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Reaktionen auf die Landtagswahl: Ein Berg von Arbeit

Anja Langholz von Infratest dimap hat im Wahllokal Jessen-Süd (Koboldmühle)   das Wahlverhalten für die  Prognose der ARD ergründet. 

Anja Langholz von Infratest dimap hat im Wahllokal Jessen-Süd (Koboldmühle)   das Wahlverhalten für die  Prognose der ARD ergründet. 

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Ute Otto

Jessen -

Hauchdünn mit 0,2 Prozentpunkten Vorsprung vor dem AfD-Mann Matthias Lieschke hat Siegfried Borgwardt im Wahlkreis 25 das Direktmandat für die CDU geholt, aber von Freude und Erleichterung ist bei dem Rottaer am Tag danach nichts zu spüren. „Das Land ist gespalten“, sagt der 58-Jährige mit Blick auf die Verteilung der Direktmandate: „Der Norden hat CDU gewählt, und der ganze Süden bis auf Naumburg AfD. Das wird richtig schwierig.“

Nicht mal die hohe Wahlbeteiligung ist diesmal Grund zur Freude, geht diese doch auf die Mobilisierung der AfD-Wähler zurück. Darunter müssen einige gewesen sein, die vorher nie wählen waren. Leute, die bei den Auszählungen dabei gewesen sind, hätten berichtet, dass viele bei der Erststimme AfD angekreuzt hätten und bei der Zweitstimme CDU. „Die scheinen Personen- und Parteienstimme verwechselt zu haben“, meint Borgwardt. Er sehe das an seinem eigenen Ergebnis: „Ich hatte bei keiner Wahl zuvor weniger Erststimmen als die Partei in der Zweitstimme.“ Die CDU-Fraktion wolle schnellstmöglich die Landtagsarbeit wieder aufnehmen. Schon am heutigen Dienstagvormittag tritt der Geschäftsführende Vorstand zusammen. Ob er als Parlamentarischer Geschäftsführer wieder gewählt werde, wisse er nicht, sagt Borgwardt, aber bereit sei er dafür.

Gedanken fünf Jahre voraus

Matthias Lieschke hat den Wahlerfolg seiner Partei und seinen eigenen Einzug in den Landtag über die Landesliste auf der AfD-Wahlparty in Magdeburg gefeiert. „Das Ergebnis zeigt, dass wir angekommen sind und auf dem Weg zu einer Volkspartei sind“, gibt er sich selbstbewusst.

Voraussichtlich 24 Sitze wird die AfD im Magdeburger Landtag haben - in Brandenburg sind es zehn, in Thüringen acht und in Sachsen 14. „Wir sind auf Opposition eingestellt“, so Lieschke. „Aber aufgrund der Vielzahl der Abgeordneten hoffe ich stark darauf, dass es einen sachlichen Umgang mit uns geben wird und Anträge nicht von vornherein abgeschmettert werden, bloß weil sie von der AfD kommen“, so Lieschke.

Er selbst kenne parlamentarische Arbeit schon vom Stadtrat in Kemberg und vom Wittenberger Kreistag. Berufspolitiker wolle er jedoch auch als Landtagsabgeordneter nicht werden. „Ich werde meine Firma behalten“, sagt der Kemberger. „Ich will nicht in fünf Jahren darauf angewiesen sein, wiedergewählt zu werden.“ Was kein Zweifel daran sein soll, dass es die AfD schaffe, sich auf dem politischen Parkett zu etablieren, aber: „Mein Beruf ist auch mein Hobby, und das macht mir Spaß“, sagt der Inhaber einer Kfz-Werkstatt.

„Wir haben noch ein recht vernünftiges Ergebnis geholt“, atmet die Kreischefin der CDU, Bettina Lange, nach der dramatischen Wahlnacht auf. Aber: „24 Prozent für die AfD, zweitstärkste Fraktion, das ist erschreckend. Da hat vielen der Mund offen gestanden.“ Die Christdemokraten müssen jetzt verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen, blickt die Wittenbergerin nach vorn: „Da liegt ein Berg an Arbeit vor uns.“ Sie spricht von Verunsicherung und „platten Sprüchen“ seitens der AfD: „Die demokratischen Kräfte müssen an einem Strang ziehen“, lautet ihr Appell.

Der große Wahlverlierer gibt sich „gefasst“. Das zumindest sagt SPD-Kreischef Arne Lietz gestern zur MZ: „Ich bin Wittenberger. Das heißt: standfest. Aus der Ruhe heraus zu den Dingen stehen.“ Daran ändere auch ein so katastrophales Ergebnis nichts. Lietz verweist erst einmal auf den Ministerpräsidenten, der das Flüchtlingsthema „wegnegiert“ habe, er spricht vom „Populismus der Obergrenze“. Immerhin sei die Strategie aufgegangen, im Gegensatz zu der der SPD: „Das Thema ist von der Spitzenkandidatin nicht angegangen worden, da gab es ein Vakuum. Wir haben eine schlechte Kampagne gemacht.“

Nicht drumherum redet Jörg Schindler vom Kreisvorstand der Linken: „Das ist eine schlimme Niederlage, ich bin enttäuscht“. In der Flüchtlingsfrage sei es nicht gelungen, „mit Argumenten der Menschlichkeit durchzudringen“. Er kündigt dennoch an: „Wir werden unsere Haltung nicht ändern. Es geht darum, gemeinsames Zusammenleben zu ermöglichen, allen Ängsten zum Trotz.“

Für die Grünen ist die Zitterpartie überstanden, dass sie das Bangen um den Einzug in den Landtag mitgenommen hat, ist Reinhild Hugenroth am Tag danach anzumerken: „Erst 0.44 Uhr wussten wir, dass wir drin sind. Das ist ein Arbeitssieg.“

Veranstaltungen, Wahlkampfstände, alles im Ehrenamt: „Geklappt hat es trotz Gegenwind“, spielt die Wittenbergerin auf gefälschte Plakate an. Und fügt noch eines hinzu, nicht zuletzt im Blick auf die eigenen Parteifreunde: „Ernsthaftes Sondieren“ in Sachen Koalition sei ihr wichtig.

Enttäuschte Freie Wähler

Ein bisschen angefressen wirkt unterdessen Stefan Kretschmar von den Freien Wählern. Bei all der Aufregung wird von denen wenig Notiz genommen. Dabei hat der Wittenberger ein achtbares Ergebnis erzielt: 8,5 Prozent, Patrick Schubert kommt auf 8,7. Die Freien Wähler schaffen es in Wittenberg über die Fünf-Prozent-Hürde: „Wir hätten den Einzug geschafft, haben hier mehr als FDP oder Grüne.“ Im gesamten Land aber bleiben sie bei knapp über zwei Prozent. Aufgeben ist trotzdem keine Option: „Wir haben ja viele Wähler. Menschen, die demokratisch denken und andere Wege gehen wollen.“

Im Wahllokal Jessen-Süd (Kita Koboldmühle) hatte die Bernburgerin Anja Langholz von Infratest dimap für die Wahlprognose der ARD die Wähler beim Verlassen des Wahlraums gebeten, den Fragebogen zu ihrem Wahlverhalten auszufüllen. Die Teilnahme war freiwillig. „Die Älteren waren eher skeptisch, Jüngere aufgeschlossener“, berichtete Langholz. Für die junge Frau war es der erste Einsatz als Wahlforscherin. (mz)

Weitere Informationen im Netz unter www.mz.de/wahl2016.


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