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Fachmann für Kultur: Dieter Moor - Schauspieler, Bestsellerautor und Bauer

Uhr | Aktualisiert 24.12.2012 10:21 Uhr

Dieter Moor auf ihrem Öko-Bauernhof in Hirschfelde bei Berlin. (FOTO: DPA/PATRICK PLEUL)

Der Moderator und Schauspieler spricht über Kultur auf dem leeren Land, die Krise des Fernsehens, seine Liebe zu Brandenburg und warum Weihnachten ihm einen Schrecken einjagt.
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hirschfelde/MZ. 

"Bauer sucht Kultur": So heißt die Fernsehsendung, in der Dieter Moor für den Rundfunk Berlin-Brandenburg Künstler in Brandenburg besucht. Kultur sucht Bauer: So ließe sich dieses Interview überschreiben. Denn der aus der Schweiz stammende Brandenburger ist als Fernsehjournalist ("Titel, Thesen, Temperamente"), Schauspieler, Bestsellerautor und Bauer ein Fachmann für Fragen der Kultur auf dem Lande - und in den Medien. Mit dem 54-Jährigen, der einen Ökohof in Hirschfelde bei Berlin betreibt, sprach unser Redakteur Christian Eger.

Herr Moor, "Bauer sucht Kultur" ist die entspannteste Kultursendung im deutschen Fernsehen. Aber vier Folgen im Jahr sind zu wenig.

Dieter Moor: Wow! Danke! Unser Team staunt ja darüber, dass wir mit so wenig Folgen überhaupt eine kleine Marke werden konnten. Offenbar wird durch die vielen Wiederholungen der Eindruck erweckt, wir seien ständig aktuell.

Mehr ist nicht drin?

Moor: Am Wollen liegt es nicht. Aber ich weiß gar nicht, ob das gut wäre für die Sendung. Das Luxuriöse ist ja, dass wir Zeit haben. Wir drehen vier Wochen im Sommer. Jeweils eine Woche für eine Sendung! Das heißt, Zeit für die Menschen zu haben, die wir besuchen. Wir arbeiten ohne Hektik, wie das heute sehr selten ist im Fernsehen.

Was ist eine gelungene Begegnung?

Moor: Eine, die überrascht.

Zum Beispiel?

Moor: Der Besuch bei Michael Gwisdek in der Schorfheide.

Der bei den Dreharbeiten in seinen Gartenteich fiel?

Moor: Ja, aber der Besuch war aus vielen Gründen überraschend. Ich wusste, Gwisdek ist ein Schauspieler, ein Star, ganz sicher ein guter Typ. Ich wusste nicht, dass der so viel Selbstironie hat. Das ist selten bei Schauspielern. Die tönen gern: Es geht um die Kunst! Ganz anders Gwisdek. Der sagt: Nö, ich wollte nur immer mehrere Leben leben und die einzige Möglichkeit, das zu tun, ist, diese Leben zu spielen. Aus dem Menschen Gwisdek ist inzwischen ein Freund geworden.

Ist Brandenburg eine der Kultur zuträgliche Landschaft?

Sie ist auf jeden Fall zuträglicher als gedacht wird. Meine Frau hat sehr früh gesagt: Brandenburg ist Liebe auf den dritten oder vierten Blick. Und es ist tatsächlich so.

Brandenburg profitiert von Berlin.

Es war immer schon ein Geben und Nehmen. Berlin hat Brandenburg befruchtet und Brandenburg hat Berlin ernährt. Berlin war das kluge Kind von Brandenburg und Brandenburg war die Mama.

Welche Kultur sucht Ihr Bauer?

Moor: Für mich ist schon eine Landschaft Kultur und Brandenburg ist pure Kulturlandschaft. Kultur ist für mich auch, wenn die Leute noch anderes im Kopf haben als die Frage, wie komme ich zu einem Sky-Plus-Abo? Wenn sie das Gefühl haben, da fehlt etwas. Lebensart zum Beispiel. Auch das ist Kultur. Bauer sucht Lebensart wäre auch ein Titel für die Sendung.

Ist Kultur eine Möglichkeit, um entsiedelten Landstrichen wieder etwas Leben einzuhauchen?

