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Fernsehen: Jubiläums-«Tatort» setzt auf deftigen Humor

Uhr | Aktualisiert 23.11.2012 20:18 Uhr

Der Doktor und das liebe Vieh: Rechtsmediziner Boerne (Jan Josel Liefers) kümmert sich um Ziege Mimi. (FOTO: WDR/WOLFGANG ENNENBACH)

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Thiel und Boerne, das seltsame Paar aus Münster, lösen ihre Fälle seit mittlerweile zehn Jahren. Abnutzungserscheinungen? Fehlanzeige.
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Halle (Saale)/MZ. 

Als die ARD im Herbst 2010 die Parole "Crime and Smile" ausgab, um den Vorabend zu retten, erhoffte man sich von der bemüht modern klingenden Faustformel vergnügliche Krimiserien und tolle Quoten; schließlich erreichte das Vorbild, die "Tatort"-Filme aus Münster, seit Jahr und Tag regelmäßig rund zehn Millionen Zuschauer. Das Vorabendkonzept wurde später in "Heiter bis tödlich" umgetauft, erfüllte die Erwartungen aber vor allem quantitativ trotzdem nicht.

Thiel und Boerne jedoch, das seltsame Paar aus Münster, lösen ihre Fälle seit mittlerweile zehn Jahren. Abnutzungserscheinungen? Fehlanzeige. Der Erfolg des ungleichen und von Axel Prahl und Jan Josef Liefers nach wie vor mitreißend verkörperten Duos missfällt nur jenen, die vom Sonntagskrimi in erster Linie spannende Unterhaltung erwarten.

Der Jubiläumsfall, "Das Wunder von Wolbeck", der Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten läuft, wird diesen Zuschauern noch weniger gefallen, denn der Humor fällt diesmal zuweilen ungewohnt deftig aus. Der feuchte Furz eines Zuchtbullen, der ausgerechnet den pingeligen Boerne von Kopf bis Fuß mit braunen Spritzern dekoriert, mag in einem "Tatort" tatsächlich etwas deplatziert wirken; aber nur, wenn man die Szene aus dem Zusammenhang reißt. Im Rahmen der Handlung jedoch ist dies nur der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Missgeschicken, die beiden Helden widerfahren.

Wer diese Begebenheiten gerade für einen "Tatort" eher grotesk findet, liegt völlig richtig, denn genau dies schwebte Regisseur Matthias Tiefenbacher vor, als er das Drehbuch von Wolfgang Stauch las; und so hat er die Vorlage auch umgesetzt. Da die Geschichte vor den Toren Münsters auf dem Land spielt, sind die Einheimischen einem ungeschriebenen Krimigesetz zufolge Hinterwäldler, die ihre Begriffsstutzigkeit durch Bauernschläue ausgleichen. Prototypisch für diese Art der Figurenzeichnung sind drei Brüder (verkörpert von Johannes Rotter, Jan-Peter Kampwirth und Mirco Reseg), die großartiges Potenzial für eine Serie hätten.

Kein Wunder, dass der Film seine eigentliche Handlung mitunter aus den Augen verliert: Heilpraktiker Lembeck, der ungewollt kinderlosen Frauen von nah und fern zu Nachwuchs verholfen hat, ist nach einem Schlag unglücklich gestürzt und verblutet. Kandidaten für den Totschlag gibt es zuhauf, denn wie sich rausstellt, hat der Heiler keineswegs Wunder vollbracht, sondern mit gesundem Sperma nachgeholfen.

Die Geschichte würde vermutlich auch ohne die Verbalduelle der beiden Hauptfiguren funktionieren, aber dann wäre sie nur halb so witzig. Tiefenbacher weiß selbst, dass diese Form der Würze heikel ist, denn "wie wir alle wissen, ist Humor nicht mehrheitsfähig."

"Tatort: Das Wunder von Wolbeck" läuft Sonntag 20.15 Uhr in der ARD.