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Hochwasser in Aken: Aken ist eine Geisterstadt

Uhr | Aktualisiert 09.06.2013 23:14 Uhr
Sonst wird hier Handball gespielt: Rund 100 Menschen aus Aken und Umgebung kamen in der Köthener Heinz-Fricke-Sporthalle unter.   (BILD: Ute Nicklisch)
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Nach einem Dammbruch und Schäden an einem Hochufer wird Aken von der Saale und der Elbe in die Zange genommen. Die Stimmung ist angespannt, die Lage bedrohlich: Das Wasser kommt.
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Aken/MZ

Die Außenrollos sind fast überall heruntergelassen, Sandsäcke liegen vor den Hauseingängen. Nur vereinzelt sind Autos auf den Straßen unterwegs. Mit offenem Kofferraum stehen einige am Straßenrand: Die Besitzer packen. Aken, die 9000-Einwohner-Stadt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, direkt an der Elbe, gleicht an diesem Sonntag einer Geisterstadt. Von zwei Seiten kommt das Wasser auf sie zu: aus der Elbe nahe der Grenze zu Dessau, wo der Fluss ein Hochufer beschädigt und überspült hat. Und aus der Saale, wo am Morgen bei Klein Rosenburg (Salzlandkreis) ein Damm gebrochen ist.

„Retten, was zu retten geht“

Aken ist wie eine Reihe umliegender Dörfer evakuiert worden am Sonnabend - freiwillig. Wer jetzt noch da ist, will wie Thomas Brelle auch bleiben. „Retten, was zu retten geht“, sagt der junge Mann. So lange wie möglich. Die Pumpe hat er parat, das Notstromaggregat. „Außerdem haben wir zwei Katzen. Wo will man damit hin?“, fragt er. Seine Frau hat er mit Freunden rausgeschickt aus der Stadt. Die Tränen konnte sie nicht mehr zurückhalten. Nachbarn haben sich schon mit Trinkwasser bevorratet.

Die Stimmung ist angespannt, auch im Krisenstab im Rathaus. Polizisten werden noch einmal in umliegende Dörfer geschickt, wo letzte Einwohner ausharren. „Es geht nicht darum, ob das Wasser kommt, sondern darum, wann es kommt. Sagt denen das“, gibt Polizei-Einsatzleiter Hans-Peter Klimmek mit auf den Weg. Wie viele Menschen noch da sind - vor allem in Aken -, weiß niemand. „Das wird ein riesiges Problem, die Leute rauszuholen, wenn es soweit ist“, sagt Feuerwehrmann Michael Kiel von der Einsatzleitung.

In Aken stehen am Nachmittag durch die Elbe die ersten Straßen bis zu 30 Zentimeter unter Wasser - eine Siedlung Richtung Dessau und die Straße aus dem bereits am Vortag überschwemmten Dorf Susigke, aber auch die ersten Hauptstraßen durch den Ort selbst. Der Elbepegel liegt mit 7,90 Meter genau 24 Zentimeter über dem von 2002, fällt erst am Nachmittag leicht. Die Feuerwehr fürchtet, dass irgendwann die Wege nach draußen abgeschnitten sind. Es geht ohnehin nur noch gen Köthen. Auf einem Weg breitet sich bereits Wasser aus, der verbleibende droht von dem aus Nordwesten kommenden Saalewasser versperrt zu werden. Am Nachmittag steht das kurz vor Lödderitz, gegen 21 Uhr erreicht es die Kreisgrenze, steht in Kühren und Obselau. Der Kreis spricht von einer sehr kritischen, „historischen Situation“.

„Das macht uns große Angst“

Im Rathaus fällt bereits am Nachmittag zum ersten Mal leise auch das Wort Rückzug. „Wir bleiben, solange es geht“, sagt Kiel aber. Unablässig klingelt das Telefon vor dem Mann, der in der Nacht gerade mal eine Stunde geschlafen hat. Die Bundeswehr ist noch draußen an der Elbe. Feuerwehrleute versuchen, wenigstens die Akener Innenstadt mit Sandsackbarrieren vor der Überflutung zu bewahren.

        

In Aken ist die Gartenstraße durch das Hochwasser vollgelaufen.

In Aken ist die Gartenstraße durch das Hochwasser vollgelaufen.

Von all dem bekommen die Evakuierten wenig mit. 470 Menschen sind in Köthen in Turnhallen und Vereinsheimen untergebracht, allein 100 in der Heinz-Fricke-Sporthalle, wo sonst Handball gespielt wird. Auf Feldbetten haben sie geschlafen - schlecht geschlafen. „Alles sehr ungewohnt“, sagt die 83-jährige Ingrid Homann. Trotz bester Betreuung. Die Köthener haben gespendet: Kleidung, Bettwäsche, Süßes und Kuchen. „Das ist der reinste Wahnsinn“, sagt Feuerwehrmann Andreas Hafermalz.

Eines kann er den Evakuierten aber nicht nehmen: Die Unsicherheit, was sie erwartet, wenn sie zurückkönnen. „Das macht uns große Angst“, so Homann. Und eine andere Frau: „Wir sind über 70, aber so etwas haben wir noch nicht erlebt.“

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