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Daniel Barenboim: «Wir schmieden die Waffe der Neugier auf den anderen»

Uhr | Aktualisiert 14.12.2012 22:11 Uhr
Daniel Barenboim, Chefdirigent der Staatskapelle Berlin (FOTO: DPA) 
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Einen gemeinsam für Israelis und Palästinenser eingerichteten Studiengang präsentiert der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, in Düsseldorf. Das Projekt "European Studies" wird am Sonntag auf einer Gala in den Rheinterrassen vorgestellt.
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düsseldorf/MZ. 

Einen gemeinsam für Israelis und Palästinenser eingerichteten Studiengang präsentiert der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, in Düsseldorf. Das Projekt "European Studies" wird am Sonntag auf einer Gala in den Rheinterrassen vorgestellt, an der die holländische Königin Beatrix und Bundespräsident Joachim Gauck teilnehmen. Die Schirmherrschaft über die Gala haben Alfred Neven DuMont, Verleger der "Mitteldeutschen Zeitung", und seine Frau Hedwig übernommen. Musikalisch gestaltet wird der Abend von Daniel Barenboim. Mit dem Dirigenten sprach Joachim Frank.

Herr Barenboim, vor wenigen Wochen erst ist die Gewalt im Nahen Osten erneut mit großer Heftigkeit aufgeflammt. Glauben Sie trotzdem immer noch an die Kraft der Musik?

Barenboim: (lacht) Sie meinen, weil mein „West Eastern Divan Orchestra“ oft als „Orchester des Friedens“ bezeichnet wird? Der Begriff ist gewiss sehr schmeichelhaft, aber er stimmt natürlich nicht. Es wäre ja sehr schön, wenn Musik Frieden stiften könnte. Aber in Wahrheit braucht es dafür ganz andere Dinge wie Gerechtigkeit und Gleichheit für alle.

Was ist dann überhaupt der Wert Ihres Bemühens?

Barenboim: Wir schmieden – wenn Sie so wollen – die Waffe der Neugier auf den anderen; des Wunsches, einander kennenzulernen, zu verstehen und die jeweiligen Bedürfnisse von Israelis und Palästinensern als legitim anzuerkennen – auch wenn man selbst anderer Meinung zu sein glaubt. Avi Primors wunderbarer studentischer Austausch zwischen Universitäten in Tel Aviv, Ost-Jerusalem, Amman und Düsseldorf verfolgt auf seine Weise ein ähnliches Ziel.

Menschliche Beziehungen als Vehikel zum Frieden?

Barenboim: Niemand soll glauben, man bräuchte Israelis und Palästinenser nur zusammen zu bringen und ihnen etwas an die Hand zu geben, wofür sie eine gemeinsame Leidenschaft entwickeln, und schon brächte das den Frieden. Nein! So etwas kann bestenfalls eine Basis der Verständigung legen, auf der in Zukunft vielleicht Frieden wachsen kann.

Den Don Quixote gibt es nicht nur in der Literatur, sondern bei Richard Strauss auch in der Musik. Fühlen Sie sich so ähnlich beim Gedanken, dass die Politik Ihrer Regierung Ihnen immer wieder die fragile Basis zerschlägt, die Sie da zu legen versuchen?

Barenboim: Entschuldigen Sie, aber die Regierung Netanjahu ist nicht „meine Regierung“. Es ist eine Regierung, die nicht nur schlecht von den Palästinensern denkt, sondern auch überhaupt nicht versteht, was das israelische Volk braucht. Und das macht in der Tat so vieles kaputt.

Was braucht das israelische Volk?

Barenboim: Ich meine, man müsste sich in Jerusalem doch endlich einmal fragen, wieso es in den 64 Jahren seit Gründung des Staates Israel keinem – weder den Israelis noch den Palästinensern noch, um ehrlich zu sein, dem Rest der Welt – gelungen ist, das Wesen des Konflikts im Nahen Osten zu verstehen.

Das Ihrer Meinung nach worin besteht?

Barenboim: Es gibt im Nahen Osten weder eine militärische noch eine politische Lösung, weil der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern kein militärischer oder politischer ist, sondern ein menschlicher: Zwei Völker sind gleichermaßen zutiefst von ihrem Recht auf dasselbe kleine Stückchen Land überzeugt. Bevor Sie überhaupt nur daran denken können, diese Kontroverse politisch aufzulösen, müssen beide Völker anerkennen, dass das jeweils andere das gleiche Recht hat, auf dem von beiden beanspruchten Territorium zu leben. Andernfalls ist es wie mit einem Patienten, der zwar spürt, dass er krank ist, aber aufgrund falscher Diagnosen dauernd die falsche Medizin bekommt.

Halten Sie die deutliche Kritik der Bundesregierung an der Siedlungspolitik Israels für einen richtigen therapeutischen Ansatz?

Barenboim: Unbedingt. Die Siedlungen sind ein wesentliches Hindernis für eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts. Das muss man klar sagen und auch sagen dürfen. Wer das sogleich in Zusammenhang bringt mit angeblichem Antisemitismus, der begeht einen schweren Fehler. Den gleichen Fehler übrigens wie jene, die eine falsche Politik Israels nutzen, um tatsächlich Antisemitismus zu schüren. Es ist jederzeit erlaubt, die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Diese aber gleichzusetzen mit dem Judentum, das ist total verkehrt.

Sie kommen an diesem Sonntag eigens aus Mailand, um in Düsseldorf für Avi Primors Projekt der „European Studies“ zu werben. Was nimmt Sie so sehr dafür ein?

Barenboim: Es gibt nicht vieles, was so zukunftsweisend ist wie die Idee gemeinsamen Lernens. Sie fußt auf der Einsicht, dass die Völker im Nahen Osten keine andere Wahl haben als das Miteinander. Wir können es uns nicht erlauben, Rücken an Rücken zu leben. Ein Projekt wie das von Avi Primor bringt Israelis und Palästinenser dazu, ihre Körper zumindest soweit zu drehen, dass sie Seite an Seite zu stehen kommen.