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Galerie Nord in Halle: Von Käfern und Superhelden

Sebastian Herzau: „Iche, Batman“ (Ölgemälde, 2015)

Sebastian Herzau: „Iche, Batman“ (Ölgemälde, 2015)

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Galerie Nord

halle (Saale) -

„Als Gregor Samsa eines Morgens erwachte aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ So lautet der erste Satz der berühmten, heute freilich als Schülerschreck geltenden Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka (1883-1924). Vor 100 Jahren erstmals als Buch erschienen, nimmt die Galerie Nord in Halle das Jubiläum zum Anlass für eine bemerkenswerte Ausstellung, in der sich 32 Künstler dem Thema „Verwandlung“ widmen.

Der Käfer, zu dem der arme Gregor Samsa mutiert, findet sich in der Schau allenthalben. Hermann Grüneberg hat ihn mit breitem, kindlich-naivem Strich auf Keramiktellern verewigt und Judith Runge zwei „Harmless Bugs“ (Harmlose Käfer) in der Art von Hampelmännern aus Holz gefertigt: Zieht man an einem Strick, bewegen sich deren sechs Gliedmaßen. Die Verwandlung Samsas endet bei Kafka tödlich: Sein Insektenkörper wird von der Familie einfach weggekehrt. Klaus Völker mag an das Finale gedacht haben, als er seine Zeichnung „Die Verwundung“ schuf: Aus blutroten Schlieren bildet er die Konturen eines Insekts, dessen nächster Verwandter wohl ein Hirschkäfer ist.

Nahe am Autor der „Verwandlung“ bleibt Claudia Berg. Ihrem als Kaltnadelradierung ausgeführten und stark abstrahierenden Porträt „Kafka“ hat sie Porträts des Dichters Klopstock und des Denkers Leibniz unterlegt, die mehr zu erahnen als zu erkennen sind. Später hat sie noch zarte Konterfeis der Philosophen Hegel und Kant darüber radiert, so dass auf diesem Blatt ein subtiles Stelldichein der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte aus vier Jahrhunderten geformt und gefeiert wird.

Mit Moritz Götze ist ein weiterer bekannter hallescher Künstler in der Schau vertreten. In den für ihn so typischen bunten Farben zeigt er eine „Landschaft vor der Stadt“. Allein wir sehen weder die Elsteraue im Süden Halles noch den Petersberg nördlich der Stadt, sondern einen vermüllten Platz, wo Tiere und Pflanzen nur noch Zaungäste sind und ein verbogener Doppel-T-Träger gen Himmel ragt.

Viel Humor beweist Wilhelm Frederking, dessen Collagen sich weniger um Verwandlung als um Verhüllung drehen. Unter Verwendung alter Druckgrafiken legt der Künstler buchstäblich Schleier der Entfremdung über die Szenen: Auf einem Blatt kämpft Simson (Samson) deshalb auch nicht mit dem Löwen, wie es das Alte Testament lehrt, sondern er versucht, das edle Raubtier zu verpacken.

Ebenfalls eine überaus witzige Version einer Verwandlung steuert Sebastian Herzau bei. Auf seinem Gemälde ist ein Mann zu sehen, der einen gelben Plaste-Eimer über seinen Kopf gestülpt hat. Auf das Behältnis sind die stilisierten Konturen des aus Comic und Film berühmten Fledermaus-Superhelden gemalt, der Gotham City vom abgründig Bösen befreit. Unter Verwendung eines mitteldeutsch gefärbten Personalpronomens heißt Herzaus Arbeit denn auch „Iche, Batman“. Diese Ausstellung lohnt einen Besuch. Und das nicht allein für Schulklassen, die gerade im Begriff sind, Kafkas komplexe Geschichte behandeln – und mit dem Inhalt der „Verwandlung“ hadern.

Alle hier ausgestellten Arbeiten sind auch käuflich zu erwerben. Die Preise bewegen sich von 120 Euro für eine Zeichnung bis zu 8.000 Euro für ein Gemälde.

„Die Verwandlung“, Galerie Nord Halle, Bernburger Str. 14, bis zum 30. Januar, Mo-So 12.30-19 Uhr. Der Katalog kostet 10 Euro. (mz)