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Gebrüder Grimm: Märchenhafte Thriller

Uhr | Aktualisiert 24.12.2012 11:03 Uhr

Figuren aus Grimms Märchen, gezeichnet von Klaus Häring

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Als Sammler von Märchen, die sich das Volk erzählte, sind die Grimms weltberühmt geworden. Die Geschichten geben auch ein Bild der sozialen Lage.
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Halle (Saale)/MZ. 

Von einem Märchen spricht man auch heutzutage oft, nur ist dabei von etwas Schönem, ja Wunderbaren die Rede - oder wenigstens von der Hoffnung, dass dies auch eintreffen werde. Erinnern wir uns an das Sommermärchen, an dessen Ende im Jahr 2008 der Gastgeber Deutschland auf den Titel eines Fußballeuropameisters hoffte. Es wurde dann leider nichts daraus, aber die Stimmung im Lande war einigermaßen hochgemut, nicht hochmütig, wie es im Lande der einstigen Blitzkrieger, die ihre Niederlage nur schlecht verdaut haben, ja auch schon vorgekommen ist und immer noch vorkommt.

Das Attribut märchenhaft wird gern auch bemüht, um die Schönheit eines geliebten Menschen zu beschreiben. Oder den Reichtum eines Ölscheichs oder des Inhabers eines Lebensmitteldiscounters. Oder man sieht die perlenschimmernde, blattgoldene Prachtentfaltung einer königlichen Hochzeit, allemal eine schöne Gelegenheit für den europäischen Hochadelstrupp, zur Betriebsversammlung aufzulaufen. Und ein Fest für die Fans.

Märchen werden also in den meisten Fällen instinktiv positiv bewertet, allenfalls geraten sie gelegentlich in den Ruf der Lügengeschichte: "Erzähl' mir keine Märchen!", herrscht schon mal ein Erziehungsberechtigter sein Kind an, wenn es erst mitten in der Nacht nach Hause kommt.

Was aber ist mit den Märchen selber, den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm? Jene Geschichten, über denen unsereins in fernen Kindertagen mit rotglühenden Wangen hockte, so aufregend war die Lektüre? Und oftmals erst in der Auflösung von jener Art, die wir märchenhaft nennen würden. Zuvor geht es nicht selten nämlich sehr hart zur Sache.

Denken wir nur an Hänsel und Gretel, die Protagonisten eines echten Sozialkrimis mit dem Zeug zum Psychoschocker. Was hier ausgebreitet wird, ist ja kein Spaß: Die Kinder wachsen in einer bettelarmen Familie auf, deren Not so groß ist, dass das wenige Essen nicht mehr für alle zu reichen droht.

Da kommt die Stiefmutter auf finstere Gedanken, Hänsel und Gretel sollen im Wald zurückgelassen werden. Der Vater sträubt sich noch ein Weilchen, dann knickt er ein. Also geschieht es, und im zweiten Anlauf wird die böse Idee auch verwirklicht. Hänsels List, nun Brotbrocken statt, wie beim ersten Mal, Kieselsteine auszustreuen, um den Rückweg ins Elternhaus zu finden, hält dem Hunger der Vögel nicht stand. Die Kinder verirren sich im Wald.

Es sollt gutmeinende Menschen geben, die ihren Sprösslingen keine Märchen mehr vorlesen wollen, weil ihnen das Erzählte gar zu grausam vorkommt. Das kann man verstehen und auch wieder nicht: Denn es wird nicht lange dauern, bis Hans und Grete vor ihrem eigenen Laptop hocken und heftige Spiele aus dem Internet herunterladen, angesichts derer Mama und Papa erst recht in Ohnmacht fallen müssten. Und die Welt dort draußen, hinter dem hübschen Gärtchen am Haus, ist sowieso keine Kuschelwiese.

