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Kommentar zur Wiederveröffentlichung: Einige gute Gründe Adolf Hitlers „Mein Kampf“ zu lesen

Adolf Hitlers Hasspamphlet „Mein Kampf“ Erscheint in einer edierten Fassung.

Adolf Hitlers Hasspamphlet „Mein Kampf“ Erscheint in einer edierten Fassung.

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Getty Images

Köln -

Nicht nur für die Deutschen ist die Wiederveröffentlichung von Hitlers „Mein Kampf“ von hoher symbolischer Brisanz. Der Londoner Germanist Jeremy Adler beispielsweise geißelt sie mit dem Argument, niemand könne kontrollieren, wie der rassistische Text rezipiert werde. Es handelt sich also um ein gefährliches Buch – um gedankliches Gift, das zu Diktatur, Krieg und Holocaust führte. Im Giftschrank der Geschichte sollte es dementsprechend bleiben, meint auch Ronald L. Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Zumindest in Deutschland lag es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dort: Ein Tabu, ein verbotenes Buch.

Adolf Hitler ist von Kommentaren umzingelt

Doch dass es nun wieder in den Buchläden ausliegt, ist längst überfällig, und dies nicht nur aus dem eher banalen Grund, weil man es auf Flohmärkten, in Antiquariaten, im Internet und im Ausland ohnehin problemlos bekommt – sogar eine Übersetzung in Hebräisch, der Sprache der Heiligen Schrift, liegt vor. Nein, die Wiederveröffentlichung von „Mein Kampf“ folgt dem Gedanken, dass die deutsche Demokratie aufgeklärt und kritisch genug ist, um nicht erneut auf Hitlers Sozialdarwinismus hereinzufallen – überdies erscheint seine Hetzschrift im Rahmen einer wissenschaftlichen Edition, die mit rund 3500 Anmerkungen für Einordnung und Bewertung sorgt. Hitler ist gewissermaßen von Kommentaren umzingelt.

Man hat Hitlers Werdegang einmal als Geschichte seiner Unterschätzung bezeichnet. Dazu gehörte auch die Auffassung, „Mein Kampf“ sei zu seiner Zeit ein weit verbreitetes, aber wenig gelesenes Buch gewesen. Mit dieser bequem relativierenden Lebenslüge hat spätestens 2006 der österreichische Historiker Othmar Plöckinger aufgeräumt: „Mein Kampf“ wurde vielfach in Bibliotheken ausgeliehen, es wurde in den Feuilletons der Weimarer Zeit diskutiert und hatte Einfluss auf Parteien, Gewerkschaften und insbesondere die evangelische Kirche. Mit anderen Worten: Hitlers Elaborat war kein Ladenhüter, sondern lieferte bereits von der Mitte der 20er Jahre an die Kernthesen für das globale Projekt, die Erde von dem zu befreien, was Hitler unter „Judeobolschewismus“ und „jüdischer Weltverschwörung“ verstand. Diese Theorie fand massenhafte Verbreitung – durch „Mein Kampf“.

Studium des Buches zum Verständnis unerlässlich

Um heute die historischen Grundlagen zu verstehen, auf denen die Nazis ihre verbrecherische, aber mehrheitsfähige Herrschaft aufbauen konnten, ist das Studium dieses Buches unerlässlich. Es ist ein zentraler Quellentext zum sogenannten Dritten Reich und obendrein ein unverzichtbares Dokument, das den geistigen Horizont seines Verfassers enthüllt: War Hitler ein Opportunist, der wie ein Schwamm die Zeitströmungen aufsog? Oder folgte er einer Programmatik, die den Rassenwahn in eine politische Strategie übersetzte? In dieser alten Debatte scheint die Lektüre von „Mein Kampf“ Letzteres nahezulegen, aber um dies zu entscheiden, muss man das Buch eben lesen.

Aber will man es sich wirklich ins Bücherregal stellen, dieses Machwerk, dieses ekelerregende rassistische Pamphlet, das sich überdies in Stilblüten („Die Eier des Kolumbus“), Selbstbeweihräucherung, Selbstmitleid und einer nicht unbeträchtlichen Langeweile ergeht? Es mag gute Gründe geben, Hitlers „Mein Kampf“ wie in den vergangenen Jahrzehnten nicht zu lesen, aber die besseren Gründe sprechen für die Veröffentlichung in der jetzigen Form. Was das Institut für Zeitgeschichte hier aufbereitet hat, bietet wertvolles Material vor allem für Wissenschaft und Publizistik, aber auch für Schulen. Die Zeiten sind vorbei, da das verbotene Buch gerade als solches besonderen Reiz ausübte. Seine Seiten liegen zum Studium offen – es wird sie der Mythologisierung berauben.