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Mansfeld: Seniorin wies Hilfe häufig zurück

Uhr | Aktualisiert 04.01.2013 22:51 Uhr

Die Seniorin will in ihr verfallenes Elternhaus zurück. (FOTO: JÜRGEN LUKASCHEK)

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Lieselotte Heitmüller lebt mehr als drei Wochen in einer unbeheizten Notunterkunft. Doch Hilfe nimmt die 80-jährige Mansfelderin oft nicht an.
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mansfeld/MZ. 

Bloß keine klirrende Kälte! Das ist die größte Sorge, die Lieselotte Heitmüller in den letzten gut drei Wochen hatte, bevor sie nun vorübergehend wieder in einem Hotel untergekommen ist. Die Tage vorher hat die 80-Jährige mit den kurzen, weißen Haaren und der schwarzen Brille auf der Nase in einer unbeheizten Notunterkunft in Mansfeld (Kreis Mansfeld-Südharz) gehaust. Genauer gesagt: Eingemummt in einem Bett. Denn bis auf einen Ofen, den die körperlich angeschlagene Frau nicht bedienen kann, ist es das einzige Möbelstück in der Behausung. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Topf zum Kochen. Stattdessen liegen all ihre Habseligkeiten vor ihrem Schlafplatz auf dem Holzboden. Ein paar Taschen mit geschenkten Süßigkeiten, eine Tüte mit Medikamenten, ein Netz Mandarinen. Aus dem kleinen Bad von nebenan zieht beißender Geruch ins Zimmer, in dem Tapetenreste von den Wänden hängen. Ihre einzige Zuflucht ist in dieser Zeit die nahe gelegene Gulaschkanone. "Dort kann ich mich aufwärmen", sagt die Seniorin.

Und dort ist sie auch immer wieder ins Grübeln gekommen. Vor allem darüber, was aus ihrem Elternhaus - einer alten Hütte und späteren Schmiede aus der Zeit von Martin Luther - werden soll. Seit Kindesbeinen lebt sie dort. Und sie will partout nicht weg. Vor Kurzem aber blieb ihr nichts anderes übrig: "Die Decke ist in der Küche eingestürzt", erzählt die Seniorin. Sie entdeckte den Schaden, als sie nach einer Herzoperation aus der Klinik entlassen wurde. Für Lieselotte Heitmüller ist es der persönliche Endpunkt, ohne eine Aussicht auf Besserung.

Rückblick: Es ist ein kalter November-Abend, als Bernd Hojenski die Frau nach einer Sitzung des Stadtrates auf einer Parkbank aufliest. Der Ortsbürgermeister des Nachbarortes Großörner kennt sie schon lange. Seine Mutter war mit ihr zu Schulzeiten befreundet. "Sie erzählte mir, dass sie nicht mehr nach Hause kann." Hojenski hat Mitleid, nimmt die Seniorin mit zu sich. "Am nächsten Morgen habe ich sofort die Stadtverwaltung informiert und wir haben mit der Mansfelder Wohnungsbaugesellschaft für sie nach einem Dach über dem Kopf gesucht", erinnert sich Hojenski. "Damit sie nicht draußen schlafen muss und nicht erfriert."

Doch die Suche erweist sich als schwierig. Einen Tag braucht Werner Radloff, Geschäftsführer der Mansfelder Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft, um eine stillgelegte Unterkunft in einem seiner Mietshäuser zumindest notdürftig herzurichten. Er sagt: "Alle sanierten Wohnungen sind vermietet." Kurzerhand wird der Strom in der Notunterkunft der Stadt wieder angeschlossen, Kohlen für den Ofen besorgt. Und das Bett mit Decken ausgelegt. "Wir haben gedacht, sie soll dort nur ein paar Tage bleiben, bis die Behörden eine bessere Unterkunft für sie gefunden haben", sagt Radloff. Doch auch zwei Wochen später haust die 80-Jährige noch immer dort. Als Ruth Wormann, Mitglied in der Kirchengemeinde, die humpelnde Rentnerin nach einer Weihnachtsfeier der Kirche nach Hause fährt, ist sie entsetzt. "In so ein Loch kann man doch keinen Menschen abschieben." Um es zumindest etwas erträglicher zu machen, bringt sie der Frau seitdem Tag für Tag warme Suppe. Kurz vor Weihnachten wendet sie sich an die Stadtverwaltung. Doch ihr Hilferuf bleibt ungehört. Für Mansfelds Bürgermeister Gustav Voigt (FWG) steht da schon fest: "Wir haben ihr die Wohnung gesucht und den sozialpsychiatrischen Dienst informiert. Jetzt ist der Landkreis zuständig."

Dass die Seniorin schon über Jahre in einem unbewohnbaren Haus ohne Wasser und Strom lebte, war Voigt schon länger bekannt: "Ich habe ihr mehrmals Hilfe angeboten und ihr empfohlen, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Aber Frau Heitmüller ist sehr kompliziert und hat bis vor fünf Wochen jegliche Hilfe abgelehnt."

Doch gerade wegen ihres Hauses, an dem sie hängt und in das sie unbedingt zurück möchte, liegt Heitmüller seit Jahren im Clinch mit der Verwaltung. Macht diese sogar für das durchnässte Fundament verantwortlich, wodurch große Schäden entstanden seien. Nach dem Bau einer angrenzenden Straße sei das Oberflächenwasser ungehindert ins Haus gelaufen. Bürgermeister Voigt weist die Vorwürfe zurück. Für ihn kommt auch eine Sanierung des Gebäudes nicht in Frage. "Die Vorwürfe liegen 30 Jahre zurück. Das kann keiner mehr nachvollziehen."

Während die Geschichte der Seniorin bei vielen Menschen Mitleid und Hilfsbereitschaft auslöst, sind die Reaktionen in Mansfeld verhalten. Dort ist die Rentnerin sehr umstrittenen. Nicht nur die Hilfsangebote des Bürgermeisters hat sie abgelehnt, sondern mehrfach auch schon andere Offerten. Selbst die jetzigen Helfer - Vermieter Radloff und Ortsbürgermeister Hojenski - sind enttäuscht: "Wir haben ihr einen Schlafplatz gesucht und ihr angeboten, die Wohnung herzurichten. Sie wollte nicht."

Das bekam auch die vom Kreis eingesetzte Betreuerin Marion Ethner zu spüren. Nach der Entscheidung des Amtsgerichts Eisleben hat sie zur Jahreswende ihre Arbeit aufgenommen. "Ich habe ihr ein möbliertes Zimmer in Eisleben angeboten. Dauerhaft - sie hat abgelehnt, weil sie in Mansfeld bleiben möchte", sagt Ethner. Trotz der Enttäuschung will sie sich in der kommenden Woche nun um eine neue Bleibe in Mansfeld für die 80 Jahre alte Frau bemühen. Möglicherweise in einem Seniorenheim. Bis dahin soll auch klar sein, ob Lieselotte Heitmüller eine Pflegestufe bekommt.

Bis zur Lösung wird die 80-Jährige ihre Tage und Nächte im Warmen verbringen können. Die Aktive Bürgerhilfe, eine gemeinnützige Unternehmensgesellschaft mit Sitz im Salzatal, hat von den aktuellen Lebensumständen der Frau erfahren und übernimmt bis zum Monatsende die Kosten für ein Zimmer im Hotel Walkmühle in Molmerswende. Auch dort ist sie keine Unbekannte: Der Betreiber hat die Seniorin bereits über Silvester auf seine Kosten untergebracht.

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