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DDR-Geschichte: Freya Klier und Stephan Krawczyk wurden 1988 ausgebürgert

Uhr | Aktualisiert 01.02.2013 20:00 Uhr

Freya Klier und Stephan Krawczyk geben am 3. Februar 1988, einen Tag nach ihrer Ausbürgerung, in Bethel bei Bielefeld eine Pressekonferenz. (FOTO: DPA)

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Ende Januar 1988 waren die DDR-Tageszeitungen voll von Berichten über "Menschenrechtsverletzungen" in der BRD. Von heute auf morgen wurde massiv über "Berufsverbote" und Übergriffe gegen "Friedensfreunde" im Westen berichtet. Warum?
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Halle (Saale)/MZ. 

Der Anlass lag im Osten. Nur rückte der erst langsam - und solcherart propagandistisch vorbereitet in den Blick.

Am Rande der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 17. Januar 1988 in Ostberlin waren über 150 Menschen verhaftet worden, die aus unterschiedlichsten Gründen erstmals öffentlich auf ihre Situation aufmerksam machen wollten. Bürgerrechtler, Ausreisewillige, antiautoritäre Linke. Und der Liedermacher Stephan Krawczyk, der das Luxemburg-Zitat von der Freiheit, die immer die Freiheit der Andersdenken sei, aus den Schriften der Kommunistin gefischt hatte, um es den Protestlern als Winkelement zu empfehlen. Krawczyk also hatte das viel zitierte Wort für die Öffentlichkeit entdeckt. Er selbst, der sich vom SED-Mann (1976-1985) und Liederclown weg zum dissidentischen Ermunterungs-Sänger entwickelt hatte, wollte gegen sein schon drei Jahre währendes Berufsverbot protestieren.

Der damals 32-Jährige kam gar nicht erst bis zum Demonstrationszug. Unweit seiner Wohnung wurde das vormalige Mitglied der Folk-Gruppe "Liedehrlich" verhaftet und auf dem Rücksitz eines Wartburgs ins Gefängnis Rummelsburg gefahren. Unter seinem Pullover steckte das Transparent "Gegen Berufsverbot in der DDR". Nachdem Krawczyks damalige Ehefrau, die Regisseurin Freya Klier, in der ARD-"Tagesschau" einen Solidaritäts-Appell verlesen hatte, wurde auch sie verhaftet. Im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen schloss man sie eine Etage über Krawczyk ein, dem sie nicht begegnen durfte. Nur die Anwälte eilten zwischen den beiden hin und her, um ihnen trickreich die Unterschrift zur Ausreise abzupressen. Das gelang. Heute vor 25 Jahren wurde das Paar in den Westen abgeschoben.

Was sich da 1988 ereignete und deutschlandweit seine Kreise zog, war - und ist bis heute! - ein düsteres Kapitel Zeitgeschichte. Die SED und Stasi schafften es, das über Nacht prominente Künstlerpaar Klier und Krawczyk, erstens, nach Westen zu entsorgen, und, zweitens, im Osten unmöglich zu machen. Die Abgeschobenen sollten als Feiglinge erscheinen, denen das Ausreise-Privileg näher war als der Streit vor Ort. Der Vorsatz ging auf. In Stefan Wolles DDR-Geschichte "Die heile Welt der Diktatur" ist nachzulesen, wie sehr.

So erklärte die Pastorin Ruth Misselwitz am 4. Februar 1988 vor 2 000 Menschen in der Ostberliner Gethsemane-Kirche in Hinsicht auf Klier und Krawczyk: "Wir haben gelernt, daß es keine Helden gibt und wir uns nicht so sehr auf einzelne Personen verlassen sollten."

Bis heute hält sich die Legende, dass die nach Klier und Krawczyk noch zahlreichen Ausreisen von prominenten DDR-Kritikern "auf eigenen Wunsch" erfolgt seien. Tatsächlich gab es einen Stasi-Maßnahmeplan "Heuchler". Und bis heute gibt es Akteure von damals, die fortgesetzt über das schweigen, was geschah. Jetzt fordern Bürgerrechtler endlich Aufklärung über die Ereignisse von 1988: mit einem Aufruf, den die Havemann-Gesellschaft veröffentlichte, mitunterzeichnet von Klier und Krawczyk.

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