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Barbara Thalheim spielt in Halle: Das schöne Maß des Menschlichen

Barbara Thalheim, aufgenommen 2015, gastierte in Halle.

Barbara Thalheim, aufgenommen 2015, gastierte in Halle.

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Archiv/Sabine Pankratz

halle -

Tabus sind Mangelware geworden in der modernen Gesellschaft - politische, ethische, sexuelle. Das muss einem nicht nur gefallen. Nur ein einziges „No Go“, wie man neudeutsch sagt, ist geblieben oder doch in wehrhaften Resten erhalten: Das Alter. „Alle wollen alt werden, aber alt sein will keiner“, sagt Barbara Thalheim. Eine paradoxe Situation, die sich auswächst in einem Land, das immer weniger Nachwuchs, aber immer mehr und immer ältere Alte vorzeigen kann.

Programm mit Bildern und Filmen

Thalheim hat kein Problem damit, die Dinge beim Namen zu nennen. Seit mehr als 40 Jahren ist die Sängerin erfolgreich unterwegs, am Donnerstagabend im halleschen Kino Luchs am Zoo. Im Laufe einer solch langen Karriere kann man wohl jung geblieben sein in seinem Denken und Fühlen, aber die Jahre zu leugnen wäre töricht. Barbara Thalheim läge das auch fern, sie ist 68 und redet und singt in aller Offenheit und herzhafter Poesie über die Dinge des Lebens.

Also auch über das Altern, „Alt-Tag“ heißt das Programm mit Bildern und Filmen, die ihren Liedern nachgehen. Begleitet von großartigen Musikern, darunter der aus Halle stammende Kontrabassist Felix-Otto Jacobi, geht Thalheim dem Thema nach - manchmal sehr direkt, manchmal befreiend komisch. Nicht ohne Melancholie, aber nie selbstmitleidig. Und wenn es um Sex geht, das Tabu im Tabu, dann spricht sie eben von Sex.

„Ich zittre geil wie ein Spinett“, heißt es in einem ihrer Chansons. Und in einer langen, tragikomischen Geschichte, die von viel Wein, einem frühen Morgen in Berlin-Weißensee, gaffenden Taxifahrern und dem unbeholfenen Annäherungsversuch eines Mannes berichtet, wird deutlich, wovon Barbara Thalheim auch singt: Seit jener Zeit, die sie mit dem Lied „Als ich 14 war“ in Halle zärtlich und rührend zugleich beschreibt, hat sich eigentlich nicht so viel geändert an den Sehnsüchten und dem Begehren. Nur, dass es sich in reiferen Jahren angeblich nicht mehr schickt, offen darüber zu reden.

Ehrung für verstorbenen Bühnengefährten

Barbara Thalheim tut es, sie konfrontiert das Publikum mit Fotos, die in den 1970er Jahren in Mecklenburg entstanden waren, wo sich die Künstlerin mit Freunden ein schlichtes Refugium erobert hatte. Sie zeigt Porträts alter Frauen, von Ute Mahler meisterhaft fotografiert. Durch einen Film, aufgenommen in einer rissigen, vergessenen Kellerwohnung, sind sie verfremdet und noch einmal reizvoller geworden. Und immer geht es dabei um das Maß des Menschlichen, um die unveräußerliche Würde.

Einer der intimsten Momente des Abends, der spät und mit viel Beifall endet, ist das Spiel der Band zu einer Film-Aufzeichnung, die den wunderbaren, 2011 gestorbenen Akkordeonisten Jean Pacalet konzentriert und versunken bei der Arbeit des Musizierens zeigt. Eine schönere Ehrung für Barbara Thalheims langjährigen Bühnengefährten lässt sich kaum denken. (mz)