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„Märkische Forschungen“: In Halle wird an einen Defa-Klassiker erinnert

Das wird nicht gutgehen: Freizeitforscher Pötsch (Hermann Beyer) und Professor Menzel (Kurt Böwe) in „Märkische Forschungen“

Das wird nicht gutgehen: Freizeitforscher Pötsch (Hermann Beyer) und Professor Menzel (Kurt Böwe) in „Märkische Forschungen“

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Defa-Stiftung

halle (Saale) -

Günter de Bruyn war dagegen. Anderthalb Jahre musste der Defa-Regisseur Roland Gräf den Schriftsteller beknieen, bis dieser sein Einverständnis zur Verfilmung seiner 1978 im Mitteldeutschen Verlag in Halle veröffentlichten Erzählung „Märkische Forschungen“ gab. Der 1926 in Berlin geborene de Bruyn („Buridans Esel“), der zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Generation gehört, hielt den Stoff nicht für kinotauglich. Am Ende gab er nach unter der Bedingung, dass er mit der Verfilmung nichts zu tun haben wolle.

De Bruyn wurde dann doch überrascht. Bereits der Rohschnitt des 1982 veröffentlichten Films hätte es dem Autor angetan, erzählt Roland Gräf am Montagabend im ausverkauften „Puschkino“ in Halle. Dorthin war der 81-Jährige im Zuge der neuen Film- und Gesprächsreihe „Defa-Literaturverfilmungen“ gemeinsam mit dem Schauspieler Hermann Beyer gekommen.

Beyer gibt in dem zum Auftakt des Abends vorgeführten Streifen den Dorflehrer und Freizeitforscher Pötsch, der in die Fänge des Literaturprofessors Menzel (Kurt Böwe) gerät, der den Mann vom Lande für seine eigenen Forschungen zu benutzen sucht - mit gesellschaftlichen und beruflichen Lockungen, eine Institutsstelle in Ostberlin inklusive. Beide Männer verbindet die Hingabe an einen Regionaldichter um 1800 mit dem Pseudonym Max Schwedenow, den sich Menzel als Jakobiner „fronbäuerlicher Herkunft“ zurechtphantasiert, um mit diesem eine „progressive“ Literaturgeschichte zu basteln. Pötsch aber ahnt, dass es sich um einen Aristokraten handelt, der in seinen späten Jahren als Zensor ein Jakobiner-Verfolger war. Selbstverständlich scheitert der Lehrer, der als Querulant zurück aufs Land gejagt wird.

In der DDR wurde die Erzählung auch als eine Allegorie auf die quasi-feudalen Verhältnisse vor Ort gelesen. Aber darin geht der Stoff nicht auf. Auch der Wissenschaftsbetrieb zeigt bis zur Lächerlichkeit höfische Züge - und das bis heute. Weshalb der unter anderen mit Eberhard Esche und Jutta Wachowiak erstklassig besetzte Film im Westen, wie Gräf im von Paul Werner Wagner geführten Gespräch sagt, nicht als Ost-Kino begriffen wird. Das sei wie bei uns, heißt es.

Für Hermann Beyer, 72, war der Dreh der Durchbruch als Filmschauspieler. „Hätte ich diese Rolle nicht bekommen“, sagt er, „hätte ich mich erschießen können“. Der Streifen fiel in seine Sturm- und Drang-Phase. Gräf hat ihn zügeln müssen, sogar ein Gewehr wollte Beyer in die Handlung einbauen.

Menzel und Pötsch sind für Gräf zwei Seiten einer Gestalt: einer zieht die großen, der andere die kurzen Linien; der eine verfällt der Macht, der andere ist verführbar. Dem kann man folgen - bis auf einen Punkt: Menzel manipuliert, er handelt wider besseres Wissen. Bei Lichte besehen ist er ein Fälscher. Und nicht nur tendenziell kriminell. Seit 1989 habe er keinen Film mehr gedreht, sagt Gräf. Seit etwa sieben Jahren fotografiert er Landschaften. Ende des Jahres soll ein Buch unter dem Titel „Stilles Land“ erscheinen. Hermann Beyer ist noch gut beschäftigt. Für den Film, sagt Gräf, erhielten sie 1985 den Fontane-Preis des Bezirks Potsdam. Im Kollektiv!, wie Beyer entrüstet einwirft: 5 000 Mark geteilt durch fünf! Preiswürdig, zeigte der Abend, ist der Film noch immer. (mz)

Puschkino, Halle: 29.1., 19 Uhr „Die Verlobte“, Gast Jutta Wachowiak



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