nebenan. Auffällig ist die Häufung von staatsnahen DDR-Künstlern, denen 1989 auch einige persönliche Vorteile verloren gingen: unter anderen die Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser, die Schauspielerin Jutta Wachowiak, der Maler Ronald Paris, die Schriftsteller Rainer Kirsch und Gerhard Wolf. Aber auch der im Juni gestorbene Bürgerrechtler Hans-Jochen Tschiche und der vormalige Kirchenfunktionär und Politiker Manfred Stolpe kommen zu Wort. Mit all diesen Menschen sprach die Ostberliner Journalistin Burga Kalinowski.

Nun ist es 25 Jahre danach sehr spät für ein solches Unternehmen, denn die Erinnerungen werden mit zeitlichem Abstand nicht zuverlässiger, die Analysen nicht genauer. Statt Erinnerungsgeschichte müsste heute die Geschichtsforschung vorangetrieben werden. Aber um die geht es nicht. Bei allem journalistischen Gepräge des Interview-Bandes gibt sich dieser schnell als ein ostalgisches Erbauungsbuch zu erkennen. Das soll, heißt es im Vorwort, gegen das „Erinnerungsimplantat“ des „politisch Zeitgemäßen“ wirken. Denn: „Ostmenschen wissen, wie das geht: 25 Jahre lang haben und wurden sie auf die richtige Erinnerung hin trainiert.“ Kalinowski, die in den 1980er Jahren für das DDR-Fernsehen arbeitete, kennt sich damit aus.

Verwirrende Buchvorstellung in Halle

Bereits die Titelfrage ist suggestiv gestellt. Und in Details ungenau. 1989 vollzog sich keine „Wende“, sondern der Anfang vom Ende der DDR. Und wer sind „wir“? Der Leser und Manfred Stolpe? Der Leser und Gisela Oechelhaueser? Die verwirrende Frage versprach denn auch eine verwirrende Buchvorstellung am Montagabend in Halle. Man wurde nicht enttäuscht.

Fünf Personen saßen auf dem Podium der „Kammer“ im Neuen Theater. Um die aufmerksam Rotwein verteilende Autorin herum die von ihr Interviewten: Theaterintendant Matthias Brenner, der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel, der Berliner Naturwissenschaftler Daniel Rapoport und, weil er in Vorbereitung der Premiere von „Bornholmer Straße“ im Haus war - Harald Jäger, der Offizier, der am 9. November 1989 den Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße öffnete. Jeder dieser Gäste wäre ein eigenes, in der Sache nachhakendes Gespräch wert gewesen, dem die lustig schwadronierende Moderatorin aber nicht gewachsen wäre. Ihre Fragen überrumpelten und kumpelten auf Duz-Freund komm raus, ihre schwer in die DDR verliebten Statements ließen staunen. Zum Beispiel dieses, dass die DDR ein „sozialistisches Experiment“ gewesen sei, das von „der Mehrheit“ des Volkes getragen worden wäre. Hier wird einfach die Mauer ausgeblendet, die gegen die DDR-Bevölkerung errichtet wurde. Das ist Erinnerungspolitik 25 Jahre danach. Widerspruchslos im öffentlichen Raum.

Sentimentale Appelle und idealistische DDR-Verklärungen

Man hätte es kaum für möglich gehalten: Ausgerechnet Peter-Michael Diestel, der als Mecklenburger Promi-Anwalt sein Aufsteigertum genüsslich ausstellt, ist die Stimme der realpolitischen Vernunft auf diesem Podium, das von sentimentalen Appellen („Widerstand leisten“) und idealistischen DDR-Verklärungen nur so geschüttelt wird. So kann es Daniel Rapoport, der als ein Mann vom Jahrgang 1972 von der realen DDR fast nichts weiß, aber viel zu berichten hat, noch immer nicht fassen, dass die DDR-Mehrheit sich von der Idee, den Sozialismus zu erneuern, so schnell abgewendet hatte.

Da kann ihm Diestel, der von sich sagt, dass er „das halbe Politbüro“ juristisch vertreten habe, helfen: „Glauben Sie mir: Mit diesen Leuten ging es nicht!“ Der Anwalt plauderte von seinen Gesprächen mit Honecker. Wie der zu Diestel gesagt habe, dass er doch in der DDR eine gute Zeit gehabt hätte. Und Diestel erwiderte, dass davon nicht die Rede sein könne, weil ihn die DDR ja nicht haben wollte, weil ihm überall, wo er sich beworben hatte, „Pappnasen“ vorgezogen wurden. Und wie Honecker geantwortet haben soll: „Ja, unser Problem waren die Kader.“

Harald Jäger wirbt dafür Europas Grenzen offen zu halten

Wozu Brenner bekannte, dass er eher zu denen gehörte, die Honecker bevorzugt hätte. Als Schüler trat der Meininger in die SED ein, „mit dem absurden Gedanken“, die Organisation zu verändern; in den 80er Jahren trat er wieder aus. Spätestens 1988 - mit dem Verbot der Zeitschrift „Sputnik“ und dem Karl-Marx-Orden für den rumänischen Diktator Ceausescu - sei für ihn klar gewesen, dass die DDR keine Existenzberechtigung mehr gehabt hätte. Das Jahr 1989 nahm Brenner dann hin. Er sagt es fast wie von Volker Braun gedichtet: „Die Wende, die ich nicht wollte, weil ich sie nicht wusste, und die mich überkam wie ein Geschenk.“

Das war es letzthin auch für Harald Jäger, der als Stasi-Offizier freilich erst Mitte Dezember 1989 den Westen betreten durfte. Das Begrüßungsgeld holte er sich sofort. In Halle wirbt er dafür, die Grenzen in Europa offen zu halten. Ein Einwurf, der die Moderatorin wiederholt und durchaus dankbar auf die Katastrophen der Gegenwart schwenken lässt, auf die Kriege draußen, Pegida drinnen. Ereignisse, die die DDR plötzlich als heimelig erscheinen lassen.

Immerhin beschert der Pegida-Schwenk der Stadt Halle ein schönes Statement von Matthias Brenner. Er lobt den Langmut und den Realitätssinn der Hallenser, mit denen diese den Flüchtlingen begegnen. Eine Selbstverständlichkeit zeige sich da, an der Stimmungsmache einfach abpralle. „Wir sagen hier nicht: Wir schaffen das, sondern wir machen das.“ (mz)