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Die Rolle der Kirche: «Lernen, mit den Menschen zu leben»

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 22:17 Uhr
Gerhard Feige und Ilse Junkermann. (FOTO: MZ) 
Welche Rolle spielt die Kirche in der Gesellschaft? Andreas Montag sprach in Magdeburg mit Landesbischöfin Junkermann und Bischof Feige über Kirchgänger zu Weihnachten, Defizite der Gesellschaft und Gottlosigkeit.
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Magdeburg/MZ. 

Welche Rolle spielt Kirche in der Gesellschaft? Darüber sprach Andreas Montag in Magdeburg mit Ilse Junkermann, geboren 1957 in Dörzbach / Jagst, der Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, und dem 1951 in Halle geborenen Katholiken Gerhard Feige, Bischöf des Bistums Magdeburg.

Weihnachten sind die Kirchen voll, das ist sonst eher nicht der Fall. Macht Sie das traurig?

Junkermann: Ich freue mich über alle, die kommen. Es gibt offensichtlich Zeiten, zu denen die Weihnacht gehört, in denen sich die Menschen auf sich besinnen und auf die Botschaft, die von außen kommt.

Feige: Ich kenne ältere Pfarrer, die sich in früheren Jahren damit sehr schwer getan haben und die Gelegenheit nutzten, eine Standpauke zu halten. Ich glaube, dass wir in einer sehr komplizierten Welt leben, in der alles in Bewegung ist. Einzelne gehen auf Distanz, andere sind auf der Suche nach etwas, das über sie hinausweist. Das kann man auch als einen Spiegel unserer Gesellschaft sehen. Ich halte es für ein Hoffnungszeichen, dass Menschen auf der Suche sind und immer noch etwas von der Kirche erwarten.

Es gibt offensichtlich ein starkes Bedürfnis nach Spiritualität. Warum schaffen es viele Menschen nicht, dem auch nachzugeben?

Man muss sich dafür auch Raum erkämpfen, und das inmitten zahlreicher Zwänge. Viele haben nicht die Kraft dazu. Hinzu kommt, dass die christliche Spiritualität auch ein gewisses Maß an Bindung verlangt, um sich darauf einzulassen. Das wollen viele nicht.

Junkermann: Kirche bedeutet ja auch, dass ich dort mit Traditionen und Ritualen umgehen muss, die teils viele hundert Jahre alt sind. Wir leben aber in Zeiten des Traditionsabbruchs. Allerdings: Bei Weihnachten ist noch klar, dass Kirche dazu gehört: Hier ist ein Rahmen, in den kann ich mich hineinbegeben und muss ihn nicht erst für mich selbst definieren.

Interessant ist allerdings, dass sich so viele Menschen etwa in Kirchbauvereinen engagieren. Bei Spendenaktionen kommt das benötigte Geld meist schnell zusammen. Hier können Menschen ihre Verbundenheit zeigen, ohne Fragen an sich selbst ausgesetzt zu sein.

Feige: Bei aller Mobilität und Hektik spielt doch immer die Suche nach Heimat eine gewisse Rolle. Dieser Begriff verbindet sich auch mit Weihnachten. Das Fest ruft Kindheitserinnerungen und Rituale auf, es geht um Emotionen, Sehnsüchte und Erwartungen.

Und das vor dem Hintergrund einer Wirklichkeit, die von neuen Kommunikationstechniken beherrscht wird und immer kälter wird. In welche Richtung wird es gehen?

Feige: Die Veränderungen in der Kommunikation sind gewaltig, zumal für jemanden meiner Generation. Wenn ich seinerzeit als junger Mann im Sommer drei Wochen in Rumänien oder Bulgarien unterwegs war, haben meine Eltern während dieser Zeit nichts von mir gehört. Es gab ja gar nicht die Möglichkeit. Heute unvorstellbar: Wir haben das ertragen.

Heute ist es oft so, dass Menschen das Gespräch, in dem sie sich gerade befinden, unterbrechen, weil ihr Mobiltelefon geläutet hat und sie den Ruf annehmen wollen. Das finde ich problematisch im Umgang miteinander. Freilich gehören die modernen Kommunikationstechniken inzwischen zur Wirklichkeit, zumal für die jungen Menschen. Es ist ihre Art zu kommunizieren. Trotzdem bleibt die persönliche Begegnung wichtig und wesentlich. Auch in der Kirche natürlich.

