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Filmfestival: Berlinale erinnert an deutsche Filme der 20er Jahre

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 20:20 Uhr

Der Regisseur Max Ophüls im Jahr 1952 in Hamburg (FOTO: DPA)

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Was verbindet Klassiker wie "Casablanca" mit "Some like it hot" und "Sein oder Nichtsein" von Ernst Lubitsch? Letzterer prägte den legendären Lubitsch-Touch, die genannten Filme haben alle den "Weimar-Touch". Was das genau ist?
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berlin/MZ. 

Das lässt sich in der diesjährigen Retrospektive der Berlinale erkunden. Sie steht unter dem Motto "The Weimar-Touch - die Einflüsse des Weimarer Kinos auf den Internationalen Film nach 1933".

Mit geballter Lebenslust

Und präsentiert damit eine spannende politische, komödiantische und durchaus aktuelle Wundertüte aus bekannten und nahezu unbekannten Filmen. Die Weimarer Republik: tolldreiste 15 Jahre von 1918 bis 1933, eine wahnwitzige, kreative, pulsierende Zeit voll Avantgarde, Entdeckungen und Experimenten, Armut gepaart mit Kreativität und geballter Lebenslust. Mit Hitlers Machtergreifung 1933 ist alles vorbei. Viele vor allem jüdische Künstler emigrieren ins Ausland. Welche stilistischen Einflüsse sich daraus ergaben, diesen Spuren folgt die Retrospektive der Deutschen Kinemathek, gemeinsam kuratiert mit dem New Yorker Museum of Modern Art.

Aber was genau bedeutet dieser "Weimar-Touch"? Rainer Rother, Kinemathek-Direktor und Leiter der Retrospektive: "Eine gewisse Weimarer Lockerheit". Symptomatisch dafür steht "Casablanca", viel mehr als nur eine Love Story, jedoch ohne Happy End: "Es ist vor allem ein Film über Emigration, viele hängen dort herum, die auf der Flucht sind, und unter den Schauspielern waren viele selbst Emigranten". Wobei den Regisseur Michael Curtiz, 1888 in Budapest als Mihály Kertesz geboren, 1918 nach Wien geflüchtet, bereits 1926 der Ruf nach Hollywood ereilte.

Sein Kollege, der jüdische Österreicher Samuel Wilder, floh 1933 über Paris nach Los Angeles und machte dort als Billy Wilder, mehrfach mit Oscars preisgekrönt, Karriere. Sein in der Retrospektive gezeigter Bestseller "Some like it hot" ist laut Rother "eine Story, wie Wilder sie in dieser Konstellation auch exakt in Deutschland hätte schreiben können. Sie ist imprägniert mit der Kultur des Weimarer Kinos, das konnte er in den USA wunderbar einbringen".

Geht es doch auch um Geschlechter- und Rollenwechsel, auf neudeutsch "Gender-Problematik". Das findet sich dann 1933 in der Musik-Komödie "Viktor und Viktoria" (in den 80er als Verfilmung von Blake Edwards weltberühmt geworden) wieder. "Hier wechselt jemand das Geschlecht, um seinen Job zu behalten. Depressionskomödien und gesellschaftliche Realität im Film offen zu thematisieren, das waren typische Motive des Weimarer Kinos", so Rother. Regisseur war Reinhold Schünzel, der als Halbjude unter den Nazis nur mit Sondergenehmigung arbeiten durfte und, als er bei Joseph Goebbels in Ungnade fiel, 1937 seine Koffer packte Richtung Hollywood.

Im gleichen Jahr floh auch der österreichische Jude Max Reinhardt, Begründer des Deutschen Theaters Berlin und der Salzburger Festspiele, nach Hollywood. Bereits zwei Jahre zuvor hatte der dort "A Midsummer Night Dreams" inszeniert, mit späteren Stars wie James Cagney, Olivia de Havilland und Mickey Ronney. Eines der Juwele der Retrospektive, weitere sind "Fury" und "Auch Henker sterben" von Fritz Lang oder zwei von Robert Siodmak 1939 in Frankreich gedrehte Filme ("Mollenard" und "Der Fallensteller"), bevor er 1940 nach Amerika ging.

Briefe einer Unbekannten

Zu den sehenswerten Archiv-Entdeckungen gehört für Rainer Rother die "Komödie um Geld", die Geschichte eines naiven Bankangestellten, der 50 000 Gulden verliert und in die Fänge eines betrügerischen Finanzmaklers gerät. "Da werden stilistische Elemente von Bertolt Brecht aufgegriffen - Verfremdungseffekte, doppeltes Ende, man denkt an die "Dreigroschenoper" - sehr ungewöhnlich und mein absoluter Favorit". Gedreht wurde das Werk vom jüdischen Regisseur Max Ophüls 1936 in den Niederlanden, seinen ebenfalls zu sehenden Film "Brief einer Unbekannten" drehte er 1948 im amerikanischen Exil.

Es musste nicht immer Hollywood sein: in England wurde der 1933 aus Deutschland geflüchtete UFA-Drehbuch-Autor Emeric Pressburger gemeinsam mit dem englischen Regisseur Michael Powell zum berühmtesten Tandem britischer Filmgeschichte. "Experten aus dem Hinterzimmer" heißt ihr 1949 gedrehter Film.

Alle Filme werden vom 8. bis 17. Februar im Zeughaus-Kino im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden 2, Eingang Spreeseite, gezeigt.

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