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Wölfe in Jessen: Sie fühlen sich immer wohler

Ein Wolf in der Glücksburger Heide, aufgenommen im August 2015 von einer Fotofalle

Ein Wolf in der Glücksburger Heide, aufgenommen im August 2015 von einer Fotofalle

Foto:

HNNE

Jessen -

Wenn es geschneit hat, schlägt ihre Stunde: „Da sind die Wolfsforscher unterwegs in der Glücksburger Heide“, erzählt der Jessener Naturschützer Martin Steinert. Auch ihn zieht es dann hinaus, obwohl Steinert als geschulter ehrenamtlicher Mitarbeiter im Wolfsmonitoring des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (LAU) nicht unbedingt Schnee braucht, um das Trittsiegel eines Isegrims auszumachen und - an der Gangspur - von dem eines Hundes zu unterscheiden.

Aber im Schnee wird auch Gen-Material konserviert, das sonst kaum sichtbar im Boden versickern würde: Urin. Und so wartete nach dem Dreikönigstag – dem letzten Schneetag dieses Winters - ein Becher mit gelbem Schnee daheim in Steinerts Gefrierschrank bis er zur Untersuchung ins Labor des Landesamtes nach Halle gebracht werden kann. Die zweite und weitaus häufigere Quelle für Genproben sind Losungen, also Kot.

Welpe von Auto überfahren?

Anhand dieser Genspuren konnten in der Glücksburger Heide im Monitoringjahr 2014/15 vier Wölfe unterschiedlicher Herkunft nachgewiesen werden. Es sei nicht auszuschließen, dass zwei von ihnen Tiere aus benachbarten Rudeln waren, die sich nur kurzzeitig dort aufhielten, heißt es im Monitoringbericht.

So wird davon ausgegangen, dass im Berichtszeitraum zwei Altwölfe dort ihr Revier hatten. Auch ein Welpe ist im August 2014 in die Fotofalle getappt. Weil er später nicht mehr nachweisbar war, wird stark vermutet, dass es das Jungtier war, das im Oktober 2014 bei Glücksburg von einem Auto überfahren wurde. Darüber hinaus wurden im April 2015 noch Skelettreste eines Jungwolfes in der Glücksburger Heide gefunden, die aber genetisch nicht mehr zugeordnet werden konnten. Deshalb wird der Fund im aktuellen Monitoring nicht mitgerechnet. Erfasst werden in dem Bericht auch die Übergriffe auf Nutztiere „mit dem möglichen Verursacher Wolf“ - vorgekommen bei Zwuschen und bei Klebitz. „In der Glücksburger Heide ist noch Platz für ein weiteres Rudel“, meint jedenfalls Martin Steinert.

Verdopplung in Annaburger Heide

Die Annaburger Heide - zum größten Teil militärischer Sicherheitsbereich - hat sich neben dem Truppenübungsplatz Altengrabow zum zweiten Wolfseldorado in Sachsen-Anhalt entwickelt. Für Steinert ein Beleg, „dass sich Wölfe dort ansiedeln, wo sie Ruhe haben“, erst recht bei der Aufzucht ihrer Welpen. Innerhalb eines Jahres hat sich die Menge der dem Monitoring zugrunde liegenden Daten aus der Annaburger Heide mehr als verdoppelt.

Eine Fotofallenbildserie im Oktober 2014 zeigte bis zu zehn gleichzeitig anwesende Tiere. Außerdem wurden vier Welpen gesichtet. Genetisch wurde die Anwesenheit von zwölf Wölfen nachgewiesen. Ein Rüde, als Vater der Würfe 2013 und 2014 identifiziert, stammt aus dem Altengraboer Rudel, wo er noch bis Herbst 2012 nachgewiesen wurde.

Die Wolfsforscher wissen aber nicht genau, ob er sich in der Annaburger Heide sozusagen in eine Paarbeziehung gedrängt oder mit einer anderen Fähe eine neue Familie gegründet hat. Der bei Klossa Anfang März 2015 überfahren gefundene Wolf wurde als Fähe des Annaburger Rudels identifiziert. Sie könne definitiv nicht die Mutter der 2015 geborenen Welpen sein. Am Ende des Monitoringjahres stehen für die Annaburger Heide mindestens zehn ansässige Wölfe zu Buche.

Jäger helfen mit

Für den Coswiger Raum gibt es eine wesentliche Neuerung im Wolfsmonitoring: Mit dem „Hohen Fläming“ wird seit Januar 2015 ein eigenständiges Gebiet im Monitoring erfasst. „Wir hatten bislang mangels besseren Wissens alles, was nördlich von Coswig passierte dem Göritz/Klepziger Revier zugeordnet“, sagt Martin Trost vom Fachbereich Naturschutz des LAU.

Die meisten Hinweise aus diesem Gebiet stammen aus dem so genannten passiven Monitoring (also nicht die gezielte Suche), das die Jägerschaft Mittlere-Elbe/Vorfläming allerdings sehr aktiv betreibt. Mittlerweile sind aber auch Fotofallen des LAU und des WWF im Einsatz, die mehrfach Gruppen von bis zu fünf Tieren erfassten. Auch die Fotos des Tierfotografen Heiko Anders hätten für die Bestandsaufnahme wertvolle Hinweise geliefert, insbesondere was Welpen betrifft. „Wir hätten nicht erwartet, dass in zehn Kilometern Entfernung von einem anderen Rudel Welpen zur Welt kommen“, sagt Trost. „Das zeigt, dass der Wildbestand sehr hoch ist“, der Nahrungsbedarf also ausreichend gedeckt sei. Bei der Untersuchung von Urinspuren wurde allerdings ein alter Bekannter ausgemacht: Der 2012 geborene Wolf aus dem Göritz-Klepziger Rudel wird als möglicher Vater der Welpen im Hohen Fläming gehandelt.

Wölfe sind soziale Tiere

Im Göritz-Klepziger Revier wurden acht Wölfe festgestellt, neben den Elterntieren sind das fünf Welpen und ein Jährling. Der kann wegen seines versteiften Vorderfußes auf Fotos leicht identifiziert werden. Trotz seiner Behinderung ist er kein Einzelgänger. „Das Tier hat gute Perspektiven“, sagt Trost. „Wölfe sind sehr soziale Tiere. Wenn ein Tier gehandicapt ist, wird es nicht aus dem Rudel verstoßen.“ In der Lausitz gebe es sogar eine dreibeinige Fähe, die ein Rudel anführt. „Eine Verdrängung findet erst dann statt, wenn die Nahrungssituation eng wird“, so Trost. Davon sei man aber noch weit entfernt. „Das Rudel Altengrabow hat inzwischen 20 Tiere, dabei sind noch Kinder des ersten Elternpaares.“

In der Oranienbaumer Heide wurde ein ansässiger Wolf ausgemacht, es handelte sich um ein erwachsenes Weibchen, das 2012 im Rudel Welzow (Brandenburg) zur Welt kam. Zwar wurde im Juni 2014 ein markierender Rüde von einer Fotofalle erfasst, aber eine Paarbildung ist nicht belegt. Die Oranienbaumer Heide wird von Heckrindern und Konikpferden beweidet. Ein Fohlen ist vermutlich von einem Wolf angegriffen und verletzt worden.„Das gezielte Monitoring ist in erster Linie in Kooperation mit dem Bundesforstbetrieb sowie der Primigenius gGmbH fortzusetzen und zu intensivieren“, so die Empfehlung des Monitorberichtes. Auch auf die Dübener Heide soll künftig besonderes Augenmerk gelegt werden. (mz)


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