Junkermann: Mir geht es ebenso. In welche Richtung es gehen wird, fragen Sie. Ich denke, moderne Kommunikationsarten sind nützlich und gut. Aber wir kommen auch in Bereiche, wo eine Grenze bereits überschritten ist. Etwa, wenn Menschen während eines Gespräches parallel Emails oder Nachrichten lesen. Der Wert der Kommunikation wird geschmälert durch das, was man gleichzeitig noch tun könnte. Virtuelle Kommunikation erleichtert vieles, aber sie scheint auch ein Ersatz zu werden für Rituale, die früher verbindlich waren.

Umgekehrt gibt es aber auch den Drang, sich frei zu versammeln, gerade im Advent. Vielerorts haben Menschen anderen ihre Tür geöffnet. Die Menschen wollen allerdings nicht vereinnahmt werden. Die Erfahrung zweier Diktaturen im letzten Jahrhundert gibt auch gute Gründe dafür. Aber das Bedürfnis, einer Gemeinschaft anzugehören, die größer als die eigene Familie ist, existiert. Wir müssen lernen, sorgsam damit umzugehen.

Was macht es dann für die Kirchen so schwierig, Menschen davon zu überzeugen, dass sie bei Ihnen gut aufgehoben sind?

Junkermann: Es ist nicht schwierig, wenn man den Bedürfnissen der Menschen folgt. Dann stellt sich aber die Frage: Verraten wir unsere Wahrheit, wenn wir das tun? Ich denke, dass wir als Kirche lernen müssen, mit den Menschen zu leben und das Evangelium, die Frohe Botschaft, in der konkreten Situation durchzubuchstabieren. Uns also herausfordern zu lassen von den Schwierigkeiten, in denen Menschen sich befinden. Das ist nicht einfach.

Feige: Früher wurde man kirchlich sozialisiert und davon dann auch mitgetragen. Allerdings konnte man auch nicht ausweichen, es gab soziale Zwänge. Heute bedarf es einer persönlichen Entscheidung zur Kirche. Das fordert den Einzelnen mehr heraus.

Wenn sich, zumal im Osten, einer dazu bekennt, Christ zu sein, kann es geschehen, dass seine Umwelt irritiert reagiert: Der ist doch ein ganz vernünftiger Mensch! Warum ist das immer noch so? Immerhin liegt das Ende der atheistisch geprägten DDR mehr als zwei Jahrzehnte zurück

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Feige: (lacht) Immer noch? Ich würde sagen: Wieder! Zwischenzeitlich, nach der Wende, hatten Christen und Kirchen durchaus einen positiven Ruf. Da scheint sich also etwas verändert zu haben.

Es gibt Menschen, die auf die Frage, ob sie katholisch oder evangelisch seien, antworten: Wir sind normal. Und Normalität bedeutet in unserer Region eben, nicht Christ zu sein. Im Westen, sagen manche, sei Gott inzwischen aus den Herzen verschwunden. Im Osten sogar aus dem Kopf. Es gibt den Begriff gar nicht mehr, kein Gefühl für seine Bedeutung. Das macht es für uns noch einmal schwerer.

Junkermann: Ich glaube allerdings, dass viele Menschen, zum Beispiel solche, die ihre Kinder auf christliche Schulen schicken, schon auf der Suche nach einer Verlässlichkeit sind. Kirche steht für Verlässlichkeit, auch für Menschen, die ihr nicht angehören. Wir müssen die Schwelle jedoch niedrig halten.

Feige: Wir hatten manchmal zu klare, zu formelhafte Antworten. Andererseits ist bei manchen Menschen ein regelrechter Panzer spürbar - etwa, wenn es darum geht, über grundlegende Dinge wie den Tod nicht nur "cool" zu sprechen, sondern das Thema auch wirklich an sich heranzulassen.

Zunehmende Armut und Entsolidarisierung in der Gesellschaft sind Zeichen der Zeit. Hier sind auch die Kirchen gefordert. Aber was können sie wirklich tun?

Junkermann: Kirche muss sich darum kümmern, dass die Armut öffentlich wird - und wie weit sie schon in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht. Und welche Verschwendung, etwa an Lebensmitteln, vielerorts herrscht. Wenn es der Kirche gelingt, dies aufzunehmen, ist die Resonanz sehr groß. Es geht schließlich darum, Menschen Stimme zu geben, die keine Stimme haben.

