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Autobiographie: Sarkastische Streifzüge durch das Innere Mark Twains

Uhr | Aktualisiert 28.12.2012 19:12 Uhr
Der Schriftsteller Mark Twain (FOTO: DPA) 
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Hundert Jahre sollten vergangen sein seit seinem Tod, dann dürfte die Welt seine Erinnerungen zur Kenntnis nehmen. So hat es Mark Twain, der eigentlich Samuel Langhorne Clemens hieß, verfügt. Und so ist es nun gekommen. Der Schriftsteller starb am 21. April 1910 in Redding, Connecticut, die festgesetzte Frist ist abgelaufen, ein erster Band der "geheimen Autobiographie" Twains hat den Markt erreicht und findet die erwartete Aufmerksamkeit.
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Halle (Saale)/MZ. 

Man kommt kaum umhin, das Verfahren ungewöhnlich zu finden, ein genialer Marketingtrick ist es allemal gewesen - freilich einer mit Pokereffekt. Was wäre denn gewesen, würde das Interesse an dem Autor schon frühzeitig erloschen sein und niemand mehr hätte seine Bücher, geschweige denn seine Erinnerungen lesen wollen?

Twain ist offensichtlich davon ausgegangen, dass es dazu nicht kommen würde. Oder er hat es sich jedenfalls sehr gewünscht. Ob er sich seiner selbst und der Wirkung seiner Bücher wirklich grenzenlos sicher gewesen ist, darf man trotzdem bezweifeln.

Schließlich spricht aus dem Verfahren, seinen nachgelassenen Schriften eine derart lange Sperrfrist aufzuerlegen, wohl eine gewisse Eitelkeit, aber Twain hat sich ja auch eine Hintertür offen gelassen: Im Falle, er wäre vergessen worden, würde sich kaum jemand der auf Eis gelegten Aufzeichnungen erinnert und den Autor deshalb nachträglich verspottet haben.

Ein wenig erinnert das Verfahren im Übrigen an eine Szene aus seinem berühmtesten Werk: Tom Sawyer, der liebenswürdige Bengel, ist verschwunden und arrangiert als Zeitpunkt seiner "Auferstehung" die Trauerfeier, die man zu seinen Ehren veranstaltet. Wer hätte das nicht gut verstanden und sich heimlich selber gewünscht: All die guten Worte, die man nicht zu Lebzeiten, sondern dummerweise erst posthum bekommen kann, einmal zu hören!

So hinreißend flott wie die Abenteuer des Tom Sawyer und seines Kumpels Huckleberry Finn lassen sich Mark Twains Erinnerungen freilich nicht lesen. Aber Freude macht es schon, allein der kultivierten Sprache und des köstlichen, trockenen Witzes wegen, nimmt man sich die Zeit, in dem üppigen Band zu lesen. Es ist so recht eine Freude für lange, kalte Winterabende, sofern die noch jemand lesend in der gut geheizten Stube verbringen sollte.

Twain erzählt sein Leben nicht chronologisch, sondern reflektiert Ereignisse und Begegnungen, die ihm wesentlich erscheinen. Damit entfernt sich der Text weit von dem, was man üblicherweise als Autobiografie angeboten bekommt, das Leben des Literaten wird selbst zum Gegenstand der Literatur. Der große Abstand zur Lebenszeit des Verfassers verstärkt dessen Freiheit noch, des Lesers Vergnügen wird nicht geringer davon.

Twains sarkastisch eingefärbte Streifzüge ("Ich finde es bedauerlich, dass die Welt so viele gute Dinge ablehnt, nur weil sie ungesund sind.") setzen freilich voraus, dass man einen Nerv für diesen Ton hat und ihn dechiffrieren kann. Für Twain ist es offensichtlich auch um Selbstschutz gegangen, zu bitter und schwer ist sein eigenes Leben oft gewesen.

Als Kind verarmter Eltern aufgewachsen, obendrein früh ohne Vater, hat er seine Lektion gelernt: Den Erfolg, den er als Autor erfuhr, und die Anerkennung, nach der er stets strebte, nehmen sich vor diesem Hintergrund noch anders aus.

Wenn Twain, der nach dem Tod seines Vaters von der Schule genommen wurde und sein Berufsleben als Schriftsetzerlehrling begann, sich erinnert, wie er eines Tages in der Druckerei seines Provinzblättchens eine Melone aß und die ausgehöhlte Schale vom Dachfenster wohlkalkuliert auf den Kopf seines Bruders, der "zum Verzweifeln brav" war, fallen ließ, wird zugleich viel über Einsamkeit und Trauer des jungen Samuel erzählt. Einen Kunstgriff hat Twain noch gefunden, der dem Buch eine rührende, man kann auch sagen eine sentimentale Grundierung gibt.

Immer wieder zitiert er aus dem ihm gewidmeten biografischen Text seiner Tochter Susy. Sie hat ihren Vater tief geliebt. Und starb an Hinrnhautentzündung, als sie gerade 24 Jahre alt war.

Mark Twain: "Meine geheime Autobiographie", Aufbau-Verlag, Berlin, 1 129 Seiten, 49,90 Euro

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