Moor: Nein. Wir kennen das ja zur Genüge: Idealistische Leute, die glauben, wenn wir jetzt in ein verfallenes Gebäude eine Bibliothek stecken, zieht das irgendetwas an. Aber so läuft es nicht. Was dem leeren Land fehlt, ist zuerst und vor allem eine kleinteilige Infrastruktur.

Die Kultur folgt dem Menschen, nicht der Mensch der Kultur?

Moor: Ja, das glaube ich. Erst einmal müssen doch diese Fragen geklärt sein: Gibt es eine Schule am Ort? Wo kann ich einkaufen, vernünftig? Kann ich hier auch ohne Auto leben? Wenn ich dann noch das Bedürfnis nach Kultur habe, kann ich das ja befriedigen. Vielleicht fängt das an mit einem Kindertheater und weitet sich dann aus: Und plötzlich ist Kultur da.

Es gibt auch die anderen Beispiele, das gebe ich ja zu. Also das an der Oder gelegene "Theater am Rand", in einem Örtchen von nur ein paar Häusern. Natürlich lebt das Nest dann ab und an auf, weil da wirklich tolle Geschichten stattfinden. Aber wie nachhaltig ist denn das? Es ist einfach zu akzeptieren: Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Wärme, dann die Liebe, und wenn das alles da ist, hast du auch das Bedürfnis nach Kunst. Es geht nicht darum, auf gut Glück Kultur oder Industrie anzusiedeln, also in ein Dorf eine Kulturscheune ohne Publikum oder auf irgendeine Brachfläche ein seltsames Businesshotel zu stellen. Der Glaube an die Strukturindustrie bricht gerade im Ruhrpott zum gefühlt zehnten Mal zusammen.

Ist Kultur ein Wirtschaftsfaktor?

Moor: Die wird es dann. Deutschland ist voll von solchen Kulturleistungen. Die Tracht ist einmal eine Kulturleistung gewesen und wuchs sich aus zur Trachtenmode. Das Bedürfnis nach Schönheit bricht sich überall Bahn. Auch in Brandenburg. Nur werden die Voraussetzungen dafür im Moment sehr vernachlässigt. Wir haben keine hinreichende Infrastruktur: Bahnlinien werden eingestellt, Touristen-Radwege werden angelegt, die aber brach liegen, weil es am Ende des Weges kein Kneipchen mehr gibt. Die Dörfer sind ohne soziale Mitte.

Wie stark muss Kultur subventioniert werden?

Moor: Gute Frage. Ich kenne etliche Beispiele, wo Subventionen nichts wirklich Gutes geleistet haben. Auch die Agrarsubventionen dienen ja nicht denen, die es richtig, sondern denen, die es falsch machen.

Im Theaterbetrieb verlieren Sie jetzt gerade Freunde.

Moor: Ach, als ich noch Schauspieler in Wien war, hatte ich mich über Jahre für eine gerechtere Verteilung der Subventionen eingesetzt. Ich musste erkennen: Es gibt keine gerechte Verteilung. Denn wer soll's kriegen? Am Ende gewinnt meist der mit den besseren Beziehungen oder der längeren Tradition. Aber fördert das wirklich die Kultur? Ein Gedankenspiel: Was passiert, wenn es keine Subventionen gibt? Und zwar für niemanden! Ist das Bedürfnis der Leute ins Theater zu gehen da? Oder ist es eine untergehende Spezies? Ich bin hin- und hergerissen.

Sie plädieren für ein freies Spiel der Kräfte und Interessen?

Moor: Ja. Ich träume von einem ganz einfachen, primitiven Kapitalismus (lacht), wie ich ihn als Kind auf dem Land in der Schweiz meinte, verstanden zu haben. Ich züchte eine Pflanze und Du sagst, die ist aber schön, und dann fangen wir an uns auszutauschen.

Was war es, das Sie 2002 aus der Schweiz getrieben hat?

Moor: Ein Sackgassengefühl, das auch mit meiner TV-Karriere zu tun hatte. Über zwei Jahre hatte ich als Produzent und Moderator eine Late-Night-Show betrieben, vier Nächte in der Woche. Als das zu Ende war, stand die Frage: Was kann da eigentlich noch kommen? Nichts in der Schweiz, so schien es mir. Damals entdeckte ich Berlin.

