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Anhalt-Bitterfeld: Ermittlungen zum toten Studenten dauern an

Uhr | Aktualisiert 21.12.2012 21:34 Uhr
In diesem Haus wurde der tote Student gefunden. (FOTO: HEIKO REBSCH) 
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Tatort-Ermittler und CSI-Teams fassen Täter in 45 bis 90 Minuten. Im wahren Leben können sich Ermittlungen viel länger hinziehen. Das zeigt auch der Fall des getöteten Studenten in Köthen.
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dessau/köthen/MZ. 

Wenn sich Frank Pieper - was so häufig nicht vorkommt - im Fernsehen Krimis ansieht, ist er oft genug leicht amüsiert. Da kümmern sich zwei Kriminalisten um einen einzigen Fall, Staatsanwälte scheinen auch nur mit Solo-Aufgaben betraut zu sein, die Kriminaltechnik rückt üblicherweise in Kompaniestärke mit mobilen High-Tech-Labors an - und spätestens in anderthalb Stunden hat man den oder die Täter im Sack. Beifall. Abspann.

Pieper kennt das schon etwas anders. Pieper ist Staatsanwalt in Dessau - da hat man es mit Realitäten zu tun und nicht mit Drehbüchern. "Und in der Realität dauert es üblicherweise länger als nur ein, zwei oder drei Tage, einen Täter zu ermitteln", stellt Pieper fest. Eine Feststellung, die aus der MZ-Nachfrage herrührt, warum im Fall des toten Studenten in Köthen nach rund drei Wochen die Staatsanwaltschaft als ermittelnde Behörde noch nicht weiter zu sein scheint als einen Tag nach der Tat.

Pieper lässt dies so stehen. Aus staatsanwaltschaftlichem Grund: Über den Fall in Köthen will er nicht reden. Dass es dabei gegenläufige Interessen gibt, ist dem Staatsanwalt schon klar - die Medien wollen alles wissen und berichten, "aber nicht jede Tatsache, die man feststellt, gehört umgehend in die Öffentlichkeit. Das erschwert die Ermittlung. Im Extremfall warnt man den Täter". So heißt es knapp: Es gibt nichts Neues.

Drei Wochen seien keine lange Zeit für eine Ermittlung, "sondern ein ganz normaler Zeitraum". Zumal dann, wenn man eben keinen Täter quasi auf dem Präsentierteller vorfindet oder wenn der Täter nicht gar so viel von sich am Tatort hinterlassen hat. Zumal dann, wenn es sich um ein Kapitalverbrechen handelt. Eine Ermittlung ist ein Prozess, der anfangs durchaus nach Schema abläuft. In der Regel ist die Schutzpolizei als erste vor Ort. Sie sichert den Tatort und sorgt dafür, dass keine Spuren zerstört werden und keine falschen gelegt werden können. Und sie entscheidet, was weiter getan werden muss. Dann wird der Kriminaldienst eingebunden; wenn sich der Verdacht eines Tötungsverbrechens aufdrängt, wird das Fachkommissariat 2 (FK) in Dessau alarmiert, bei "größeren Sachen" auch die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes (LKA), die Spurensicherung, im Branchenjargon "Spusi" genannt. Dazu kommt: "Der Notarzt muss immer ran, Lebendrettung geht vor." Erst wenn der Tod festgestellt ist, wird der Tatortgruppe das Feld überlassen.

Die hat einen mühevollen Job zu machen. Muss Spuren sichern. Fasern, Blutspritzer, Fingerabdrücke. Alles wird katalogisiert und für die Auswertung vorbereitet. "Und sie muss sich Gedanken machen: Wie kann es abgelaufen sein?", sagt Frank Pieper. Fehler leistet man sich besser nicht: Letzten Endes kann jeder Krümel Bedeutung haben, einen Täter zu überführen. Gerichtsverwertbar zu überführen, betont der Staatsanwalt. Da müsse man genau überlegen, was man mit jeder Spur tut. "Jede Spur wird einer Erstbewertung unterzogen", erläutert Pieper. Normalerweise übernimmt das die Kriminaltechnik der Polizeidirektion.

Das Sammeln, Sortieren, Auswerten kostet Zeit. Alle an dem Fall Beteiligten sind miteinander vernetzt, so dass jeder möglichst zeitgleich auf demselben Wissensstand ist wie ein anderer der Ermittlungsgruppe; der verantwortliche Sachbearbeiter, der Leiter des FK und der sachbearbeitende Staatsanwalt inklusive. Was letztlich bedeutet, dass man nicht wenig Zeit damit verbringt, Berichte zu schreiben. Dass man alles dokumentiert, "damit auch Nichtbeteiligte nachvollziehen können, wie ermittelt wurde". Das könnte man als vielleicht übertriebenen bürokratischen Aufwand ansehen. "Aber in Kapitalsachen geht es im Ernstfall auch um lebenslange Freiheitsstrafen, da müssen die Ermittlungsergebnisse noch nach Jahren einer Überprüfung standhalten", sagt Staatsanwalt Pieper.

Freilich habe es auch schon Sachen gegeben, "wo wir innerhalb von drei Wochen angeklagt haben". Die Regel sei das aber nicht. Bevor man anklagt, müsse letztlich ein "hinreichender Tatverdacht" vorliegen und es müsse die "Wahrscheinlichkeit der Verurteilung" gegeben sein: Zwei Eckpfeiler, auf denen das staatsanwaltliche Agieren beruht. Bis es freilich so weit ist, muss man Steinchen für Steinchen das Mosaik einer Straftat zusammentragen, möglichst ohne weiße Flecke. Darüber können Wochen vergehen. Darüber kann manchmal die Öffentlichkeit ungeduldig werden. Aber überstürzte Eile wäre ein schlechter Ratgeber, findet Pieper. "Wir sind eben nicht im Fernsehen."

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