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Goitzsche Front aus Bitterfeld: Hart, aber herzlich

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Bitterfeld -

Es gab diesen Moment, da musste Maximilian Beuster rausgehen. „Ich hätte sonst weinen müssen“, sagt er, „das ging einfach so tief.“ Pascal Bock, den alle nur Bocki nennen, nickt daneben. „Wie die gesungen haben, mit einer Inbrunst“, flüstert der Hüne mit den großen Tattoos, „das hat mich gepackt, da lief die Gänsehaut den Rücken runter.“

So geht das manchmal bei der Musik der Bitterfelder Band Goitzsche Front, bei der Bock singt, während Maxi Beuster die Gitarre spielt. Eigentlich sind die beiden zusammen mit Bassmann Christian „Ulze“ Schulze und Trommler Tom Neubauer eine Punkrock-Truppe, die kraftstrotzende Hymnen spielt, bei denen die Fäuste der Fans in die Luft fliegen. Aber als sie für ihre Ballade „Menschlich“ beim Harzgeröder Behindertenheim Haus Einetal fragten, ob nicht ein paar der Bewohner Lust hätten, mitzusingen, schlug die Idee auf ihre Urheber zurück. „Ich bleibe menschlich, ich lebe, ich bin so, wie ich bin“, singt Pascal Bock, was damals die Patienten im Einetal gesungen haben. Der Goitzsche-Front-Sänger ist ein Riese mit Glatze und Tattoos, der keine Angst vor Gefühlen kennt, jetzt aber verstummt. Für einen Moment ist der große Mann eingeholt von der Erinnerung an den herzzerreißenden Augenblick, das eigene Lied aus fremden Mündern zu hören. „Die Mädchen und Jungs haben genau verstanden, was wir meinen.“

Echt sein, sich nicht anpassen und machen, was man selbst für richtig hält - seit der 27-jährige Bock und seine Kindergartenkumpel Schulze und Neubauer ihre Band vor sieben Jahren mit wenig Können und viel Euphorie gründeten, sind die Musiker aus Bitterfeld diesem Grundsatz treu geblieben. Es ging nie um Image, Stromlinienform und Mode. „Sondern darum, zu machen, was man glaubt, tun zu müssen“, wie Bock sagt. Maximilian Beuster, mit 21 der Jüngste der Band, bestätigt das. „Wir sind wirklich nicht nur Bandkollegen, sondern die allerbesten Freunde.“

Erfolg folgte der Freundschaft

Der Erfolg folgte der Freundschaft: Das neue, inzwischen dritte GF-Album „Mo(nu)ment“ schoss nach der Veröffentlichung auf Platz 16 der deutschen Albumcharts. Erfolgreicher war seit Tokio Hotel keine Rockband aus Sachsen-Anhalt.

Umso erstaunlicher ist das, weil Bocki, Maxi, Ulze und TT alles andere machen als stromlinienförmige Radiomusik. Das Quartett, das Hits anderer Bands nachspielte, bis Pascal Bock den ersten eigenen Text in den Proberaum schleppte, produziert echte Rockmusik mit schwerem Schlagzeugkrawall, schnittigen Gitarrenriffs, Uhuhu-Chören und einem bollernden Bass. Dazu singt Bock mit tiefer Stimme und hoher Überzeugungskraft von Verzweiflung, Liebe und der Macht der Gemeinsamkeit, die über alle Enttäuschungen hinweghilft. „Der Osten rockt“ und „Männer aus Stahl“ spielen lässig und witzig mit Ostklischees, „Hafen und Herz“ widmet sich mit blutendem Herzen dem Pendlerheimweh und „Schweinepriester“ prangert politischen Extremismus an.

Internationale Klassiker wie Bad Religion oder die Ramones, aber auch deutsche Stars wie die Toten Hosen, Dritte Wahl oder die Böhsen Onkelz stehen hier Pate. Es gibt Romantik und Stolz, es ist von Freundschaft die Rede, vom Tod und davon, dass das Leben nicht dazu da ist, an seinem Ende etwas zu bereuen. „Man muss zu Dingen stehen, die man tut, denn die machen einen erst zu dem, der man ist“, sagt Pascal Bock, der auf der Bühne wie ein Vulkan brodelt, sich im Gespräch aber als nachdenklicher Feingeist zeigt. Wer sich anpasse und ändere und auf andere höre, sei irgendwann nicht mehr er selbst, glaubt auch Maxi. „Das merken die Fans deiner Musik an.“

