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Florian Illies: «Der Sommer des Jahrhunderts»

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 23:32 Uhr

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts S. Fischer, 320 Seiten, 19,99 Euro (FOTO: MZ)

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Florian Illies ist mit seinem Buch "Der Sommer des Jahrhunderts" seiner Zeit voraus. Der Kunsthistoriker und Feuilletonjournalist ist der nahezu perfekte Auftakt in dem zu erwartenden Reigen historisch-literarischer Werke über das Jahr 1914 gelungen.
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Florian Illies ist mit seinem Buch "Der Sommer des Jahrhunderts" seiner Zeit voraus. Der Kunsthistoriker und Feuilletonjournalist ist der nahezu perfekte Auftakt in dem zu erwartenden Reigen historisch-literarischer Werke über das Jahr 1914 gelungen. Dem Jahr, in dem das lange 19. Jahrhundert endete und der zweite "Dreißigjährige Krieg" (1914 bis 1945) seinen unheilvollen Lauf nahm.

1913 scheint die Welt noch in Ordnung. Den Menschen geht es gut. Kunst und Kultur, Wissenschaft und Psychologie suchen den Aufbruch in eine neue Welt, die wir auch heute noch, hundert Jahre später, als "modern" bezeichnen. Thomas Mann und Franz Kafka schreiben, Oskar Kokoschka und Ernst Ludwig Kirchner malen, Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler verlieben sich ineinander, Sigmund Freud und C. G. Jung überwerfen sich.

Im Park von Schloss Schönbrunn gehen im eiskalten Januar Adolf Hitler und Josef Stalin spazieren, allerdings getrennt und sich nicht kennend. Der Kroate Josip Broz ist in Wien Testfahrer für Mercedes. Der 21-Jährige schätzt schnelle Autos und Frauen, die ihn als Liebhaber aushalten. Als er später nach Jugoslawien zurückkehrt, wird er sich Tito nennen.

"Neurasthenie" wird zur Modekrankheit. Wir würden sie heute als "Burnout" bezeichnen. Gleich zwei Ärzte diagnostizieren "schwere Neurasthenie" bei dem Bibliothekar Robert Musil und schreiben ihn für sechs Monate krank. Musil nutzt die Zeit, um endlich als Schriftsteller arbeiten zu können.

Über all das und noch viel mehr berichtet Illies. Sauber gegliedert in zwölf Kapitel, schlicht den Monaten des Jahres folgend. Wie ein Kaleidoskop in kleine und kleinste Sequenzen aufgeblättert entfalten sich die Geschichten über die damalige europäische Avantgarde. Der Leser wird eingeladen vor und zurück zu blättern. Er kann, wenn er es denn will, fast an jeder Stelle des Buches einsteigen und wird immer noch verstehen, worum es gerade geht. Die Flüchtigkeit aber auch Zugänglichkeit moderner Online-Präsentationen lassen grüßen. Gut möglich, dass damit gerade auch junge Leser erreicht werden, die vor allem auch unterhalten, nicht nur unterrichtet werden wollen. Das Konzept funktioniert. Dass dahinter viel fundiertes Wissen und Arbeit stehen, dokumentiert die umfangreiche "Auswahlbibliographie", die der Autor seinen Lesern nicht vorenthält.

Die Frage, ob Dichter und Denker, Maler und Komponisten dieses Jahres wussten, dass das Ende der ihnen bekannten Welt unmittelbar bevorstand, bleibt letztlich offen. Die Unruhe, die sie vorantreibt, lässt den Wahnsinn der Schlachtfelder nicht ahnen. Auch wenn Oswald Spengler schon in diesem Jahr an seinem Werk "Der Untergang des Abendlandes" schreibt.