Sie gerieten in eine Gründerzeit?

Moor: Ja, und an einen ganz anderen Menschenschlag. Es schien nicht wichtig, was du verdienst, wie du dich kleidest oder wohnst. Sondern: Was bist du bereit zu tun? Bist du fähig dazu? Ich begegnete Menschen, die sehr genau wussten, was sie können und wollen.

Sind Sie ein Fernsehmensch, der auch Landwirtschaft betreibt. Oder ein Bauer, der auch TV macht?

Moor: Die Landwirtschaft betreibt meine Frau. Sie ist der Profi, ich bin der Laie.

Mit Ihrer Medienarbeit finanzieren Sie den Hof. Ginge es ohne?

Moor: Immer noch nicht. Aber wir sind auf gutem Wege, dass sich der Hof in wenigen Jahren selbst trägt. Leider sind die Bodenpreise jetzt derart explodiert, dass wir wie alle Bauern theoretisch reich sind, wenn wir verkaufen wollen würden an die Biogaspflanzenheinis. Andererseits ist es nahezu unmöglich geworden, etwas dazuzukaufen, weil es fast unbezahlbar geworden ist. Die Pacht hat Dimensionen erreicht, die der Boden einfach nicht mehr erwirtschaftet.

Vor fünf Jahren träumten Sie noch von einem eigenen Fernsehsender.

Moor: Der Traum ist ausgeträumt. Damals wusste ich noch nicht, dass Fernsehen ein Marginalmedium werden würde.

Was fehlt dem Fernsehen?

Moor: Es fehlt an Unabhängigkeit, Engagement, am Willen zur Investigation und zum seriösen Journalismus. Unabhängig wäre der Rundfunk erst, wenn er völlig frei wäre von Werbeeinnahmen, das gilt auch für die Zeitungen. Vor allem aber fehlt Mut. Auch dafür, einmal viel Aufwand zu betreiben und am Ende keine Geschichte zu haben, weil es keine gibt. Aber kein Medium ist frei von Überlebenszwängen. Schön wäre es, wenn wir drei, vier Zeitungen hätten und einen Sender, die eine Art Grundeinkommen hätten. Wenn die sagen könnten: Wir haben alles, aber keine Existenzprobleme.

Sie leben unter Brandenburgern. Was interessiert Sie am Ostler?

Moor: Die reichen, unglaublichen Lebensgeschichten von Menschen, von denen ich als Schweizer nur denke: Dass die überhaupt noch leben, das ist schon eine Leistung.

Menschen, von denen Sie ausführlich in Ihren Büchern schreiben. Lassen die sich das vorher zeigen?

Moor: Nein. Es ist ja erfunden.

Wie bitte?

Es ist inspiriert, aber mit wirklichen Elementen ausgestattet. Ein wenig wie ein ländlicher Tagtraum. Witzigerweise gibt es mehrere Personen, die sich in einer Figur zu erkennen meinen. Aber sie sind nett. Sie verzeihen mir alles.

Herr Moor, ringsum weihnachtet es, was macht das mit Ihnen?

Moor: Das Weihnachtsgedingse jedes Jahr macht mir entsetzlich klar, wie sehr ich mich verändert habe. Als Kind hatte ich wirklich ans Christkind und an den Nikolaus geglaubt. Das war eine mystische Zeit. Eine, in der alles möglich war. Jetzt gehe ich da durch als abgenudelter älterer Herr und denke: Alles Kommerz! Es lässt mich kalt.

Was fehlt Ihnen?

Ich sehne mich nach der Naivität meiner Kindheit.

Was macht Weihnachten für Sie reizvoll: die Auszeit vom Betrieb?

Moor: Die haben wir uns tatsächlich zum ersten Mal vorgenommen. Wir werden auf dem Hof sein und so tun, als hätten wir gar keinen. Wir werden Helfer einspannen und tun, was normale Menschen sonst machen: Freunde treffen, mal wieder gemeinsam ins Kino gehen. Es ist verrückt: Alle Zeit stecken wir in die Arbeit, nur um etwas Zeit zu haben.

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