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Eisleben: Luthers Sterbehaus wird wieder eröffnet

Uhr | Aktualisiert 17.09.2014 16:33 Uhr

Zurück aus der Versenkung: Die Sterbezimmer haben ihre historistische Einrichtung wieder. (FOTO: DPA)

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Luthers Sterbehaus: hier starb der Reformator nicht - oder doch? Zur Wiedereröffnung geht Eisleben offensiv mit seinem Traditionsmuseum um.
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Eisleben/MZ. 

Das Haus, in dem Luther nicht starb: Nie ging es im kuriosesten aller reformationsgeschichtlichen Museen lebendiger zu als heute, da es nach zwei Jahren der Sanierung und des Umbaus wieder eröffnet wird.

Mit der Neu-Einweihung von "Luthers Sterbehaus" fast genau fünf Jahre nach der des gleichfalls komplett umgestalteten Geburtshauses ist Eisleben nun mehr denn je der Ort, an dem Luthers Leben und Wirken von seinem Anfang und Ende her erzählt werden kann. Erzählen durchaus im Sinne von Fiktion, ist doch die Schänke, in der der Bergmannssohn 1483 zur Welt kam, in einem Stadtbrand untergegangen und das Bürgerhaus am Markt, in dem der schon gebrechliche Reformator 1547 nach einem vermeintlichen Schwächeanfall starb, keine 30 Jahre später abgerissen worden. Mit ihren Fiktionen aber gehen die beiden Eisleber Gedenkstätten mittlerweile offensiv um, erst recht seit sie sich zum "Weltkulturerbe" zählen dürfen.

So wird der Mythos vom Sterbehaus an der Adresse Andreaskirchplatz 7, die erst ein Antiquar des 18. Jahrhunderts irrtümlich für die des abgerissenen wirklichen Sterbehauses hielt, lustvoll ausgebreitet und mannigfach bespiegelt. Als erstes ist dem alten Haus zur Hofseite ein neues hinzugefügt worden, damit es, von allen touristischen Servicefunktionen befreit, umso mehr Denkmal sein kann.

Ein Denkmal zunächst rein stadtgeschichtlicher Bedeutung als Bürgerhaus unter vielen, dem erst im 19. Jahrhundert die preußische Lutherverehrung die volle Dosis Historismus verabreichte. Die sieht man auf den Planzeichnungen des Baubeamten Friedrich August Ritter, der 1862 im Auftrag von König Wilhelm I. so viel Renaissance herbeimauerte, -meißelte und -zimmerte wie er konnte.

Diese Butzenscheibenromantik überbot rund 30 Jahre später der Nürnberger Museumsmann Friedrich Wilhelm Wanderer, als er die angeblichen Sterbezimmer stilgerecht mit einer Tischlereikulisse ausstaffierte, die Luthers "Sterbebett" mit massenhaft neugotischem Mobiliar und Zierrat umstellte. Und wie die Epochen so sind, schon die nächste Generation glaubte Luthers "luxusfeindliches" Leben falsch repräsentiert und räumte nebst einigen Möbeln den "Schrein" weg, auf dem das einzig authentische Erinnerungsstück ausgebreitet lag, das samtene Tuch von Luthers Bahre. Stattdessen dominierte ein Historienschinken des Hofmalers William Pape mit "Luthers letztem Bekenntnis" den Raum. Mitte der 80er-Jahre aber verschwand der Museumsplunder in den Depots, der absoluten Sachlichkeit willen - just zu der Zeit, als ein lokaler Historiker den historischen Irrtum auf- und Luthers tatsächliche Sterbeadresse entdeckte.

Doch die wurde erst mal zum Staatsgeheimnis erklärt, handelte es sich bei dem Nachfolgebau am Markt doch um den Sitz der SED-Parteizentrale, die bei Gott keine Luthergedenkstätte sein wollte.

Drei Jahrzehnte weiter haben Berührungsängste aller Art einer postmodernen Allverfügbarkeit und Deutungsvielfalt von Geschichtszeugnissen Platz gemacht. Die Stiftung Luthergedenkstätten holt das vermeintlich Ahistorische aus der Versenkung, lässt es für die Wechselfälle der Lutherverehrung sprechen und macht es zum Einstieg in Luthers ureigene Vorstellungen vom Tod. Und dazu nutzt sie auch die ganz eigene Atmosphäre des Neubaus, in dessen Ambiente kahlen, geschichtslosen Sichtbetons "Luthers letzter Weg" beginnt und ausgehend von "letzten Tagen" und "letzten Stunden" hinüberführt von kulturgeschichtlichen Exkursen über Kulturen des Sterbens hin zu existentiellen Fragen, die die heute Lebenden sich stellen: "Das Thema ist nicht nur geschichtlich abzufangen", wie Stiftungsdirektor Stefan Rhein sagt. Also stirbt Luther wieder in der Fantasiekulisse des 19. Jahrhunderts, aber der Besucher schaut sie aufgeklärten Blickes und gegenwartsbezogen an. Die Ausstellungsarchitektur ist reichlich überdimensioniert, aber Animationen und Videostatements bieten den Exponaten viel Kontext.

Was die gebaute Architektur angeht, so ist ihr "Dialog" von Alt und Neu keine bloße Formel, sondern enthält schon im Eintreten auf den Hof die Essenz, wie das Museum sowohl mit dem Thema als auch mit der Tradition des Ortes umgehen will. Die Architektur des Stuttgarter Büros "VON M" schafft hofseitig eine Konfrontation, die das erdfarbene Sandsteinmauerwerk des Altbaus im milden Flimmern von Fassaden aus hellen und dunklen Klinkern aufnimmt. Ein zweiter Eingang öffnet das Foyer zur stadtabgewandten Seite, auf der eine Etappe von Eislebens Lutherweg entsteht. Vor der Tür des Sterbehauses wird es mit dem "Vikariatsgarten" eine Station geben, die laut Planungen "Lutherlegenden" sozusagen gärtnerisch interpretieren will. Die Wege des Luthergedenkens sind unerschöpflich.

Am Freitag Festakt, am Sonnabend "Tag der offenen Tür" 10-20 Uhr. Danach Di-So 10-17 Uhr. Katalog 7 Euro.

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