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Anhalt-Bitterfeld: Vernarrt ins Blech

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 20:16 Uhr
Senior Martin Kranz (r.) hat für das Foto mit seiner «Blech-Familie» nochmal die Posaune an den Mund gesetzt. (FOTO: HEIKO REBSCH) 
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Bei der Familie Kranz aus Wülknitz wird in dritter Generation musiziert. Den Boden dafür hat Martin Kranz bereitet. Das war im Jahr 1964, als Pastorin Mochmann aus Steuden im Saalkreis Bläser für einen Posaunenchor suchte.
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wülknitz/MZ. 

Es ist sein Lieblingslied in der Adventszeit: "Tochter Zion, freue dich", vor mehr als 250 Jahren komponiert von Georg Friedrich Händel. Unzählige Male hat es Martin Kranz auf der Posaune geblasen - forte und piano, kraftvoll und verhalten, so wie es die einzelnen Passagen dieses Liedes gebieten.

Der 78-Jährige trauert seiner aktiven Zeit als Posaunist schon ein wenig nach. Drei Jahrzehnte lang hat er dieses Instrument geblasen. Und er würde es möglicherweise noch heute tun, wenn ihm eine plötzliche Gesichtslähmung in den 90er Jahren nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Doch der Wülknitzer kann auf eine Familientradition verweisen, die es so häufig nicht gibt und die ihn darüber hinweg tröstet, nicht mehr Blasmusiker sein zu können: "Alle meine Kinder und Enkelkinder blasen. Da bin ich schon sehr stolz drauf ."

Und sie blasen alle Blechinstrumente: Posaune, Trompete oder Tuba. Den Boden dafür hat Martin Kranz bereitet. Das war im Jahr 1964, als Pastorin Mochmann aus Steuden im Saalkreis Bläser für einen Posaunenchor suchte. Sie hatte einige Instrumente bekommen, doch fehlten ihr die Musiker dazu. Kranz sagte zu, entschied sich für die Posaune und ließ sich an dem Instrument ausbilden. Ein wenig war ihm musisches Talent auch in die Wiege gelegt worden. "Mein Vater hat früher auch geblasen", erzählt Martin Kranz.

Der Familienvater blieb nicht lange Einzelkämpfer. Er gab die Freude am Musizieren an seine Kinder weiter, überzeugte Sohn Helmut (56) und Tochter Christine (54), ebenfalls zu blasen - Helmut auf der Posaune, Christine auf der Trompete. Der nächste in der Runde war Sohn Matthias (46), der sich für die Trompete entschied, aber auch Klavier und Orgel lernte. Im Alter von zwölf Jahren stieg dann Armin (41), der jüngste Sohn, in die "Blechfamilie" ein. "Vater und meine Geschwister haben immer im Flur gesessen und geprobt. Das hat mir gefallen, da wollte ich auch gern mitmachen", blickt Armin Kranz zurück und widmet sich seither der Trompete und ein wenig auch dem Klavier.

Damit ist die Aufzählung aber noch längst nicht komplett, denn inzwischen stoßen auch die Enkelkinder kräftig ins Horn: Tobias (34) und Susanne (30, von Vater Helmut), Johanna (21), Martin (19), Lena (13) und Phillipp (11, von Vater Matthias) und Friedrich (11), Luise (10) und Renatus (von Vater Armin). Mit seinen acht Jahren ist Renatus der jüngste im musikalischen Bunde und hat sich ausgerechnet das größte Instrument ausgesucht - die Tuba. Die ist auf dem Dachboden stationiert und mit einer speziellen Seilkonstruktion an einem Balken befestigt. Nur so kann der Steppke momentan das riesige Instrument blasen. "Renatus wollte unbedingt Tuba blasen. Weil sie aber noch zu schwer für ihn ist, hat sich Matthias diese Konstruktion einfallen lassen", erläutert Vater Armin. Überhaupt kümmere sich Matthias sehr um die Jungbläserarbeit.

13 mal Kranz - kein Wunder also, dass beim Ensemble "Köthener Blech" die Wülknitzer Familie die zahlenmäßig stärkste Fraktion bildet. Und sich nach Kräften in diesem Posaunenchor engagiert. Jeden Donnerstagabend wird auf der Kulturtenne in Wülknitz geprobt, Matthias Kranz ist der Chef der Truppe. Gespielt wird vorwiegend kirchliche Musik, aber auch weltliche Titel gehören zum Repertoire. "Wir haben aber auch schon Popsongs geblasen", erzählt Armin Kranz und nennt als Beispiel "One Moment in Time" von Whitney Houston. Jetzt in der Weihnachtszeit ist der Posaunenchor besonders häufig unterwegs. Bei Adventsmärkten oder zu kirchlichen Veranstaltungen - der Bedarf nach handgemachter Musik ist groß. Was muss eine Gemeinde oder ein Verein für den Auftritt bezahlen? "Eigentlich sind wir unbezahlbar", scherzt Armin Kranz, um dann klarzustellen: "Wir spielen nicht, um damit Geld zu verdienen. Uns alle vereint, dass wir mit der Musik Menschen Freude-Bereiten wollen." So wird bei den Auftritten meist der Hut herumgereicht. Doch bei allem Freude bereiten: Instrumente anschaffen und warten, Notenmaterial besorgen und vervielfältigen, all das gibt es natürlich nicht umsonst.

Den Höhepunkt der Vorweihnachtszeit hat das "Köthener Blech" gerade hinter sich gebracht: Das große Adventsblasen am Sonnabend in der Dessauer Marienkirche. Nun wird es eher familiär. Matthias und Armin Kranz wollen mit ihren Kindern am Heiligabend den Gottesdienst in der Wülknitzer Kirche musikalisch umrahmen. Aus der großen Besetzung vom "Köthener Blech" wird dann eine kleine, das ist überhaupt kein Problem.

Danach, auch das ist zur Tradition geworden, geht es nach Hause zu den Eltern zum Weihnachtsständchen. "Tochter Zion" darf dann nicht fehlen. Und sicher lauscht auch die zweijährige Emma, das jüngste Enkelkind von Martin und Elisabeth Kranz, den Klängen. Wenn die Kleine in ein paar Jahren zur Posaune griffe - verwundern würde es wohl nicht.

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