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Christian-Wolff-Haus: Ausstellung zur Geselligkeit um 1800

Uhr | Aktualisiert 23.11.2012 20:24 Uhr

Im «Visitenzimmer»: Gipsabguss der Breslauer Marmorbüste von Christian Wolff (1679-1754), hinten rechts Wolffs Schreibschrank (FOTO: THOMAS MEINICKE)

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Die neue Dauerausstellung im Wohnhaus des berühmten Aufklärungs-Philosophen Christian Wolff widmet sich der Geselligkeit um 1800.
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Halle (Saale)/MZ. 

Gut möglich, dass er an diesem Schreibschrank saß, der nun im "Visitenzimmer" seines Wohnhauses zu sehen ist. Den linken Unterarm auf die herabklappbare Tischplatte gelegt, in der rechten Hand den Federkiel: Christian Wolff, der schlesische Gerbersohn, 1679 geboren in Breslau, um 1750 der bedeutendste Philosoph in Deutschland. Und darüber hinaus.

Ein Mann, dessen äußere Gestalt der hallesche Historiker Werner Frauendienst so beschrieb: "Ein großer massiger Kopf. Die hohe, kaum durchfaltete Stirn, die hellen lebendigen Augen, die starke, etwas gebogene Nase ein längliches, volles, wohlgenährtes Gesicht". Eines, das weltberühmt war in Halle, in dem der große rationalistische Denker zweimal lehrte: von 1706 an bis zu seiner Vertreibung wegen "Atheisterey" im Jahr 1723 und nach seiner triumphalen Rückkehr 1741 bis zu seinem Tod 1754.

In dieser zweiten halleschen Phase wohnte Christian Wolff in dem prachtvollen, unweit vom Marktplatz stehenden Bürgerhaus Große Märkerstraße 10. Ein zweigeschossiger, barock umgestalteter Wohnbau aus dem 16. Jahrhundert. Ein Haus für die höhere Einkommensgruppe: im Erdgeschoss die gesellschaftlichen, im Obergeschoss die familiären Räume, das Dach ausgebaut zum Hörsaal. Zehn Jahre nach dem Tod des Philosophen kaufte der Verleger und Buchdrucker Johann Justinus Gebauer (1710-1772) das Gebäude. Dessen Familie und der bald namhafte Verlag Gebauer & Schwetschke nutzten Haus und Grundstück über fast 200 Jahre. 1947 wurden die Gebauers enteignet: einiges an Möbeln, Kunstgut und Akten fiel der Stadt Halle zu. Darunter der erwähnte Schreibschrank, den Gebauer von Wolff übernommen hatte. Ein württembergisches, aus Nussbaumholz gezimmertes Möbelstück, mit Intarsien und feuervergoldeten Bronzebeschlägen verziert. "Unsere Himmelsscheibe" sagt Cornelia Zimmermann.

Die Historikerin war es, die die Geschichte des Möbelstückes recherchierte, das in den 1950er Jahren unerkannt in der Verwaltung der Moritzburg stand. Notizen auf Karteikarten des Kunstmuseums und des Händelhauses brachten den entscheidenden Hinweis auf die Herkunft aus dem Wolff-Besitz. Nun also steht der Schrank im Empfangsraum des Gebäudes - rechts vom Hauseingang, der künftig nicht mehr von den Besuchern genutzt wird. Die schwere Tür, deren Flügel noch der Philosoph persönlich öffnete, bleibt geschlossen. Die Besucher der neuen Dauerausstellung, die am Montag eröffnet wird, betreten das Wolff-Haus und mithin das künftige Museum für Stadtgeschichte durch einen Mittelbau im Hof, der das Wohnhaus mit der alten Druckerei verbindet.

Als erste Abteilung des neuen Museums geht also die von Cornelia Zimmermann kuratierte Schau an den Start. "Geselligkeit und die ,Freyheit zu philosophieren'": So ist die Ausstellung überschrieben, die eine Brücke zu schlagen sucht zwischen der jungen bürgerlichen Alltags- und akademischen Lehr-Kultur im 18. Jahrhundert. Rund 260 Objekte sind auf 280 Quadratmetern in Vitrinen und Schauwänden zu sehen, gestaltet von Andreas Haase und Ralph Pietschmann.

Großartig und auf eine zurückhaltende Weise stimmungsvoll gelingt der Auftakt mit dem "Visitenzimmer", in dem sich teilweise die Leinwandbespannungen und vollständig der von Wolff besorgte Kaminaufsatz erhalten haben. Der zeigt das Wappen des Hausherrn: einen aufrecht gehenden Wolf. Der neu gewonnene Schreibschrank ist zu sehen und der 2010 von halleschen Bürgern finanzierte Gipsabguss einer Breslauer Marmorbüste des Philosophen. Das gegenüber vom "Visitenzimmer" gelegene "Kontor der Gelehrsamkeit" erinnert an die Drucker- und Verlegerfamilien Gebauer und Schwetschke. Ungebundene Druckbögen liegen aus und eine wunderbare Zeichnung von 1787, die den "Silvester Abend im Hause Gebauer" zeigt: Bleigießen in Familie.

Überhaupt sind es die durchweg reizvollen und unaufdringlich präsentierten Objekte, die diese Ausstellung zu einem Ereignis machen. Die bietet mit Wolff und der Geselligkeit zugleich eine Kulturgeschichte der Stadt Halle um 1800 und ihrer Akteure: Studenten und Professoren, Künstler und Pietisten - und die Spannungen zwischen diesen. Denn: "Tantzen, Spielen, Schertzen, / Treibet aus dem Hertzen / Christi Geist und Sinn", dichtete der im Geist des halleschen Pietismus erzogene Jacob Baumgarten. Eine Denkart, die Wolff nicht teilte, der in einer Welt lebte, in der alles mit mathematischer Genauigkeit, aber durchaus fröhlich auf einen göttlichen Zweck hin eingerichtet - und also gut begründet war. Auch das Tanzen.

Es ist diese heitere Helligkeit, die sich in der Schau mitteilt. Eine Art von hallescher Freiheit. Ein Schlitten aus dem 18. Jahrhundert steht bereit, Stammbücher liegen aufgeblättert da, Spiele und Kinderbücher unterhalten. Jeder Raum hat sein Thema, seinen Farbton , seine Überraschungen. So zeigt das Freimaurer-Zimmer kostbare Dinge, die 1933 von den Nazis geraubt und im Stadtarchiv gelagert worden waren: unter anderem drei hölzerne, als Arme gestaltete Kerzenhalter, buchstäbliche Armleuchter.

Der neuen Ausstellung im Wolff-Haus gelingt solcherart auch eine Rückholung der halleschen Kultur um 1800 in das Gedächtnis der Stadt, befördert von der Landesinitiative "Sachsen-Anhalt und das 18. Jahrhundert". Eine Schau, die - was man ihr nicht ansieht - aus schwierigsten sachlichen und administrativen Verhältnissen heraus gestaltet wurde. Und die der erste Schritt ist hin zu einer vollwertigen Stadtgeschichts-Ausstellung, von der Halle seit dem 19. Jahrhundert nur geträumt hat. Im Mai öffnet die zweite Abteilung in der Druckerei nebenan.

Festliche Eröffnung: Montag, 26. November, 14 Uhr, den Festvortrag hält der Philosoph Jürgen Stolzenberg. Geöffnet ist die Schau ab 27. November Di-So 10-17 Uhr. Katalog zur Ausstellung mit zahlreichen Aufsätzen: 192 Seiten, 17 Euro.