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documenta 13: Mitten in der Zeit

Uhr | Aktualisiert 13.09.2012 21:11 Uhr

«Leaves of Grass» auf der documenta 13 (FOTO; UWE ZUCCI)

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Am Sonntag geht nach 100 Tagen die weltgrößte Schau zeitgenössischer Kunst zu Ende. Das wird noch einmal zu langen Warteschlangen führen.
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kassel/MZ. 

Wer immer noch glaubt, Kunst sei gewiss etwas Schönes, aber eine eher weltfremde Angelegenheit, sollte sich vielleicht doch entschließen, nach Kassel zu reisen. Bis zum Sonntag ist noch Gelegenheit, die Documenta zu besuchen, die weltgrößte Schau zeitgenössischer Kunst, die dort aller fünf Jahre veranstaltet wird.

Allerdings wird man wohl ein bisschen Zeit einplanen müssen - erstens, weil es so unendlich viel zu sehen gibt, verteilt über das ganze Stadtgebiet. Und zweitens, weil es, schönes Wetter vorausgesetzt, wie am vergangenen Wochenende zur Bildung langer Menschenschlangen kommen dürfte.

Wenn es ein Fazit der Schau in zwei Thesen geben sollte, dann wären es diese: Die 13. Documenta ist in ihrer scheinbaren Schlichtheit vielleicht die beste, jedenfalls die politischste seit längerer Zeit gewesen. Mit einem Korrespondenzstandort in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, hat die Kuratorin der Schau, Carolyn Christov-Bakargiev, weit mehr als eine Geste abendländischer Gönnerhaftigkeit geleistet, zumal das Thema Belagerung, Krieg, Zerstörung sich auch immer wieder in den Exponaten der Kasseler Schau findet, ohne dass es demonstrativ nach vorn geschoben würde. Der zweite bemerkenswerte Punkt: Die Documenta ist im Wesentlichen ohne wirkliche Skandale ausgekommen. Das hat Kritiker auch schon zu mäkelnden Befunden verleitet: Langweilig, ohne Streitwert sei diese Schau. Dem kann man bei genauer Betrachtung eigentlich nicht zustimmen.

Ein wenig scheint Christov-Bakargiev, die aus dem Kunstbetrieb kommt und natürlich weiß, wie er tickt, den Vorwurf geahnt zu haben. Anders lässt sich ihr vehementes Auftreten gegen die benachbarte Ausstellung von Werken Stephan Balkenhols in der Kasseler Elisabeth-Kirche nicht recht deuten. Namentlich auf den "Mann im Turm", der von einer goldenen Kugel aus über den Friedrichsplatz auf die gegenüberliegenden, zentralen Ausstellungsorte der Documenta blickt, hatte es die Kuratorin abgesehen und wetterte dagegen.

Gut gefallen hat ihr dagegen offensichtlich die inzwischen weitgehend abgebaute Zeltstadt der Occupy-Aktivisten, deren Kapitalismuskritik sicher wirklich besser zum Konzept der großen Schau gepasst hat als Balkenhols Plastiken. Den Widerspruch aber, der schließlich zum Grundverständnis der Kunst gehört, muss man nicht nur aushalten, sondern sogar fördern. An Beispielen weitgefasster Kunstpositionen hat es in Kassel schließlich keinen Mangel gehabt, allein die weitläufige Karlsaue ist ein Spiegel dieses Prinzips gewesen, das sich die Konfrontation lobt. Der Kanadier Gareth Moore, der seine Hütte in dem zum Kunstparcours umfunktionierten Stadtpark mit einem Bulldozer niederwalzt, um die Trümmer als Zeugnis der Aktion zurückzulassen, bringt das nur auf einen spektakulären Punkt.

Welches Objekt das Großartigste war, wer will das entscheiden. Vielleicht war es tatsächlich der fast leere Saal in der Kunsthalle Fridericianum, in dem Christov-Bakargiev, die Chefin, eine einzige Vitrine platziert hatte - mit dem an sie gerichteten Absagebrief des Kölner Künstlers Kai Althoff.

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