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Comic-Biografie über Agatha Christie: Verschwinden Sie, Poirot!

Hercules Poirot befragt seine Erfinderin Agatha Christie

Hercules Poirot befragt seine Erfinderin Agatha Christie

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egmont verlag

halle -

Mord? Selbstmord? Agatha Christie ist verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ihr Auto ist in der Nähe eines Sees abgestellt, die Polizei lässt in einer groß angelegten Aktion nach ihr suchen, doch weder eine lebendige noch eine tote Christie ist zu finden. Nach elf Tagen hat sich alles erledigt: Die berühmte Schriftstellerin taucht wieder auf. Nicht aus dem See. In einem Hotel.

Mit dieser bis heute nicht vollends aufgeklärten Geschichte beginnt die Comic-Biografie von Anne Martinetti, Guillaume Lebeau und Alexandre Franc. War es eine Flucht in die Einsamkeit nach dem Tod ihrer Mutter und der Affäre ihres Mannes? War es ein geplanter Racheakt an ihrem Noch-Ehemann, der dadurch in Verdacht geriet?

„Mein Leben ist kein Roman“

War es ein Versuch, die Grenzen von Literatur und Leben zu überwinden mit den unerschöpflichen Möglichkeiten ihrer Romanfiguren? Trotz der Versuche des Comics, das Geschehene zu beschreiben und zu erklären, bleibt nur die Einsicht der meistgelesenen Autorin der Welt, das eigene Schicksal nicht in der eigenen Hand zu haben: „Mein Leben ist kein Roman“.

Immerhin hat Agatha Christie, am 15. September 1890 geboren und am 12. Januar 1976 gestorben, die Existenz ihrer legendären Detektive Hercules Poirot und Miss Marple unter Kontrolle. Es sind ihre kreativen Schöpfungen, beide tun, was sie will, das ist ihr Schicksal. Doch diese Konstellation wird im Comic häufig in Frage gestellt, wenn sich die Figuren wieder einmal verselbstständigen, aus den Kriminalromanen treten und ein Eigenleben führen. Dann gibt etwa Hercules Poirot seiner Autorin praktische Lebenstipps oder bewirbt sich Miss Marple nachdrücklich um die Chefermittlerrolle im nächsten, erst in den Grundzügen geplanten Werk.

Poirot bleibt ein stets überraschend erscheinender, sich überall einmischender Gast im Comic-Leben von Agatha Christie, die sich nicht anders zu helfen weiß als mit resoluten Drohungen der Art: „Verschwinden Sie, Poirot! Bevor ich sie endgültig umbringe!“ Das passiert auch real schneller als erwartet, bereits Anfang der 1940er Jahre entsteht der letzte Fall des belgischen Detektivs, aufbewahrt in einem Safe, bevor er Mitte der 1970er Jahre erscheint. Während Poirot stirbt und die New York Times auf der Titelseite seine Todesanzeige druckt, überlebt Miss Marple ihre letzten Ermittlungen. Deshalb geraten der fiktive Held und seine reale Schöpferin am Ende des Comics in Streit, denn Christie hat über Poirot einen entscheidenden Sieg errungen, ihn nämlich überlebt (wenn auch nur knapp).

Martinetti, Lebeau und Franc setzen auf eine unterhaltsame, zuweilen amüsante Annäherung an die britische Schriftstellerin, die dennoch nicht auf Kosten des informativen Gehalts geht. Das wechselvolle Leben wird in allen Facetten gezeigt. Der Tod von Mutter und Vater. Die Geburt der einzigen Tochter. Die langen (inspirierenden) Reisen in die Ferne. Die beiden Ehemänner und ihre Affären. Die beiden Weltkriege und ihre Arbeit als Krankenschwester, die mit Giften umzugehen lernt. Die Konfrontation mit dem Geheimdienst. Die Liebesromane unter dem Pseudonym Mary Westmacott.

Fiktive und reale Figur gleichermaßen

Der Comic findet die entsprechenden Bilder: ein doppelseitiger Reisebericht im Sepia-Effekt, ein ganzseitiger Vorausblick der Krankenschwester als Kriminalautorin, geteilt von einer Arzneiwaage, die über Leben und Tod entscheidet. Auf Schraffuren und Schattierungen wird verzichtet, die Panels sind klar konturiert und flächig koloriert, die Anwesenden blicken stark vereinfacht in die Gegend - ganz im stilistischen Sinne der Ligne claire und ihres bedeutenden Vertreters, des belgischen Comiczeichners Hergé. Wohl auch deshalb ist eine Ähnlichkeit zwischen Hergés selbstgefälliger Detektivfigur Schultze und Francs Darstellung von Christies selbstgefälliger Detektivfigur Poirot nicht zu übersehen – bis auf die Nase (Schultzes rundliche Knollenform gegen Poirots längliche Knollenform).

Anstatt einer grafischen Darstellung realistischer Hintergründe finden sich in den Panels viele, große Sprechblasen, die nicht selten die Hälfte des Platzes einnehmen. Dennoch findet die Comic-Biografie die Balance aus Text und Bild, aus inhaltlicher und formaler Rekonstruktion eines Lebens, das erst im Alter von 85 Jahren durch einen Schlaganfall beendet wird.

Das letzte Wort soll der Comic-Poirot haben, diese fiktive und reale Figur gleichermaßen. „Du hast mich getötet! Ich bin empört!“ ruft er, und: „Das lasse ich mir nicht gefallen!“ Wenn das Leben schon kein Roman ist, dann hat es aber wenigstens so ein Finale verdient - als Höhepunkt einer langjährigen erfolgreichen Beziehung: schmerzlich und endgültig, aber auch absurd und nicht ohne Komik. (mz)