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Mitteldeutsche Zeitung | Eurovision Song Contest: Jamie-Lee Kriewitz fährt für Deutschland zum ESC
25. February 2016
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Eurovision Song Contest: Jamie-Lee Kriewitz fährt für Deutschland zum ESC

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Jamie-Lee Kriewitz fährt für Deutschland zum ESC.

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Getty Images

Köln -

Eine 17-Jährige aus Hannover wird am 14. Mai beim Eurovision Song Contest für Deutschland singen. Jamie-Lee Kriewitz setzte sich beim deutschen Vorentscheid in Köln mit ihrem Song „Ghost“ mit deutlichem Vorsprung (44,5 Prozent der Stimmen) durch. Mit dem Titel hatte sie vor drei Monaten bereits die Castingshow „Voice of Germany“ gewonnen. Platz zwei belegte Alex Diehl (33,9 Prozent), Dritter  wurde die Rockband Avantasia mit 21,6 Prozent der Stimmen.

Kriewitz wird ihrer Favoritenstellung gerecht

Jamie-Lee Kriewitz, nur echt mit dem abgedrehten Feen-Kostüm und dem Björk-Gedächtnis-Kopfschmuck, war laut Vorab-Prognose der GfK die aussichtsreichste Kandidatin gewesen. „Ghost“ – leicht verdaulicher Kleinmädchen-Pop – wurde in der Woche vor der Show in den Musik-Streamingdiensten so oft abgerufen wie die Songs der neun anderen Teilnehmer zusammen.

Der bärige Bayer Alex Diehl klampfte seinen Beitrag locker vom Barhocker, doch die visuelle Präsentation missglückte ihm komplett. „Nur ein Lied“ war im November 2015 als „emotionaler Schnellschuss“  unter dem Eindruck der Terroranschläge von Paris entstanden. Offenbar ebenso mit heißer Nadel gestrickt wurde nun die mehrsprachige Projektion des friedensbewegten Songtextes: etliche Grammatikfehler in der deutschen Fassung und dramatisch unbeholfene Übersetzungen ins Englische und Französische. An einer schwedischen Version braucht er jetzt nicht mehr zu arbeiten.

Poptrends fristen ein Schattendasein

Avantasia, die Fuldaer Band um Sänger Tobias Sammet, dekorierte die Bühne mit hochgestapelten Marshall-Gitarrenboxen, was bei einer Veranstaltung mit Halb-Playback durchaus an Hochstapelei grenzt. Musikalisch ist der bombastische Vortrag irgendwo zwischen 1978 und 1982 – der großen Zeit von Sammets Vorbild Meat Loaf – stehen geblieben. Doch die Poptrends der Gegenwart fristen beim Song Contest sowieso ein Schattendasein. Der letzte ESC-Siegertitel auf der Höhe der Zeit war vor vier Jahren Loreens Club-Hymne „Euphoria“.

Bereits nach der ersten Runde verabschiedeten sich die mit riesigem Ehrgeiz angetreten Chorsänger von Gregorian. Deren Mischung aus Hochleistungssingen, Mittelalter/Mönch-Firlefanz und Feuersäulen ließ das Publikum mehrheitlich kalt. Das galt ebenso für Ella Endlich. Sie trug ihr banales „Adrenalin“-Liedchen – hörbar inspiriert von Helene Fischers „Atemlos“ – in schwarzer Ruf-mich-an!-Reizwäsche vor, befummelt und umhergetragen von zwei muskulösen Tänzern.  Der bewährt coole Off-Kommentator Peter Urban gab verwirrten TV-Zuschauern den sachdienlichen Hinweis: Nein, das war nicht Germany‘s Next Dessous-Model! Auch Luxuslärm aus Iserlohn fielen mit ihrem Schlagerentwurf “Solange Liebe in mir wohnt“ durch, wenngleich sie die größte Fan-Abordnung in der Halle stellten. Diese klatschten zwar peinigend laut und bar jeden Rhythmusgefühls mit, doch wie so oft bei TV-Sendungen galt auch in diesem Fall: Der Saal ist egal.

Die Schmach von 2015 war allgegenwärtig

Das ESC-Katastrophenjahr 2015 war allgegenwärtig an diesem Abend. Erst hatte der vom Publikum favorisierte Andreas Kümmert die Wahl nicht angenommen, dann schmierte die  eingesprungene Ann-Sophie beim Finale in Wien ab. Im November verrannte sich der NDR in die Idee, den Fans eine Vorauswahl zu ersparen und eigenmächtig Xavier Naidoo nach Schweden zu entsenden. Dieser Plan war wenige Tage nach der Veröffentlichung hinfällig, weil der singende Verschwörungstheoretiker aus Mannheim einem Teil der ESC-Fangemeinde sauer aufstieß – und der NDR einen Rückzieher machte. 

Diese Debakel unter den Teppich zu kehren wäre irgendwie uncool. Dann doch lieber  ironisch nachtreten. Diesen Job erledigte beim deutschen ESC-Vorentscheid die quietschfidele Moderatorin Barbara Schöneberger. Sie veralberte Naidoos Sommermärchen-Heuler „Dieser Weg“ mit einem neuen Text und servierte ein paar lauwarme Pointen auf Kosten des 2015-Verdrückers Kümmert. Zur Melodie von „Dschinghis Khan“ reimte sie „Lass noch Siegel holen/ sonst sind wir verloren“, eine freundliche Anspielung  auf das Comeback des altgedienten ESC-Komponisten.

Nach 12 Jahren als ESC-Entwicklungshelfer in San Marino und Montenegro beehrte die Eurovision-Legende Ralph Siegel wieder mal den deutschen Vorentscheid. Es war, so viel hatte der 70-Jährige vorab versprochen, sein letzter Versuch. Siegel weinte Schöneberger backstage beinahe das Kleid voll, so gerührt war er vom Auftritt seines  Schützlings Laura Pinski. Doch auch für die 19-Jährige war nach der Vorrunde Feierabend.