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Anhaltisches Theater: In der Wotan-Show

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„Wer scheucht den Schlummer mir?“ Siegfried (Ulf Paulsen, rechts) weckt Erda (Rita Kapfhammer).

„Wer scheucht den Schlummer mir?“ Siegfried (Ulf Paulsen, rechts) weckt Erda (Rita Kapfhammer).   (BILD: claudia heysel)

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Die Welt als Spiel: In Dessau setzen André Bücker und Antony Hermus ihren „Ring des Nibelungen“ mit „Siegfried“ fort.
dessau-rosslau/MZ

In Dessau gehen die Uhren in Sachen Nibelungen-Ring etwas anders. Hier wird nicht der Reihe nach erzählt, vom „Rheingold“ zur „Walküre“ über den „Siegfried“ zur „Götterdämmerung“, also vorwärts mit dem Gang der Dinge. Hier ist es eine Reise zu den Ursprüngen.

Wir wissen nämlich schon wohin der Hase läuft. Und zwar geradewegs in eine wie von den Bauhäuslern direkt inspirierte Götterdämmerung mit hermetisch geschlossener Ästhetik. Nicht mit einem Pappfelsen für Brünnhilde, sondern einem faszinierenden schwarzgeschichteten Walküren-Riesenwürfel als Zentrum einer Bühnenwelt aus Klangstürmen und Videogewittern. Mit Figuren, die sich wie ferngesteuert in einer Raum-Zeit Maschine auf das Ende zu bewegen.

Mit spielerischem Ton

Mit dem „Siegfried“ nun erfahren wir etwas über die – wen wundert es – ziemlich verkorkste Kindheit des Superhelden. Der ist nämlich bei einem Ziehvater aufgewachsen, der den Knaben nur deshalb groß gezogen hat, weil er durch ihn an den allseits begehrten Ring kommt. Dass man einfach hinnehmen muss, dass sich das Macht verheißende Schmuckstück in den Klauen des zum Wurm mutierten Riesen Fafner befindet, gehört zu den Nachteilen des Dessauer Rückwärtserzählens. Aber sei’s drum.

Siegfried und sein Ziehvater Mime jedenfalls haben offenbar nicht viel übrig für einen geordneten Haushalt. Es sieht ziemlich vermüllt und Fastfood-lastig aus bei den beiden. Immerhin verblöden sie nicht völlig beim Unterschichtenfernsehen, sondern sind kreativ. So kreativ jedenfalls wie man beim Computerspielen eben sein kann. Der Jüngere kreiert einen furchterregenden Bären, mit dem er den Älteren erschreckt. Und der versucht vor allem mit dem Knaben mitzuhalten. Wie im wirklichen Leben: mit wenig Erfolg.

Denn nachdem Mime die Chance vertan hat, in der Rate-Show mit dem „Wanderer“ (Wotan) nach der Wunderwaffe für Siegfried zu fragen, die er einfach nicht hinbekommt, ist es Siegfried, der in die Tasten haut und sich sein Superschwert virtuell zusammenfügt und hinter der Kulisse vermutlich mit dem 3D-Drucker ausdruckt.

Im ersten Akt trifft André Bücker einen spielerischen Ton, der Spaß macht, zumal Peter Svensson der Habitus eines rappenden Computer-Kids ziemlich überzeugend gelingt. Dass die beiden selbst nur Figuren in einem größeren Spiel sind, sieht man auf den Einblendungen links und rechts am Bühnenportal. Dort zeigen Piktogramme, was gerade läuft. Wenn Siegfried bei seiner einzigen Begegnung mit Wotan, sich nicht aufhalten lassen will und dessen Speer (sprich: spielbestimmende Macht) zerhaut, erlöschen diese Seiteneinblendungen. Es ist ein „Game over“ für den Spielmacher Wotan. Fortan handelt der Knabe auf eigene Rechnung. In Dessau sieht man übrigens tatsächlich mal, dass sich Wotan darüber auch freut, denn genau das wollte er ja eigentlich.

Außer bei dem etwas albern wirkenden, allzu bemüht gegen den Klischeestrich des Wanderers gebürsteten Schlamperlook für Wotan, der ohnehin wie eine außerirdische Mischung aus Mensch und Maschine aussieht, sind die Kostüme von Suse Tobisch wieder eine Show für sich. So ist Fafner kein alberner Wurm. Für den stimmgewaltigen Dirk Aleschus reichen ein Paar Plateausohlen, um als mit Speeren gespickter Riese auf alle (außer Siegfried) furchterregend zu wirken. Von den beiden Computerfreaks aus der Höhle über den von zwei Leuchtreifen umgebenen Waldvogel, die wie aus einem Flacon erwachsende Erda oder die eher futuristisch stilisierte Brünnhilde verbinden sich die Kostüme mit den Projektionen von Frank Vetter und Michael Ott zu einem überzeugenden Ganzen.

Ein großer Wurf

Die changieren erst zwischen Spielshow und Naturbildern und weiten sich dann zu grafisch abstrakten, golden schimmernden und feuerrot lodernden Visionen. Dass Brünnhilde in dem Riesenwürfel schlummert und von Siegfried ausgepackt und erweckt wird, war klar. Dass beide dann mit abgebremst künstlichen Bewegungen das große Liebesfinale erleben weist, wie wir hier schon wissen, voraus auf die „Götterdämmerung“. Von kleinen Patzern mal abgesehen, gelingt Antony Hermus mit der Anhaltischen Philharmonie ein großer Wurf. Mit seiner Energie hält er den großen Bogen, vermag aber auch den lyrischen Passagen Raum zugeben. Auch das Protagonisten Ensemble kann sich wirklich hören lassen. Allerdings sind beim darstellerisch sehr beweglichen Siegfried Peter Svensson weniger die zunehmenden Konditionsprobleme gegen Ende der Riesenpartie hin das Problem, sondern mehr eine von Beginn an kurzatmig wirkende Art zu singen. Was natürlich in der Schlussszene besonders auffällt, wenn eine so kraftvoll hochkarätige und obendrein ausgeruhte Brünnhilde wie Iordanka Derilova loslegt. Ulf Paulsen hatte zwar keine Konditionsprobleme und ist obendrein ein spielfreudiger Darsteller, doch der Wanderer ist für ihn eine Grenzpartie, bei der er hörbar alle Reserven aufbieten muss.

Rita Kapfhammer ist eine wunderbare Erda und Angelina Ruzzafante ein fein zirpender Waldvogel. An der Spitze des zu Recht bejubelten Ensembles können sich Albrecht Kludszuweit als Mime und Stefan Adam als Alberich der Extraklasse den Lorbeer teilen. Fazit: Auch Dessau „kann“ den Ring! Nach diesem „Siegfried“ darf man auf die „Walküre“ und den Vorabend gespannt sein. Die musikalische Qualität und der szenische Kontrast zum Heyme - und Steffens-Ring machen Dessau übrigens auch für die Hallenser Wagnerfreunde zu einem Termin, den sie nicht versäumen sollten.

Nächste Aufführungen: 13.4., 17 Uhr; 9.5., 18 Uhr, 9.6. um 16 Uhr