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Kreis Wittenberg: Ein ganz besonderer Weihnachtsapfel

Uhr | Aktualisiert 23.12.2012 20:41 Uhr
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Der Naundorfer Buchautor Erhard Schlüter schreibt eine Geschichte zum Fest der Feste. Lesen Sie den zweiten Teil.
Naundorf/MZ. 

Dann aber erzählten die beiden Kinder von dem Christkind, dass jedem von ihnen einen Weihnachtsapfel geschenkt hatte. "Mutti, teilst du uns einen, und du bekommst auch ein Stück." So gab es noch einen leckeren Nachtisch. Nachdem sie den zweiten Weihnachtsapfel ebenfalls aufgeteilt hatten, machten die beiden Frauen ein Nachtlager, erst mal für die beiden Kinder, zurecht. Diese waren völlig erschöpft, schnell eingeschlafen. Die Frauen unterhielten sich noch ein wenig.

Am Ende der Kräfte

"Das Christkind war meine Tochter. Die Kinder hatten ein weihnachtliches Theaterstück eingeübt, doch dann kamen die Flüchtlinge, die man unterbringen musste. So war kein Raum mehr vorhanden, um das Stück aufzuführen. Nun geht sie zu den Kindern, die oft alles verloren haben, und beschenkt sie mit ihren Kleinigkeiten, um ihnen eine Freude zu machen." "Ich glaube das ist ihr bei meinen Kindern gelungen, denn sie haben sich riesig gefreut", erwiderte dankbar Frau Binder. Dann legte auch sie sich zur Ruhe, denn sie war am Ende mit ihren Kräften.

Frau Scholz machte sie noch darauf aufmerksam, dass sie am nächsten Morgen schon früh die Tiere versorgen müsse. "Das macht doch nichts, wir haben, besser gesagt wir hatten doch auch einen Bauernhof!" Sie wünschte der freundlichen Frau eine gute Nacht und bedankte sich noch mal für die Unterkunft. Dann legte sie sich zu ihren Kindern und versank alsbald in einen erholsamen Schlaf.

Beim Melken geholfen

Obwohl die Bäuerin bemüht war mit möglichst wenig Lärm die Tiere zu versorgen, wachte Frau Binder auf. Schnell kleidete sie sich an und ging dann ihrer netten Gastgeberin zur Hand. Sie half nicht nur beim Füttern, sondern auch beim Melken der Kühe. Frau Scholz hatte an diesem Morgen zwei Kühe weniger zu melken. "Ich muss doch meine Milch verdienen", meinte Frau Binder nach langem wieder mal lachend. "Ich bin es doch gewöhnt, mit Tieren umzugehen. Wer weiß, ob ich noch mal eigene Tiere betreuen kann?"

Inzwischen waren auch ihre beiden Kinder aufgewacht. Sie durften sich mit warmem Wasser frisch machen, was sie dankbar annahmen. Dann wurden sie von der Bäuerin gebeten, am Tisch in der Küche Platz zu nehmen. Gemeinsam ließen sie sich das Frühstück schmecken. Die Kinder konnten sich mit Milch satt trinken. "Diese Milch hat eure Mutti heute morgen gemolken, deshalb schmeckt sie besonders gut." Mit am Tisch saßen der Opa und ein junges Mädchen, die Tochter der Bäuerin. In der weiteren Unterhaltung berichtete sie vom Schicksal ihres Mannes. Er war schon zu Hause gewesen, wurde dann aber von den Russen mitgenommen. Seitdem wisse sie nichts mehr über seinen Verbleib. Sie hoffe nur, dass er als Gefangener noch am Leben ist. Durch Zufall hatten sich die beiden Frauen kennengelernt, beide mussten um ihre Männer bangen.

Die Tochter der Bäuerin hatte sich zurückgezogen. Plötzlich erschien sie wieder als Christkind verkleidet. Jetzt wurde sie auch von den beiden Kindern der Frau Binder erkannt, wobei die sechsjährige Liesel immer noch im Zweifel war. "Ich bin das Christkind und will euch noch mal eine kleine Freude machen und schenke euch noch einen Weihnachtsapfel. Auch eure liebe Mutti bekommt einen, in drei Tagen ist doch Weihnachten." Dann umarmte sie die beiden Kleinen. Frau Binder standen Tränen der Dankbarkeit in den Augen.

Dann hieß es Abschied nehmen. Auf dem nahe gelegenen Bahnhof sollte ein Zug für die Flüchtlinge bereitgestellt werden. Es klang wie Hohn, als sie von einer Verantwortlichen als Umsiedler bezeichnet wurden. Doch sie nahmen es hin. Was wollten sie auch antworten, sie waren die doppelten Verlierer in diesem sinnlosen Krieg.

Auf dem kleinen Bahnhof wimmelte es von Menschen, alle wollten noch in den schon vollen Zug mit einsteigen, darunter auch Frau Binder mit ihren beiden Kindern. In den ersten beiden Wagen hatten sie kein Glück. Erst im dritten oder vierten machte ein Mann die Tür noch mal auf und forderte sie auf, einzusteigen. Obwohl er den Arm in einer Binde trug, drängte er mit seiner kräftigen Gestalt die Mitfahrenden noch etwas mehr zusammen und sorgte so dafür, dass sie noch ein wenig Platz in einer Ecke bekamen. "Versuchen Sie, es sich auf Ihrem Koffer etwas bequem zu machen, vielleicht können Sie die Kinder auf den Schoß nehmen." Frau Binder nickte ihrem unbekannten Helfer dankbar zu. Im Gespräch erfuhr sie, dass er als Verwundeter aus der Gefangenschaft vorzeitig entlassen wurde. Dabei dachte sie, ach wenn doch mein Mann auch bald nach Hause käme.

Der Zug fuhr, dann hielt er wieder, sie wussten nicht wohin, hatten jegliches Zeitgefühl verloren. Eine Uhr hatte kaum noch jemand. Es war schon dunkel, als der Zug wieder stand und Deutsche in blauen Uniformen, begleitet von russischen Soldaten, auftauchten. Sie waren an der Zonengrenze angelangt. In dem überfüllten Zug war aber eine Kontrolle unmöglich. Schließlich ließ man sie weiterfahren und die Grenze passieren.

Ins Auffanglager

Der Zug hielt öfters, manchmal stiegen auch ein paar Leute aus, so dass es ein wenig erträglicher wurde. Dann auf einem hell erleuchteten Bahnhof hieß es: "Alles aussteigen!" Mit bereitgestellten Bussen ging es weiter und sie landeten in einem Auffanglager, eingerichtet in einer ehemaligen Kaserne. Dort mussten sich die Drei einen Raum mit noch einem Ehepaar teilen, doch es standen ihnen zwei Metallbetten zur Verfügung. Nach drei Wochen Aufenthalt im Lager bekamen sie bei einer alleinstehenden Frau eine kleine Wohnung zugewiesen. Die Odyssee ihrer Flucht war damit zu Ende.

Weihnachten 1948 kehrte ihr Mann aus der Gefangenschaft heim. Mit Hilfe des Roten Kreuzes fanden sie wieder zueinander. Die Kinder sahen endlich ihren Vater wieder und Frau Binder ihren Mann. Gemeinsam begannen sie einen Neuanfang, denn die Rückkehr in die alte Heimat wurde ihnen für immer verwehrt.

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