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Mitteldeutsche Zeitung | Briefroman „Rosenstengel“ von Anna Magdalena Francke: Kein Mann der Liebe, jedenfalls nicht der nahen
26. January 2016
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Briefroman „Rosenstengel“ von Anna Magdalena Francke: Kein Mann der Liebe, jedenfalls nicht der nahen

Angela Steidele, Autorin, 2005 mit dem Gleimpreis geehrt

Angela Steidele, Autorin, 2005 mit dem Gleimpreis geehrt

Foto:

Ben Ohlisetti

Halle (Saale) -

Der ist kein Mann von dieser Welt, aber mit besten Kontakten in die andere: nämlich in die himmlischen Sphären hinein. Weiße Haut, helle, weiche Locken, „ein schönes Gesichte“, so beschreibt Anna Magdalena Francke - die Ehefrau des berühmt-berüchtigten Gründers der Franckeschen Stiftungen in Glaucha bei Halle - den wie außerirdisch wirkenden Jüngling, der sich Anastasius Rosenstengel nennt. Und der wahre Wunder zu vollbringen meint.

Werckzeug Gottes

Er selbst nennt sich ein „Werckzeug Gottes“. Als solches wird der 24-Jährige 1711 in Köln auffällig. Die Protestanten wenden sich an Francke, der sich auskennt im Lager des radikalen Frömmlertums. Denn Rosenstengel verspricht einem Kölner Seifensieder, dass dieser auf dem Wasser gehen könne - so wie einst Christus. Francke empfiehlt die Prüfung. So zieht die Sekte an den Rhein und der Kölner fällt buchstäblich ins Wasser. Rosenstengel wird verjagt und taucht als Musketier wieder auf. 1713 wird er als Deserteur gefasst. Vom Tod bedroht, behauptet er, ein Mädchen zu sein - geboren in Halle, aufgewachsen in Franckes Stiftungen. Rosenstengel wird entkleidet. Und siehe da: Der Mann ist ein Mädchen. In dessen Hose steckt eine „lederne Wurst“, mit der das Weib, das eigentlich Catharina Margaretha Linck heißt, die Ehe vollzogen und „unterschiedliche Wittwen caressiret“ (liebkost) haben soll.

Rückkehr mit Briefroman

So verblüffend so wahr - und von Akten gedeckt. Bereits 2004 hatte die in Köln lebende Historikerin Angela Steidele das Buch „In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel“ veröffentlicht. Jetzt kehrt sie zum Thema zurück. „Rosenstengel. Ein Manuskript aus dem Umfeld Ludwigs II.“ heißt der Briefroman, der ein gut komponierter Wirbel aus Stimmen und Fakten um Liebe und Ordnung, Geschlecht und Macht ist.

Beinahe alles ist wahr

Fast durchweg liefert Steidele Originalmaterial. Beinahe alles ist wahr, bis auf die Figur des Impresarios dieses Briefgewitters: Der heißt Franz Carl Müller, ist ein Psychiater, der von 1884 an erst den im Irrenhaus isolierten bayerischen Prinzen Otto, dann dessen Bruder, den Märchenkönig Ludwig II., betreuen soll. Als Historiker beschäftigt sich Müller mit dem Fall Rosenstengel, der bald auch König Ludwig begeistert, der sich gegenüber Müller als „Rosenstengel“ bekennt: Der König und sein Freund entbrennen für einander. Rundherum fliegen Briefe hin und her zwischen den Medizinern um Müller, die wie dieser über „Conträrsexuelle“ forschen, zwischen den Ludwig-Gegnern und Bismarck, und im Zentrum des Wirbels die Briefzeugnisse um Rosenstengel, verfasst von Thomasius, Francke und dessen Frau. Es ist ein Vergnügen, der gründlich frustrierten Anna Magdalena Francke zu folgen, wie sie Thomasius erklärt, dass sie „eins mit Ihm“ sei „in seinem Abscheu vor die Glauchaer Anstalten, welche nur mit dem äußern Schein der Gottseligkeit geschmücket“, dass Francke ein Mann sei, der „vom Geist ins Fleisch“ gefallen sei, vernarrt in irdische Eitelkeit.

Kein Mann der Liebe, jedenfalls nicht der nahen.

Steideles schön gestaltetes Buch - pinkfarbener Einband, goldfarbene Prägung - ist ein mit vielen akademischen Wassern gewaschenes kleines Kunstwerk. Ein Buch über die Liebe in den Zeiten wechselnder weltanschaulicher oder politischer Hysterien. Ein Buch, das beiläufig klüger macht. Und in dem die österreichische Kaiserin Sisi (die auch Stimmen hört: die Heinrich Heines) das Schlusswort zufällt, das einem Motto des Buches gleichkommt: „Der Wahnsinn ist wahrer als das Leben und das Leben ist auch nur Kunst.“

Die Autorin liest am Mittwoch, 27. Januar, um 18 Uhr im Freylinghausen-Saal in den Franckeschen Stiftungen in Halle, moderiert von Katrin Schumacher (MDR), sowie am 10. Februar um 19.30 Uhr, im Gleimhaus in Halberstadt. Der Eintritt ist frei. (mz)