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Ausstellung: 800-jährige Ära wird dargestellt

Uhr | Aktualisiert 01.09.2006 13:27 Uhr
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Kirchenreliquie

Restaurator Tilmann Krause justiert am 15.08.2006 beim Aufbau der Landesausstellungen von Sachsen-Anhalt «Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation» im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg eine Kirchenreliquie aus der Stauferzeit. (Foto: dpa)

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Vor 200 Jahren legte Kaiser Franz II. die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation nieder. Sang- und klanglos endete damit das 962 von Otto dem Großen begründete Reich.
Berlin/Magdeburg/dpa. 

Aus Anlass des 200. Jahrestages wird die mehr als 800-jährige Ära des Reichs vom 28. August an erstmals in einer großen Doppelausstellung in Magdeburg und Berlin dargestellt - anhand von zusammen rund 1100 historischen Schaustücken. «Es ist ein einzigartiges Projekt», sagt die Kuratorin der Berliner Schau, Jutta Götzmann. Und der Direktor des Kulturhistorischen Museums Magdeburg, Matthias Pule, schwärmt: «Eine solche Ausstellung über die gigantische Zeitspanne von 850 Jahren hat es noch nie gegeben.»

In Magdeburg wird unter dem Motto «Von Otto dem Großen bis zum Ausgang des Mittelalters» die gesamte mittelalterliche Reichsgeschichte bis zu Maximilian I. nachgezeichnet. Der neuzeitliche Teil der Reichsgeschichte «Altes Reich und neue Staaten 1495-1806» ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin repräsentiert. Die Doppelschau unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler ist bis zum 10. Dezember zu sehen.

Seit 2002 sind beide Häuser mit den Vorbereitungen beschäftigt. «Von vornherein war klar, dass ein solches Großunternehmen nicht von einem Museum allein geschultert werden kann», sagt Götzmann. Das Bindeglied zwischen beiden Ausstellungen ist Maximilian. «In Magdeburg erscheint er als der letzte Ritter, in Berlin als Kaiser», erläutert die Historikerin.

170 Museen aus 13 europäischen Ländern und den USA haben Leihgaben bereitgestellt. Die Kostbarkeiten der vom Europarat ausgezeichneten Ausstellung umfassen Goldschmiedearbeiten, Sakral-Utensilien, Grafiken, Gemälde, Skulpturen, Rüstungen, Münzen, Urkunden und Bücher.

In Magdeburg ist auf 2000 Quadratmetern unter anderem die berühmte Heidelberger Liederhandschrift, der so genannte Codex Manesse, zu sehen. Sie enthält prachtvolle Darstellungen des Minnedichters Walther von der Vogelweide, des Tannhäusers und Kaiser Heinrichs VI.. Weitere herausragende Objekte sind die aus Prag geschickte Goldene Bulle, das unter Karl IV. verfasste «Grundgesetz» des Reiches, und die Magdeburger Elfenbeintafeln aus dem New Yorker Metropolitan Museum.

In der Berliner Schau mit insgesamt 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche wird zum Beispiel eine Bronzebüste Karls V. aus Windsor Castle gezeigt, die einst dem Herzog von Alba gehörte. Von der österreichischen Burg Forchenstein kommt eine wertvolle Tischuhr in Form eines kaiserlichen Doppeladlers.

«Erst durch den Fall des Eisernen Vorhangs konnte man überhaupt daran denken, ein solches Thema, das geographisch heute große Teile Europas umfasst, darunter Gebiete der früheren Ostblock-Staaten, zu präsentieren», betont Puhle. «Zudem hat sich das Nationalgefühl verändert, und wir stehen nicht mehr unter Nationalismusverdacht.» Noch vor zehn Jahren hätten zahlreiche europäische Staaten ein Projekt «Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation» argwöhnisch aufgenommen. «Heute sind die Europäer in unserer Ausstellung versammelt, wir zeigen den großen historischen Bogen auf und dokumentieren in einer Abteilung auch die Nachwirkungen des Reiches auf die einzelnen Nationen im 19. und 20. Jahrhundert.»

«Die europäische Perspektive ist uns sehr wichtig», ergänzt Götzmann. «Bei allen Unterschieden hatte das Heilige Römische Reich strukturelle Ähnlichkeiten mit der Europäischen Union mit ihrer Vielfalt der Nationen und Sprachen. Bei der Bewältigung der Probleme kann der Rückblick auf die Geschichte helfen.»

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