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Gerhard Richter: Das Geschenk der Schönheit

Uhr | Aktualisiert 08.02.2012 18:55 Uhr
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Gerhard Richter

Der Künstler und sein Kosmos: Gerhard Richter in der Ausstellung «Atlas», die derzeit im Dresdner Lipsiusbau gezeigt wird. FOTO: DPA

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Der Maler Gerhard Richter hat sich mit fotorealistischen wie mit abstrakten Bildern immer wieder gegen den Zeitgeist gestellt. Am Donnerstag wird er 80 Jahre alt.
KÖLN/MZ. 

Gerhard Richter gilt als menschenscheu und sein Werk als schwierig. Dabei bringt er wichtige Voraussetzungen für einen Publikumsliebling mit: handwerkliche Virtuosität und Hang zum Schönen. Doch Richter ist eben auch ein Künstler des Sich-Entziehens, der seine Karriere in den 60er Jahren mit einem Scherz, der Erfindung des "kapitalistischen Realismus", begann, dann schwarzweiße Gebrauchsfotografien in verschwommener Optik abmalte und schließlich auf die Seite der gerade unmodisch gewordenen abstrakten Malerei wechselte, wo er nach Industrieschema geordnete bunte Farbtafeln und graue Schlieren im Großformat schuf. So wurde er als wandelnde Gegenthese zu gängigen Strömungen berühmt und auch ein wenig berüchtigt - wie jemand, der sich standhaft weigert, die Welt durch die Konsensbrille zu sehen.

Am Donnerstag feiert Gerhard Richter seinen 80. Geburtstag und die Kunstwelt einen Mann, der wie kein anderer seiner Generation beweist, dass die schon oft totgesagte Malerei noch sehr lebendig ist. Der große Erfolg setzte für den seit 1983 in Köln lebenden Richter in den 90er Jahren ein, als die renommiertesten Museen der Welt begannen, ihm Retrospektiven einzurichten. Seitdem erzielen vor allem seine "fotorealistischen" Werke Höchstpreise bei Auktionen: Eine "Kerze" von 1982 erhielt beim englischen Auktionshaus Sotheby's zuletzt für 12 Millionen Euro den Zuschlag. Auch die schwerer verkäuflichen abstrakten Großformate haben ihren Platz in der Kunstgeschichte.

Der Schlüssel zu Richters Charakter und Kunst liegt darin, dass er es weder sich noch anderen einfach macht. Sein gesamtes Frühwerk hat er zerstört, und er macht, wie letzte Woche noch einmal bestätigt wurde, mit dieser vernichtenden Form der Selbstkritik auch vor späteren Arbeiten nicht Halt. Interviews sind nicht sein Fall und Interpretationen überlässt er anderen: "Bilder, die deutbar sind und Sinn enthalten, sind schlechte Bilder." Es liegt nahe, diese Flucht vor der Eindeutigkeit auch biografisch zu erklären: Richter wurde 1932 in Dresden geboren, wuchs im NS-Staat auf und erlebte die Gängelung der Künstler in der DDR als Student der Dresdner Kunstakademie und später als Bühnen- und Plakatmaler. 1961 ging er nach Düsseldorf, gerade noch rechtzeitig vor dem Mauerbau; seine in der DDR gebliebenen Eltern hat Richter nie wiedergesehen.

Am ehesten greifbar wird Richter in seinem Verhältnis zur Fotografie. Er malt nicht nur häufig nach Fotos, die er in einem Atlas genannten Arbeitsbuch sammelt. Sondern er versucht mit seinem gesamten Werk, den Schock der Fotografie zu überwinden: Die schmerzliche Einsicht, dass sich die Welt durch bloßes Auslösen eines Mechanismus wahrhaftiger darstellen lässt, als es ein Maler mit dem Pinsel kann. Im Grunde siegt im Foto Zufall über Gestaltung, was übrigens auch vielen Fotografen Kopfzerbrechen bereitete. Anfang des 20. Jahrhunderts nutzte die Gruppe der "Piktorialisten" deshalb spezielle Druckverfahren, um ihre Aufnahmen in "malerische" Unschärfe zu tauchen; die Ähnlichkeit mit Richters Arbeiten ist verblüffend.

Mit seiner "fotorealistischen" Malerei hat er sich - ob bewusst oder nicht - zum Gegenspieler des einflussreichsten Künstlers der Nachkriegszeit gemacht: Andy Warhol. In den frühen 60er Jahren verabschiedete der Pop-Art-Künstler mit seinen ebenfalls nach Fotografien entstandenen "Death and Disaster Paintings", die trotz ihres Namens in Wahrheit Siebdrucke sind, die klassische Malerei auf den Abfallhaufen der Geschichte und wählte dazu absichtsvoll "hässliche" Motive von Autounfällen oder Hinrichtungsstätten aus. Richters Antworten darauf sind Anteilnahme und das Schöne, das er bevorzugt in Landschaften, Stillleben und Frauenporträts, letztlich aber in allem Malerischen findet.

Richters bekannteste Auseinandersetzung mit dem Medium ist der Zyklus "18. Oktober 1977": Auf fünfzehn Gemälden malte er 1988 Polizei- und Pressefotos nach, die neben den toten RAF-Terroristen das Innere von Zellen oder Tatorte zeigen. Dieser seltene Bezug zur Politik trug ihm prompt den Vorwurf ein, das tragische Ereignis auszuschlachten. Dabei zeigt sich hier der springende Punkt seiner gegenständlichen Malerei und die Antwort auf die Frage, warum jemand sein halbes Leben damit zubringt, in tagelanger Arbeit nachzuahmen, was ein Apparat in Sekundenbruchteilen aufgezeichnet hat: Es ist der Wunsch, der im fotografischen Bild "erlegten" Realität durch die lebendige Berührung der Malerei neuen Atem einzuhauchen. Indem er die Fotografien in die ferne Nähe der Unschärfe entrückt, möchte er sie in etwas zurück verwandeln, was sich nicht eindeutig erschließt: "Mich interessiert nur, was ich nicht kapiere".

Um den Zufall als Schöpfer geht es auch in Richters abstraktem Werk. Wenn er kiloweise Farben verteilt und mit langen Rakeln Schlieren zieht, lässt sich nichts wirklich planen. Richter sagt dazu, dass er sich dem Zufall überlasse, um ihn gestalten zu können. Natürlich ist das ein Paradox, das man nicht rational erklären und höchstens vor den Bildern empfinden kann. In jedem Fall ist es eine titanische Aufgabe: Atlas heißt nicht nur sein Sammelbuch mit Motiven, Atlas, das ist Richter selbst. Ein Titan, der, von den Göttern gestraft und zugleich geadelt, das Himmelsgewölbe der Malerei stützt.

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