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Christa Wolf: «Wir sind die Nachwelt»

Uhr | Aktualisiert 25.07.2012 19:48 Uhr
Abschied von Christa Wolf: Gedenkabend in der Berliner Akademie der Künste am 13. Dezember 2011 (FOTO: DAPD) 
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Letzte Wortmeldungen: Der Suhrkamp Verlag veröffentlicht Essays, Reden und Gespräche der im Dezember 2011 gestorbenen Schriftstellerin Christa Wolf.
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Halle (Saale)/MZ. 

Elf Aufsätze, neun Reden, fünf Interviews sowie ein "Gespräch in Vers und Prosa": Das bietet das erste, nunmehr aus dem Nachlass der im Dezember 2011 gestorbenen Schriftstellerin Christa Wolf herausgegebene Buch. Wobei der Begriff "Nachlass" in diesem Fall ungenau ist. Christa Wolf, die 82 Jahre alt wurde, hat den im Suhrkamp Verlag veröffentlichten Sammelband noch selbst zusammengestellt, wie der Umschlag mitteilt. Es sollte offenbar eine schnelle Publikation zwischen den Jahren, zwischen den eigentlichen Werken sein. Nun ist es mehr.

"Rede, daß ich dich sehe" ist das Buch überschrieben, das Publizistik der Jahre zwischen 2000 und 2011 bereithält. Ein Titel-Zitat aus dem Werk des großen aufklärungskritischen Dichters und Philosophen Johann Georg Hamann (1730-1788), der ein literarischer Hausgott des Schriftstellers Johann Bobrowski ("Levins Mühle") war. Aus dessen Roman "Litauische Claviere" hat Christa Wolf die Formel in einen Vortrag übernommen, den sie im September des Jahres 2000 vor dem Kongress der Redenschreiber in Berlin hielt. Einen Vortrag, in dem sie das Hamann-Bobrowski-Zitat leicht abwandelte.

"Rede, daß wir dich sehen": So lautet das Wort als Vortrags-Zeile bei Christa Wolf, das den Herausgebern dann aber wohl doch nicht als brauchbarer erschien, weshalb man sich für die Hamann-Formel als Buchtitel entschied. In dieser Akzent-Verschiebung vom Ich zum Wir aber hat man die bekannteste nachkriegsdeutsche Autorin ganz, deren Schreiben stets auch von einem volkspädagogischen Anspruch geführte wurde. Von einem um 1945 gesellschaftlich verordneten "Wir" aus über ein individuell aufbegehrendes "Ich" in den 60er und 70er Jahren wieder hin zu einem von den 80er Jahren an utopisch aufgeladenen "Wir", das der Autorin bis zuletzt Missverständnisse bescherte. Sie meinte aber wohl kein vereinnahmendes, sondern frei assoziiertes "Wir", dem sie bei ihren öffentlichen Auftritten bis zuletzt das Wort redete.

Es ist also Zeit, das Schaffen der ostdeutschen Schriftstellerin nicht neu, aber entspannter, unangefochtener von den Tagesdingen zur Kenntnis zu nehmen. Oder überhaupt erst einmal, wozu dieser Sammelband auch gute Dienste leistet. Der ist durchaus als ein Lesebuch tauglich, als eine Einführung in die Maßstäbe des Wolfschen Schreibens also.

So spricht die aus dem neumärkischen Landsberg stammende Kaufmannstochter im Interview mit Arno Widmann (2004) von ihrer "Bindungsbereitschaft, ja meiner Bindungsfreudigkeit", die sie "manchmal fehlgeleitet" habe. Von ihrer Sehnsucht, dass nach den Jahren als junge NS-Mitläuferin "etwas absolut anderes" beginnen sollte, was sich für sie in der DDR zeigte. Im Gespräch mit Susanne Beyer und Volker Hage (2010) erläutert Wolf ihr Ideal des nicht-linearen Erzählens: "Mein Wunschbild für einen Text ist ein Gewebe. Ich möchte ein Gewebe herstellen, wo die Fäden ineinanderwirken und übereinanderliegen, und dann entsteht ein Muster, das nicht auf einen Faden gefädelt ist."

Das ist nicht neu gedacht, aber doch verständlich gesagt, was in den in den 70er Jahren veröffentlichten poetologischen Texten Christa Wolfs nicht die Regel war. Die alte ist also in gewisser Weise auch eine verjüngte, auf den Punkt kommende Schriftstellerin, wenn man den hier veröffentlichten Texten folgt. Reden über Kollegen wie Thomas Mann, Volker Braun und - besonders eindrücklich - über Uwe Johnson, über Künstlerinnen wie Nuria Quevedo, Angela Hampel, Ruth Tesmar und Helga Schröder.

Zwei Texte sind es, die heute eine besondere Wirkung entfalten. Die "Nachdenken über den blinden Fleck" überschriebene, hier erstveröffentlichte Rede vor der Psychoanalytiker-Vereinigung 2007 in Berlin und der im selben Jahr verfasste Beitrag zur Grass-Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel".

Der Zwiebel-Aufsatz ist die unaufdringliche Verteidigung eines Generationsgefährten, die ein Urteil hat, aber nicht effektheischend auswalzt. Wolf nimmt den SS-Mitläufer-Schrecken des Günter Grass sehr ernst. "Ich will diese Tatsache seines Lebens nicht leichter nehmen, als er selbst sie nimmt." Und sie schafft es, vor einem sittlichen Rigorismus im Urteil zu warnen, ohne das einzufordern.

In der Rede über den "blinden Fleck", also über die Wirkung verdrängten Wissens, findet man das zivilisationskritische Credo der späten Christa Wolf. In Sätzen wie: "Wir

sind

die Nachwelt. Wir wissen, was kam. Wir leben in einer von Grund auf verkehrten Welt: Hemmungslos, der Gier nach Besitz und Macht verfallen". Der weltweiten "Anpreisung von Werten" inklusive, "die bei uns selbst unbeachtet, ungültig geworden sind." Nicht erst heute, aber immer noch.