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Anhalt-Bitterfeld: Elbfähre Aken: «Biber-Opa» trifft Trucker, Radler und Pendler

Uhr | Aktualisiert 08.01.2012 21:31 Uhr
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Fährfrau Sabine Kamenik.

Liebt ihre Arbeit: Fährfrau Sabine Kamenik. (FOTO: HEIKO REBSCH)

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Sie erspart Reisenden täglich viele Kilometer und Zeit. Ab und zu kann man Pech haben und ein auf der Elbe vorüberfahrendes Schiff zwingt die Fähre zu einer Pause. Je nach Wasserstand kommen bis zu 15 Motorschiffe und Schubverbände pro Tag vorbei.
Aken/MZ. 

An diesem Morgen haben die Leute Glück. Die Gierseilfähre legt kurz nach 9 Uhr ohne Zwangspause ab und bringt - wie schon seit 1878 - ihre Fahrgäste in etwa sechs Minuten ans rund 150 Meter entfernte Akener Ufer.

Drei Stunden zuvor hatten Fährfrau Sabine Kamenik und Schichtleiter Eugen Burian zum ersten Mal an diesem Tag übergesetzt - nicht mit der Fähre, sondern mit einem Motorboot. Wie ihre Kollegen Rosi Schuboth, Klaus Schmidt, Jochen Kaufmann und Ute Siems wohnen die beiden in Aken. Die von den Akener Stadtwerken betriebene Elbfähre aber "übernachtet" am Steutzer Ufer. Sonst würde ihr Giertau, an dem sie zwischen den Ufern hin und her pendelt, mitten durch die Fahrrinne führen und den Schiffsverkehr behindern.

Ein Fahrzeug der Kreisstraßenmeisterei mit der Aufschrift "Streckenkontrolle" wird in dieser Stunde als erstes übergesetzt. Die kämen mehrmals die Woche, sagt Burian. Überhaupt kennen die Fährleute viele ihrer Fahrgäste und wissen, wann sie übersetzen und wo sie arbeiten. Viele Berufspendler aus der Kreisverwaltung seien dabei, aber auch zahlreiche Firmenfahrzeuge. Da falle es sogar auf, wenn mal einer nicht kommt, äußert der Fährmann.

Burian ist seit 1991 dabei, war vorher bei der Hochseefischerei und der DDR-Handelsmarine, wie übrigens auch sein Kollege Kaufmann. In Japan war Burian und in Vietnam und er hat den Karneval in Rio de Janeiro erlebt. "Wer in der DDR kam da schon hin?", sinniert er. Und nun, wo es nur noch die 150 Meter hin und her über die Elbe geht, fehlt ihm da nicht etwas? "Das alles habe ich ja erlebt, heute brauche ich die Seefahrt nicht mehr", sagt er. Und Abwechslung gebe es genug - mit jeder Fahrt kämen andere Leute, im Sommer die Radfahrer, bis zu 200 täglich, die oft noch nie eine Fähre gesehen haben. Und es gebe so manch interessante Begegnung. Beeindruckt habe ihn die brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt, auch bekannte Schauspieler würden ab und zu übersetzen.

Als er 1991 bei den Akener Stadtwerken "anheuerte", durfte Seemann Burian nicht gleich auf die Fähre, die damals noch Holzbohlen hatte. Wie seine Kollegen musste er eine Schulung absolvieren und eine Prüfung ablegen. "Ich erkannte schnell, dass das tatsächlich nötig war - die Wasserstände auf dem Fluss, die anderen Vorschriften und viele praktische Dinge waren ja neu für mich", blickt er zurück.

Auf der Steutzer Seite steht der Truck eines Abfallentsorgers mit Container. Bis zu 25 Tonnen darf ein einzelnes Fahrzeug wiegen, 42 Tonnen insgesamt kann die Fähre über die Elbe tragen. Der Fährmann schaut kurz auf: "Der kommt öfter, wir wissen, wie viel der wiegt." Selten müssen sie mal einen Lkw abweisen, und wenn, dann meist, weil der Fahrer das Fährgeld nicht zahlen kann. Das komme bei Truckern aus Osteuropa ab und zu vor. Andere Trucks müssen vor der Anlegestelle mühsam wenden, weil das Navigationsgerät die Fahrer genarrt hat. Manche Geräte zeigen gar nicht an, dass hier eine "schwimmende Brücke" über die Elbe führt.