Allerdings sind die Bedenken gegen die Grimmschen Märchen auch schon früher ein Thema gewesen, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Texte gar in den Verdacht, sie trügen Mitschuld an den Grausamkeiten, die von Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus verübt oder doch widerstandslos geduldet worden waren. Dieser Verdacht hat zwar weniger lange gehalten als jener, der Philosoph Friedrich Nietzsche sei einer der unmittelbaren gedanklichen Väter des braunen Herrenmenschenwahns. Aber wo einmal ein Schatten gesehen worden ist, wird man ihn auch immer wieder erinnern.

Vielleicht können ja die Jubiläumsfeiern, die dem ersten Erscheinen der Kinder- und Hausmärchen vor 200 Jahren gewidmet worden sind, ein bisschen Gerechtigkeit für die Grimms schaffen, die in Hanau geboren wurden, ihre Karriere in Kassel begannen und die letzten, glücklicheren, weil unbesorgten Jahre in Berlin verbrachten. Dort, auf dem Alten Matthäuskirchhof in Schöneberg, sind sie auch beigesetzt worden - jüngst kam der Politpoet Rio Reiser dazu. Auch die Leichname von Stauffenberg und seiner mutigen Mitverschwörer fanden dort, freilich nur für wenige Tage, Ruhe, dann grub die SS die Toten wieder aus, um sie im Krematorium Wedding zu verbrennen und die Asche auf den Rieselfeldern zu zerstreuen.

Von diesem Grauen haben die Grimms nichts ahnen können. Aber wer je in einen der dichten Wälder Nordhessens geraten ist, wird schon allein aus dieser Erfahrung noch einen ganz anderen Respekt vor den Erzählern und Sprachbewahrern bekommen haben: Das ist eine Landschaft, in der man solche Geschichten wie jene, die von den Grimms aufgeschrieben worden sind, schon glauben kann. Und ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die Zeiten damals verdammt hart gewesen sind für die einfachen Menschen. Wenn man will, kann man den Bogen von den Grimms zum "Hessischen Landboten" des Dichters Georg Büchner schlagen, worin die Not der Ärmsten zum Funken einer politisch-sozialen Revolte geworden ist. "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" heißt es in der berühmten Flugschrift, deren erste Exemplare in der Nacht zum 31. Juli 1834 heimlich im Großherzogtum Hessen-Darmstadt verteilt worden sind. Insofern spiegeln die Märchen durchaus eine Realität, die heute kaum noch erinnert wird - und damals von den Mächtigen und Satten in ihrer schamlosen Selbstgerechtigkeit für gottgegeben angesehen worden ist.

Immerhin: Märchenhaft im heutigen Sinne gehen die Märchen zumeist aus. Hänsel und Gretel schaffen es, die fiese, kinderfressende Hexe in den Ofen zu schieben und ihre eigene Freiheit zu gewinnen. Man kann das auch als ein großes Sinnbild für den Triumph des Menschlichen über Not, Gewalt und eigene Angst begreifen. Und so gesehen, sind die Märchen der Brüder Grimm nicht nur eine Sprachleistung von Rang und ein literarisches Geschichtsdokument, sondern auch ein fortwirkendes Zeichen der Menschlichkeit und Solidarität.

Hierfür gibt es zahlreiche Belege in den Texten, oft sind es Tiere, die den bedrohten Menschenkindern aus der Patsche helfen. So die weißen Tauben, auf die Aschenputtel sich verlassen kann, als die Unglückliche Erbsen aus der Asche lesen soll. Die böse Stiefmutter, schon wieder, hatte sie dort hineingeworfen, um das junge Mädchen zu schikanieren und zugleich ihren eigenen Töchtern einen Vorteil zu verschaffen. Denen picken die nunmehr gar nicht mehr netten Vögelchen zum glücklichen Ende, als die Gute schließlich doch den hochverdienten Königssohn abbekommen hat, zur Strafe für ihre Missetaten die Augen aus. Wer hier nicht an Hitchcock denkt...

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