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Franckesche Stiftungen: Paul Raabe im Alter von 86 Jahren gestorben

Professor Paul Raabe

Professor Paul Raabe

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Archiv/Meinicke

Halle/MZ. -

Er ist ein freundlicher, hochgebildeter, scharf denkender und präzise formulierender Mann gewesen, dazu von einer geradezu unzeitgemäßen Selbstlosigkeit. Bescheiden, wenn es um ihn selber ging, hartnäckig und fordernd, wenn er eine Sache zum guten Ende bringen wollte. Und darauf hat sich Paul Raabe verstanden wie kein anderer, die wieder erstandenen Franckeschen Stiftungen in Halle sind ein Denkmal seiner Talente und Ausweis eines wichtigen Teiles seiner großen Lebensleistung. Für die ist ihm nicht nur - aber insbesondere auch die Stadt Halle zu großem, bleibendem Dank verpflichtet. Am Freitagabend begann dort die Lange Nacht der Wissenschaft, für die Paul Raabe die Schirmherrschaft übernommen hatte. Und am Freitag eben ist der renommierte Wissenschaftler in Wolfenbüttel, seinem Wohnort, gestorben. Er wurde 86 Jahre alt.

Die ersten Reaktionen auf seinen Tod sind einhellig von Trauer und Bestürzung, aber auch von der hohen Anerkennung seines Wirkens geprägt. „Paul Raabe hat in und für Halle Prägendes und Bleibendes geleistet. Er hat sich unserer Universität verbunden gewusst und die alte Partnerschaft zwischen der Universität und den Franckeschen Stiftungen mit neuem Leben erfüllt. Wir gedenken seiner mit Respekt und Dankbarkeit“, schreibt Udo Sträter, der Rektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Und Thomas Müller-Bahlke, der als Direktor der Franckeschen Stiftungen unmittelbar mit dem Erbe Raabes verbunden ist, nennt ihn den Erneuerer der Stiftungen: „Wir verdanken ihm unendlich viel und verehren ihn sehr.“
Die Franckeschen Stiftungen sind eine Insel der Bildung, der Kultur und der sozialen Verantwortlichkeit. Hier, sagt Müller-Bahlke, begegne man auf Schritt und Tritt Raabes Grundlegungen und Ideen. Längere Zeit schon war er infolge eines Schlaganfalls in seiner Mobilität eingeschränkt und konnte nicht mehr reisen. Aber er hat bis zuletzt wissenschaftlich gearbeitet. „Wir haben uns öfter mit ihm getroffen und ausgetauscht“, erzählt Müller-Bahlke, „und es war stets inspirierend“.
Was Raabe für die Franckeschen Stiftungen und Halle, aber auch für die kulturellen Leuchttürme im Osten Deutschlands und deren Anerkennung geleistet hat, kann nicht hoch genug bewertet werden. Dabei nahm das Engagement des viel Geehrten, der als Pensionär und quasi im Ehrenamt die Bürde der völlig heruntergekommenen Stiftungen in Halle schulterte, seinen Anfang schon in den späten Jahren der DDR. Die Geschichte beginnt mit der Erkundung vor Ort und einem Erschrecken, das

Raabe so beschrieben hat:
„An einem dunklen Dezemberabend 1987 war Ulrich Ricken, Romanist und Sprachwissenschaftler der Universität Halle, mit mir, dem Klassenfeind aus dem Westen, über die steile Holztreppe, auf der, von dem fahlen Licht der Taschenlampe beschienen, tote Tauben lagen, in den hohen und großen ehemaligen Festsaal eingedrungen. Das schwache Licht ließ die Schönheit des bis vor wenigen Jahren noch als Turnhalle genutzten, nun über und über mit Taubenkadavern und -kot bedeckten Raumes deutlich erkennen.“

Was folgte, war die Tat. Und mutet geradezu märchenhaft an, denn noch war die Mauer ja nicht gefallen. Der hallesche Wissenschaftler hatte sich aus Wolfenbüttel, wo Raabe seit 1968 die Herzog August Bibliothek leitete, als Stipendiat einen Traum mitgebracht: In Halle sollte ein ähnliches Aufklärungszentrum entstehen. In den Franckeschen Stiftungen. Mit Geld aus dem Westen, immerhin zwei Millionen D-Mark legte die Volkswagenstiftung auf den Tisch des ostdeutschen Hauses. Ein bemerkenswerter Vorgang insofern auch, als die obersten Lenker der SED dies tatsächlich geschehen ließen.

So begann ein Aufbauwerk, mühselig und zäh zunächst, weil die notwendigen Dinge, Balken wie Ziegel, ja erst beschafft werden mussten. Aber am Ende ist schließlich ein wunderbares Ensemble wiedererstanden, das weit mehr als nur lokale oder regionale Bedeutung hat und dessen Name weltweit einen Ruf als Ort der umfassenden Bildung besitzt.

Paul Raabe, der dies alles wesentlich gestaltet hat, von der Sanierung der Gebäude bis zur geistigen Erneuerung, hat es dabei zugleich vermocht, versöhnend und anregend auf die benachbarten Einrichtungen einzuwirken.

Müller-Bahlke beschreibt es so: „Er hat vermeintliche Konkurrenz aufgebrochen und immer Synergien gesucht“. Und in der Tat - auch wenn es in den Franckeschen Stiftungen mit ersichtlich viel Geld rasch voranging, hat man ringsum doch kaum je ein Wort des Neides oder der Missgunst gehört. Raabe brachte die Menschen zusammen, weit über die Stadt Halle hinaus, deren Ehrenbürger er 2002 geworden ist, und vermochte den Blick derer, die etwas tun konnten und sollten, immer eben darauf zu richten: das Tun. Erinnert sei nur an sein viel diskutiertes „Blaubuch“, die 2001 erschienene Bestandsaufnahme national bedeutsamer Kultureinrichtungen in den neuen Bundesländern.

Raabe, der am 21. Februar 1927 in Oldenburg geboren worden war und als Bibliothekar, Literaturwissenschaftler und Autor bekannt wurde, genoss eine beispiellose Autorität. Nach Jahren am Deutschen Literaturarchiv in Marburg wirkte der Klassik-Spezialist viele Jahre lang in Wolfenbüttel.

Kunst und Wissenschaft gehörten für ihn zusammen, Bildung begriff er als umfassendes Menschheitsprojekt. Dafür hat er geworben - mit beharrlich vorgetragenen Argumenten und auch mit Humor, wenn es Not tat. „Er konnte herzlich lachen, auch über sich selbst“, erinnert sich Müller-Bahlke.

All diese Eigenschaften haben Paul Raabe so liebenswert und unverzichtbar gemacht. Menschen seiner geistigen Statur trifft man nicht eben häufig. Und gerade jetzt, da nicht nur Halle, sondern das gane Land Sachsen-Anhalt in einen ermüdenden, von politischer Weitsicht freien Kulturkampf verstrickt ist, wird man einen Aufklärer von Rang wie Paul Raabe noch umso schmerzlicher vermissen.
Vielleicht setzen sich, ihm zum Gedenken, die Freunde der Vernunft an einen Tisch und machen Vorschläge. Paul Raabe hätte das gefreut.