Bei dem Containerfahrzeug ist alles in Ordnung. Sabine Kamenik weist den Lkw ein - in die Mitte der Fähre soll er fahren. Abhängig vom Pegelstand der Elbe und vom Gewicht der Fahrzeuge müssen die Kraftfahrer nach links oder in die Mitte der Fähre lenken. "Hier gibt es aber kein rechts oder links, sondern die Stromober- und Stromunterseite", klärt Kamenik auf. "Das sieht zwar immer gleich aus, aber bei schweren Fahrzeugen kommt es oft auf einen halben Meter an", informiert sie. Stehen die Fahrzeuge ungünstig, könnte die Fähre festsitzen. Wird die hydraulische Landeklappe auf der Steutzer Seite zu zeitig angehoben, drückt die Strömung die "Schwimmende Brücke" in die Buhne, aus der sie nur schwer wieder herauskommt.

Seit 1999 ist Sabine Kamenik auf der Fähre, war schon vorher bei den Akener Stadtwerken. Als man sie damals fragte, habe sie lange überlegt, schließlich sei man bei jedem Wetter draußen. "Im Sommer, da gefällt es mir, aber da möchte ja jeder Fährmann sein", sagt sie lächelnd und erzählt von den vielen Pferdewagen der Tour "Fläming-Flandern" 2010, für die drei Überfahrten nötig waren, und von Handwerksburschen auf der Walz, die mit einem Jahrhunderte alten Spruch um die Überfahrt bitten.

Ihr Kollege Eugen Burian schätzt an seiner Arbeit neben den vielen täglichen Begegnungen die Natur ringsum. Als Hobby-Imker habe man dafür einen Blick, vor allem im Frühling. Da baut zum Beispiel der "Biber-Opa" an seiner Burg. Seltene Seidenreiher sind zu beobachten, Kormorane und neuerdings Gänsesäger, eine Entenart aus Nordeuropa, die sich von kleinen Fischen ernährt.

"Ausfahrt Hafen Aken und geht weiter zu Tal", schallt es plötzlich in gebrochenem Deutsch aus dem Lautsprecher über dem Kassenhäuschen. Ein Schiffsführer kündigt sich an. Da der Hafen etwa 150 Meter stromabwärts liegt und das Schiff "zu Tal" - also Richtung Hamburg - unterwegs ist, interessiert das aber nicht die Akener, sondern ihren Kollegen von der Fähre Groß Rosenburg. Es ist Vorschrift für Schiffsführer, die Ansagen in Deutsch durchzugeben, und an den tschechischen, manchmal auch polnischen, seltener niederländischen Dialekt haben sich die Fährleute längst gewöhnt.

Die Akener Fähre hat freie Fahrt. Sabine Kamenik holt im Windenhaus das Seil auf der Akener Seite ein, um die Fähre herumzuziehen. So kann die Strömung das am Gierseil hängende Gefährt vom Steutzer ans Akener Ufer drücken. Dann zieht sie noch die Klappe hoch, und die etwa fünf Minuten dauernde Fahrt beginnt.

Schwierig werde es bei Hochwasser. Da das Ufer dann weiter entfernt ist, müsse auf den letzten Metern oft der Motor angelassen werden, weil dort die Strömung nicht mehr ausreicht, erklärt die Fährfrau. Ab einem Pegel von 4,20 bis 4,30 Metern ist Schluss. Dann kommt die Fähre nicht mehr ans Ufer - und der Wasserdruck wird zu groß. Außerdem entwickelt Treibgut in der Strömung gefährliche Kräfte. Extremes Niedrigwasser, das die Fähre am Ablegen hindern würde, hat es laut Schichtleiter Burian noch nie gegeben. Der Elbpegel von 2,20 Metern an diesem Morgen ist nahezu ideal.

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