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Archäologie: Tübinger Forscher verlassen Troja nach 25 Jahren

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Der Leiter der Troja-Ausgrabungen, Professor Ernst Pernicka, hält vor der Stadtmauer von Troja am 18.08.2008 einen Plan der legendären antiken Stadt in den Händen. 25 Jahre lang haben Tübinger Archäologen die mythenumwobene Stadt Troje erforscht jetzt läuft die Grabungslizenz aus. (FOTO: DPA)

25 Jahre lang haben Tübinger Archäologen die mythenumwobene Stadt Troja erforscht. Jetzt läuft ihre Grabungslizenz aus. Doch für das Team um Professor Pernicka geht die Suche nach den Geheimnissen der Stadt damit erst richtig los.
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Tübingen/dpa. 

Troja fasziniert die Menschen seit Jahrhunderten. Für Archäologen ist die Stadt, in der laut dem Dichter Homer der Krieg um die schöne Helena stattgefunden hat, deshalb ein Paradies. Rund 25 Jahre lang haben Tübinger Forscher die Grabungen dort geleitet - doch jetzt ziehen sie sich nicht ganz freiwillig zurück. An der Erforschung des antiken Troja will das Team um Professor Ernst Pernicka aber auch aus der Ferne weiterarbeiten. Insgesamt sechs Bücher wollen sie publizieren und dem Mythos Troja dabei ein Stück weit auf die Spur kommen.

Der Hauptgrund dafür, dass die Tübinger die Grabungskampagne aufgeben: „Wir haben kein Geld mehr“, sagt Pernicka. Die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist plangemäß ausgelaufen. Doch auch Ärger über die türkische Regierung, die ausländischen Wissenschaftlern die Arbeit im Land seit Jahren immer weiter erschwere, habe eine Rolle gespielt, so der 63-Jährige. Die Verbindung zwischen Tübingen und Troja wird wohl dennoch nicht ganz abreißen. Pernickas Nachfolge wird voraussichtlich Rüstem Aslan antreten, ein türkischer Professor, der in Tübingen promoviert hat.

Dem Mythos Troja sind die Tübinger Archäologen ohnehin schon ein bisschen näher gekommen. Dass Troja eine große historische Bedeutung hat, haben die Untersuchungen laut Pernicka bestätigt. Im frühbronzezeitlichen Troja, also in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christus, habe man Importe aus entfernten Ländern gefunden, was auf einen intensiven Handel hinweist. Damals hatte die Stadt ihre Blütezeit.

Aus dieser Epoche stammen auch die Schatzfunde des deutschen Archäologen Heinrich Schliemann, der Troja in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckte. „Die Techniken, welche die Feinschmiede bei der Herstellung des Edelmetallschmucks anwendeten, sind sehr weit entwickelt und belegen, dass der Ort damals ein bedeutendes Zentrum gewesen sein muss“, sagt Alix Hänsel, Kuratorin der Schliemannsammlung im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin.

Tausend Jahre später, in der späten Bronzezeit, soll dann der trojanische Krieg getobt haben - dieser Epoche galten die Tübinger Grabungen ganz besonders. Belege für Handel lassen sich in dieser Zeit zwar nicht finden. Dennoch war die trojanische Oberstadt von einer acht Meter breiten und hohen Mauer umgeben, sagt Pernicka. „Das ist nichts, was eine Schafweide umgibt.“

Aber ist das Troja der Archäologen damit tatsächlich auch das Troja aus Homers berühmter Dichtung? Pernicka sieht in den Ergebnissen der Ausgrabungen sehr viele Hinweise darauf. So stimme die Beschreibung der Lage und der dortigen Tier- und Pflanzenwelt mit den Gegebenheiten und Funden in Troja überein. Auch, dass das bronzezeitliche Troja zerstört wurde, gilt als bewiesen. Ob das durch den Trojanischen Krieg geschah, wie von Homer in der „Ilias“ beschrieben, kann allerdings nicht rekonstruiert werden.

Der scheidende Grabungsleiter sieht vor allem drei Gründe für die Faszination, die von Troja ausgeht. Es sei erstens der Ort, der in der ältesten europäischen Dichtung die Hauptrolle spielt und zweitens eine der ersten wissenschaftlichen Grabungen im Mittelmeerraum. Drittens sei Troja wegen seiner langen Besiedlungsgeschichte ein Referenzort, mit dessen Material sämtliche bronzezeitlichen Funde in der Ägäis verglichen und dadurch oftmals datiert werden können.

Auch wenn er in der nächsten Grabungssaison nicht mehr vor Ort sein wird, bleibt Pernicka noch genügend Material zum Erforschen. Jetzt gehe es darum, die Grabungsergebnisse auszuwerten und aufzubereiten, sagt er.