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1968 in der DDR: Experiment «Kommune 1 Ost»

Uhr | Aktualisiert 14.08.2008 19:33 Uhr
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«Kommune 1 Ost»

Rauchen, Trinken, Reden: Die Ostberliner Adresse stimmt nicht mehr, aber der Geist lebt fort. Nach Auflösung der «Kommune 1 Ost» 1970/71 im Berliner Friedrichshain zog Franziska Groszer mit ihren Kindern in eine Wohnung nach Berlin-Mitte. Dort ist dieses Foto entstanden. (Foto: privat)

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Sieben nackte Rücken. Sieben nackte Hintern. Vierzehn nackte Arme. Vierzehn nackte Beine. Allesamt vor einer Wand. Das ist das berühmteste Foto der "Kommune 1", 1967 gegründet in West-Berlin. In der Momentaufnahme findet sich komprimiert, wie die 68er angeblich waren, nämlich von rauschhafter Wildheit, krimineller Provokationswut und unkonventioneller Sexlust.
Berlin/MZ. 

Sieben nackte Rücken. Sieben nackte Hintern. Vierzehn nackte Arme. Vierzehn nackte Beine. Allesamt vor einer Wand. Das ist das berühmteste Foto der "Kommune 1", 1967 gegründet in West-Berlin. In der Momentaufnahme findet sich komprimiert, wie die 68er angeblich waren, nämlich von rauschhafter Wildheit, krimineller Provokationswut und unbändiger Sexlust. Kommunarden wie Rainer Langhans und Uschi Obermaier treten auf als begabte Selbstdarsteller, die öffentlichkeitswirksam mit den Medien zu spielen wissen. Was wären die 68er ohne die Bilder von ihnen?

Zwei Jahre später, im Herbst 1969, gründet sich wenige Kilometer Luftlinie entfernt auf der anderen Seite der Mauer die "Kommune 1 Ost". Das sind dreieinhalb Zimmer in der Samariterstraße im Berliner Friedrichshain. Die DDR-Kommunarden sind: Erika Berthold, Tochter des Leiters des ZK-Instituts für Marxismus-Leninismus, Frank Havemann, Sohn des Chemikers und Regimekritikers Robert Havemann - Kinder des roten DDR-Adels. Franziska Groszer und ihr Mann Gert, dessen Mutter den Altberliner Verlag leitet. Vier Erwachsene und drei Kinder.

"Der Name war als bewusste Provokation der Staatsmacht gedacht. Mit den Leuten in West-Berlin wollten wir nicht viel zu tun haben; die waren uns zu ideologisch", sagt Franziska Groszer. Fotos der "Kommune 1 Ost" existieren nicht, was symptomatisch für die DDR-68er ist. Trotzdem gab es sie, und sie waren wirksam. Aber das 68er Gedächtnis im Osten beruht auf mündlicher Überlieferung.

Franziska Groszer wurde 1944 als Tochter eines Physik-Professors und einer Hausfrau im Berliner Stadtteil Friedrichshagen geboren. Sie ist Mutter zweier Töchter und eines Sohnes. Die Autorin - vor kurzem ist ihr Kinderbuch "Anton und das unheimliche Haus" erschienen - lebt heute in Berlin-Mitte. Das Jubiläumsjahr hat ihr unzählige Auftritte als Zeitzeugin beschert: "Manchmal habe ich das Gefühl, mich leer geredet zu haben." Ihr Blick zurück ist reflektiert, selbstbewusst, auch selbstkritisch. Um die Wirklichkeit und ihre Gedanken zu beschreiben, formuliert sie oft Sätze wie: "Es war wichtig, aber auch nicht."

Herbst 1969: Die jungen Leute, die sich zu einer Kommune zusammentun, sind pragmatisch. "Wir wollten aus der Ehe ausbrechen, unsere Kinder nicht in die Krippe geben und den Alltag einfach teilen. Reden war so wichtig", erzählt Franziska Groszer. Ein Wohnungstausch mit ihrer Mutter ermöglicht das. Diejenigen, die dort aufeinander treffen, sind Erniedrigte und Desillusionierte. Ihren Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag im Sommer 1968 haben sie mit Gefängnisstrafen und Bewährungen in der Produktion bezahlt. Thomas Brasch und Bettina Wegner gehören dazu.

Franziska Groszer selbst war in jenem hoffnungsvollen Jahr eine blonde Frau, die eine Brille mit bierdeckelgroßen Gläsern trug. Im Kinderwagen, den sie vor sich her schiebt, transportiert sie Flugblätter. "Dubcek!" und "Russen raus aus Prag" steht darauf zu lesen. Freunde malen die Parolen an Häuserwände. Die Fotos davon wandern in Stasi-Akten; es sind vergiftete Bilder. Franziska Groszer hat Glück und wird nicht verhaftet. "Ich habe nicht an den Reformsozialismus geglaubt." Prag sei ein Schock gewesen. "Aber nicht, weil eine Hoffnung für mich gestorben ist. Die Niederschlagung war eher eine stalinistische Bekräftigung", sagt sie. Die Kommunarden führen ein offenes Haus. Es wird geraucht, getrunken und geredet. Den Sound liefern Bob Dylan und die "Rolling Stones" dazu. Und die Liebe? "Unsere erotischen Abenteuer haben wir gesucht, aber unabhängig von der Kommune."

Im Gegensatz zu Freunden und Bekannten interessieren sie die marxistischen Theoretiker weniger als psychosoziale und psychoanalytische Fragen: "Ein mündiger Bürger kann nur der sein, der nicht in autoritären Bindungen aufgewachsen ist." Wichtig seien für sie Sigmund Freud, Wilhelm Reich und "LTI" von Viktor Klemperer gewesen. Einsichten, die sie auch bei der Erziehung zu praktizieren versucht. "Ein privater Kinderladen in Berlin, das wäre es gewesen." Sie habe etwas ausprobieren wollen, "das hinausführt."

Über das Ende der "Kommune 1 Ost" 1970/71 gibt es verschiedene Erzählungen. Die einen sagen, die Stasi sei an der Auflösung Schuld. Franziska Groszer meint: "Wir haben uns auseinander gelebt und verschiedene Wege gewählt." Die anderen drei entscheiden sich für die SED und die Karriere. Franziska Groszer führt fortan eine Randexistenz; spielt in einem Kindertheater, arbeitet in einem Leseforschungs-Projekt mit, schreibt. Ihre erste öffentliche Lesung 1975 ist auch ihre letzte. Mit ihren Kindern reist die Autorin kurze Zeit später nach West-Berlin aus: "Wir haben so lange in der DDR gelebt, wie es möglich war."

Was ist 1968 in der DDR für Franziska Groszer gewesen? "Von Prag ist ein Emanzipationsvirus ausgegangen. Von dort gibt es eine direkte Verbindung zu 1989."