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«Shades of Grey»: Fessel mich!

Uhr | Aktualisiert 02.08.2012 20:54 Uhr
Debüt gelungen: E. L. James arbeitete vor ihrer Autoren-Karriere als Produzentin bei dem TV-Sender BBC. (FOTO: DPA) 
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Der Sado-Maso-Roman "Shades of Grey" erhitzt die Gemüter. Von den Lesern geliebt, von der Kritik geschasst. Was ist dran an dem britischen Soft-Porno?
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Halle (Saale)/MZ. 

Sexuell unbedarfte College-Absolventin trifft steinreichen Jung-Unternehmer mit Vorliebe für Rohrstöcke und Gerten. Das ist wahrlich nicht der Stoff, aus dem erfolgreiche Liebesromane gestrickt sind. Doch es ist offenbar ganz genau die Art von Erzählung, die Millionen Leser (vornehmlich Frauen) fesselt. Die Sado-Maso-Trilogie "Shades of Grey" (Greys Schatten) der schottischen Autorin E. L. James ist mittlerweile zum Welterfolg avanciert. Platz eins nicht nur in den amerikanischen Buch-Charts. Auch die Deutschen, Spanier, Italiener, Österreicher, Schweizer und Belgier sind dem Soft-Porno verfallen.

Während die Verkaufszahlen explodieren, mehren sich die kritischen Stimmen der deutschen Journalisten: "Es ist eine kapitalistische Unterwerfungsfantasie", mahnte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Von "entwaffnend simpler Prosa" schreibt die Süddeutsche Zeitung. Und die Frauenzeitschrift Brigitte spottet: "Das ist kein ,Hot Shit‘, sondern einfach nur Scheiß, der heiß sein will." Was ist dran an dem ersten Teil der Reihe, "Geheimes Verlangen", der jetzt auf Deutsch erschienen ist?

Die Handlung ist grob gestrickt. Die 21-jährige Literaturstudentin Anastasia Steele lernt den Milliardär Christian Grey kennen. Schnell knistert es zwischen den Beiden. Die Unsicherheit der unerfahrenen Ana ist es, die den Unternehmer glauben lässt, sie sei eine geeignete Sex-Partnerin für ihn. Sprich: Sie gebe eine perfekte Sklavin ab. Denn der gut aussehende Erfolgsmensch steht nicht auf "Herzen und Blümchen", wie er sagt. Sondern auf BDSM: Bondage, Disziplin, Sadismus und Masochismus. In seiner "Kammer der Qualen" wird gefesselt und geschlagen. Vor allem aber: unterworfen.

Christian erklärt Ana die Spielregeln. Nicht ihr Partner, sondern ihr Herr will er werden. Ein Vertrag regelt, was die Sub (der devote Partner) beispielsweise anziehen und essen darf und was der Dom (der dominante Partner) mit ihr tun kann. Von Genitalklemmen, heißem Wachs und Fesselungen ist da die Rede. Ana ist schockiert und erregt zugleich. Soll sie den Begierden eines Mannes, der traumatisiert zu sein scheint, nachgeben? Ana geht das Wagnis ein, zieht am Ende aber die Reißleine.

Mommy Porn. Pornografie für Muttis also. Das ist der Begriff für die neue Literaturgattung, die E. L. James mit der Trilogie "Shades of Grey" begründet haben soll. Die Schriftstellerin ist selbst "Mommy" von zwei Kindern, zudem glücklich verheiratet und heißt mit bürgerlichem Namen Erika Leonhard. Der Begriff "Mommy Porn" ist in dem Sinne zutreffend, dass die Beschreibung der erotischen "Spiele" ziemlich brav daherkommt. Ist die Protagonistin Ana erregt, klingt das so: "Mein erhitztes Blut sammelt sich in meinem Unterleib, zwischen meinen Beinen. Ich stöhne." Die sehr gesprächige Ich-Erzählerin befindet sich in einem ständigen Austausch mit ihrer "inneren Göttin", die "hopst" und "jubiliert", wenn sich Anas geheime Wünsche erfüllen.

Der Erstlingsroman der 49-Jährigen ist im besten Sinne des Wortes anregende Unterhaltungsliteratur. Auch wenn man lange warten muss bis die Hüllen fallen: Den ersten Kuss gibt es erst nach 90 Seiten. Auch wenn manch platte immer wiederkehrende Beschreibungen irgendwann nerven, bleibt man dabei. Die Neugier siegt. Die Möglichkeit einen ungestörten Blick in die gesellschaftlich immer noch tabuisierte SM-Szene zu werfen, ist einfach zu verlockend. Vor allem aber werden die Sexpraktiken vorurteilsfrei dargestellt. Durch die Augen einer naiven, verliebten Jungfrau sieht der Leser dem Treiben zu.

Wir lernen mit ihr gemeinsam, das "Vertrauen", einer der wichtigsten Bestandteile einer SM-Beziehung ist. Genauso wie "Kommunikation". Beherrscht wird also nur, wer dies auch wünscht. Genau an diesem Aspekt des Romans scheiden sich die Geister des Feminismus. Ist Ana eine freie Frau, weil sie die Unterwerfung frei wählt oder bedeutet Unterwerfung automatisch Unfreiheit? Deutschlands bekannteste Feministin, die Publizistin Alice Schwarzer, sieht das Buch nicht als Rückschlag für den Feminismus. In einem Interview sagte sie: "Eine Frau schreibt über männlichen Sadismus - denn der ist das eigentliche Thema! - und über ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert." Die Heldin unterwerfe sich dem Mann letztendlich eben nicht. "Und genau das macht wohl die Faszination für die Millionen Leserinnen aus: Das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können", erklärte Schwarzer den Erfolg des Romans.

Ob dieses Feuer tatsächlich dauerhaft gelöscht ist, werden die Leser hierzulande erst am 3. September erfahren, wenn Band zwei "Gefährliche Liebe" in deutscher Sprache erscheint. Der Abschluss der Trilogie "Befreite Lust" folgt schon am 29. Oktober. An einer Verfilmung wird bereits gebastelt.

Man darf gespannt sein, was Hollywood aus dem Stoff macht. Denn so gewagt der Gegenstand des Buches auch ist, die Darstellungen sind alles andere als drastisch. Denn genau das macht den Reiz und gleichzeitig die gute Konsumierbarkeit des Romans aus: Gerten und Rohrstöcke tuen bei E. L. James einfach weniger weh, als bei anderen SM-Romanen.