Was klingt wie die üblichen Echtheitsversicherungen der großen Stars, hat hier schon seine erste Bewährungsprobe überstanden. „Unser Name, natürlich“, sagt Bock, „Rock ’n’ Roll“ auf die Brust tätowiert und hauptberuflich bei BMW in Leipzig. Als sie damals noch im Keller probten, öfter Bierflaschen in der Hand als Instrumente, schien „Goitzsche Front“ alles zu haben, was sie wollten. „Region, Heimat und Front für die Verbundenheit, die hier alle geeint hat, als die Flut die ganze Region überspülte.“ Als das erste eigene Album „Musik ist mein Blut“ dann besser lief als erwartet - „das haben nicht nur Freunde aus Mitleid gekauft“, grient Bock - stand irgendwann die Frage, ob der Name nicht Missverständnisse hervorrufen könnte. „Der Sänger mit Glatze, der Bandname mit Front, da findet sich immer jemand, der nichts weiß, aber empört ist“, sagt Maxi Beuster, der hauptberuflich in einem Restaurant direkt an der Goitzsche als Empfangschef arbeitet und jeden Tag sehen kann, „wie schön es hier ist“.

Deutschlandweit ausverkaufte Hallen

Doch nicht deswegen war auch er dafür, beim alten Namen zu bleiben. „Wir definieren, was er bedeutet“, sagt Pascal Bock, „und wenn das der schwere Weg ist, dann gehen wir eben den.“ Es war die einzig richtige Antwort auf eine von vornherein falsche Frage, da sind die beiden Musiker einig. „Authentizität“, sagt Pascal Bock mit sanfter Stimme, „kommt nicht davon, dass man sie behauptet, sondern dass man sie lebt.“ Bock und Beuster, im kleinen Bitterfeld zueinandergekommen, weil „meine Mutter mir damals erzählt hat, dass der Neffe einer Kollegin einen Gitarristen sucht“, haben die Entscheidung nicht bereut. „Nur wenn wir uns glauben, sind wir für andere glaubwürdig.“

Sie spielen nicht und sie schielen nicht nach schnellen Hits. „Wir hängen dauernd zusammen, probieren, trinken ein Bier, schwatzen und basteln an Liedern.“ Unterwegs auf Tour teilen der große Breite und der kleine Schmale zudem ein Zimmer. Das passiert immer öfter, denn wo das zweite Album „Aus Ruinen“ noch Geheimtipp war, beschert der Nachfolger der Goitzsche Front deutschlandweit ausverkaufte Hallen. „Es ist unfassbar“, beschreibt Maxi Beuster, „für uns war das ja nicht mal ein Traum. “ Vor ein paar Jahren, erinnert sich Pascal Bock, hätten sie doch noch „vor elf Leuten in Mecklenburg gespielt“. Und vor zwei Jahren erst ergatterten sie einen Job als Vorband für eine andere Gruppe in einer großen Halle in Magdeburg. „Jetzt haben wir da wieder gespielt - diesmal als Hauptact vor ausverkauftem Haus.“

Es ist wie ein Wunder, auf das niemand gewartet hat, weil es gar nicht passieren konnte. Bock ist nicht Caruso, Beuster nicht Hendrix und auch die Rhythmus- Sektion der Front steht nicht im Verdacht, einem genialen Duo wie Keith Moon und John Entwistle von The Who den Rang ablaufen zu wollen. „Aber Bocki schreibt Texte, die die Leute verstehen und nachfühlen können“, sagt Maxi Beuster. Und die Band packt das in herzhafte Melodien, die vor der Bühne für tobende Begeisterung, zuweilen aber auch für Tränen sorgen. „Wenn Du von oben siehst“, beschreibt Bock, „dass du jemanden mit deinem Lied an der Seele berührt hast, bekommst du einen Kloß in den Hals.“

Und ein Gefühl der Dankbarkeit, das so schnell nicht mehr weggeht. Die Goitzsche Front fliegt seit Monaten auf einer Welle aus Staunen und Glück von Auftritt zu Auftritt. „Wir liegen dann abends im Zimmer und fragen uns, womit haben wir es verdient, dass wir dieses Leben leben dürfen“, erzählt Maxi Beuster. Haben nicht viele gesagt, eure Band, die braucht kein Mensch? Steck weg das Zeug, wird sowieso nichts? Beuster schmunzelt in der Erinnerung. „Die Fans haben uns dahin gebracht, wo wir sind“, sagt er, „das werden wir nie vergessen.“ Geht ja auch gar nicht, denn wenn sie im Konzert den Song „Menschlich“ spielen, diese stille, zu Herzen gehende Ballade, setzt sich Pascal Bock immer auf einen Holzhocker mit irrer Beleuchtung. Das ist kein Möbel aus dem Laden. Nein, den Hocker haben die Fans aus dem Heim Einetal ihrer Lieblingsband gezimmert.