Es ist dies auch eine grundpolitische Aufgabe von Kirche: Dort, wo niemand etwas sagt, zu sprechen und Diskussion zu provozieren.

Feige: Christen und Kirche haben die Aufgabe, auf gesellschaftliche Defizite aufmerksam zu machen. Das gebietet ihr Menschenbild. Andererseits geht es auch darum, in der Kirche zu sensibilisieren, sich den Betroffenen zuzuwenden und sie zeichenhaft in die Gemeinschaft einzubeziehen. Der Theologe Karl Rahner hat dazu gesagt: "Kirche ist kein Ofen, der sich selber wärmt."

Junkermann: Kirche kann nicht Kirche sein, wenn sie nicht die Menschenfreundlichkeit Gottes lebt und weitergibt. Es gibt Stadtteile in unserem Land, in Halle, aber auch in Magdeburg, wo 70 Prozent der Kinder unter der Armutsgrenze leben. Wir müssen uns vor Augen führen, was das für die Entwicklungschancen dieser Kinder bedeutet und Mittel finden, sie auf ihrem Weg zu begleiten: Zum Beispiel auch Menschen, die an Eltern Statt einspringen und Ansprechpartner sein können.

Die Gesellschaft ist in Gefahr, sich radikal auseinanderzuentwickeln?

Feige: Es entwickeln sich eindeutig Milieus, die nicht mehr miteinander kommunizieren. Aber es gibt auch Menschen, die zum Beispiel ein Leben in Ehe und Familie für erstrebenswert halten und glauben, dass es gelingen kann. Eine große Gefahr stellt das Zusammenbrechen verwandtschaftlicher Beziehungen dar, es führt zur Vereinsamung gerade bei Älteren, für die der Staat aufkommen muss und die keine andere Chance mehr haben, als in Heimen zu leben.

Junkermann: Ich sehe, dass die Schere zwischen Reichen und Armen immer weiter auseinanderklafft. 80 Prozent allen Reichtums werden von fünf Prozent der Bevölkerung gehalten.

Das hat mit politischen Entscheidungen zu tun. Die Risiken wie jene der Finanzkrise werden sozialisiert, die Gewinne privatisiert. Hier müssen wir zu einer anderen Verteilung kommen. Darüber müssen wir sprechen: Wie gehen wir um mit dem kostbaren Gut des Lebendigen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Dinge und auch einzelne Menschen nicht mehr viel wert sind, scheint es. Es ist kälter geworden. Das müssen Menschen aussprechen und nicht als Schicksal mythologisieren. Dafür hat uns Gott den Verstand gegeben.

Feige: Es wird viel über Werte gesprochen. Da wird dann auf die Kirche geschaut. Aber die Kirche ist mehr als eine Werteagentur, so sehr ihr die Vermittlung von Werten auch ein Anliegen ist.

Junkermann: Werte gibt es nicht aus dem Regal. Sie erhalten erst ihren Sinn, wenn sie in Beziehungen gelebt werden. Deshalb ist Familie, auch wenn sie sich in ihren Formen verändert, so wichtig. Werte haben nicht nur mit Produktion und Konsumtion zu tun. Man muss Räume für ein Gespräch darüber haben: in Schulen, in Vereinen, in der Kirche. Wo Menschen erfahren können, was sie dem anderen wert sind.

Weihnachten ist auch die Zeit des Wünschens. Was liegt Ihnen persönlich auf dem Herzen?

Feige: Für mich ist das Schlüsselwort zu diesem Fest: weihnachtlich leben. Auf keinen Fall nur schlafen, Gänsebraten und Besuche, sondern die Wirklichkeit wahrzunehmen, wie sie ist.

Das hat zutiefst mit der Weihnachtsgeschichte zu tun, die ja keine Idylle ist. Ich wünsche mir außerdem, den Himmel offen zu sehen, wir schaffen nicht alles aus eigener Kraft. Und das Dritte: Sich Neuanfängen nicht zu verschließen. Das wünsche ich vielen.

Junkermann: Es gibt in dem Adventslied "Macht hoch die Tür" in der fünften Strophe den schönen Vers "dein' Freundlichkeit uns erschein'": Das wünsche ich mir: Dass wir die Freundlichkeit der Kirche deutlich machen können und auch weitergeben. Damit wir von dem großen Druck, der auf uns allen lastet, etwas erleichtert werden. Und dass die Menschen ein bisschen träumen können.