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Dresden: Kraftvolles Requiem auf eine im Feuer versunkene Stadt

Uhr | Aktualisiert 14.02.2012 10:29 Uhr
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Lera Auerbach

Das Orchesterwerk von Lera Auerbach wird in der Dresdner Frauenkirche uraufgeführt. (FOTO: REINHOLD)

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Das Orchesterwerk von Lera Auerbach wird in der Dresdner Frauenkirche uraufgeführt. Die russisch-amerikanische Komponistin hat ihr als Capell-Compositrice des sächsischen Orchesters geschriebenes, großformatiges Requiem zu einer Ode an den Frieden erweitert.
Dresden/MZ. 

In kaum einer anderen deutschen Stadt sind die letzten Monate des Krieges so gegenwärtig wie in Dresden. Seit einigen Jahren ringen im Umfeld des Gedenkens an die Bombennacht vom 13. Februar 1945 Bürger mit den heimischen und angereisten Neonazis auf den Straßen um die Deutungshoheit über die Vergangenheit und das Image der Stadt. Im Programmheft für die Uraufführung von Lera Auerbachs Requiem in der Frauenkirche erinnern denn auch zwei Fotos an die Dialektik von Geschichte: auf ein Foto von der Maikundgebung der Nazis 1933 folgt eines mit dem berühmten Blick vom Rathausturm auf die zerstörte Stadt von 1945.

Zu den unstrittigen Gedenkritualen gehören seit 1951 die Konzerte der Staatskapelle. Unter denen ist Lera Auerbachs Komposition die erste Uraufführung seit 1956. Die russisch-amerikanische, mit vielen Talenten ausgestattete und gerade in Wien mit ihrer "Gogol"-Oper erfolgreiche Komponistin hat ihr als Capell-Compositrice des sächsischen Orchesters geschriebenes, großformatiges Requiem zu einer Ode an den Frieden erweitert. Weltläufig, wie die produktive Tonsetzerin ist, füllt sie damit nicht nur die Frauenkirche mit der großen Chor- und Orchestergeste aus.

Sie hat gleich die Welt als Ganzes vor ihrem geistigen Auge. Beim Kyrie etwa kommt der Text in geradezu päpstlicher Eloquenz in gleich 40 Sprachen daher. Mit Pauken und Trompeten und ohne jede Berührungsangst vor einer Beeinflussung durch die großen Vorbilder des Genres. Selbstbewusst in ihrem utopischen Ansatz sind auch die Vertonungen zentraler Gebete von Christen und Juden, von Hindus, Buddhisten und Moslems.

Dass man dabei mitlesen muss, um sich in den Text hineinzufinden, gehört wohl zum Konzept einer Menschheits-Utopie von Harmonie in der Sehnsucht nach Frieden. Auerbach sucht den Brückenschlag von der Wunde Dresden zu denen der Gegenwart. Da taucht in den achtzig Minuten immer wieder das sogenannte Dresdner Amen auf, das schon Wagner im Parsifal verwendet hat. Hier findet sich der Text "Frieden wo Gott wohnt" des Wittenbergers Christian Lehnert, der in die Friedensglocke der Frauenkirche eingraviert ist. Aber auch eine Reminiszenz an den 11. September mit Father Judges Gebet.

Auerbach hat symbolisch aufgeladen Musik geschrieben, die perfekt den speziellen Uraufführungsraum füllt. Dass sie dabei nicht auf verstörende Novität, sondern mit der ganzen Wucht des Orchesters und der Chöre auf unmittelbare Wirkung setzt, dürfte ihr das Publikum kaum übel nehmen.

In der Schichtung von wogenden Gesängen und von gekonnt variierter Melodik durchzogener Orchestervehemenz verbleiben jedenfalls nur wenige Inseln stiller Besinnung wie das mit schlichter Melodik verführende "In silentium". Sonst dominiert emotionaler Hochdruck, bei dem sich Orchester und Chor gegenseitig anfeuern, um dann immer wieder in einem ausladenden Klangstrom zu münden.

Vladimir Jurowski hielt dabei die exzellente Staatskapelle, die aus London (St. Paul's Cathedral Coir) und New York (Saint Thomas Choir of Boys) angereisten und von Herren des Staatsopernchores verstärkten Knaben-Chöre, den Counter Maarten Engeltjes, den Bariton Mark Stone und zwei New Yorker Knabensoprane imponierend zusammen. Es ist ein Stück, das für den Ort und den Tag seiner Uraufführung geschrieben wurde, aber sicher wohl auch darüber hinaus sein Publikum finden dürfte.

Die Aufführung am Dienstag wird auf MDR Figaro ab 20.05 Uhr live übertragen.