Geordnet ist das alles nicht - nein, es ist archiviert. Der lebhafte, belesene und überaus interessierte Mann hat sein ganzes Leben gesammelt. "Früher", erinnert sich der gelernte Maurer, der jetzt im Ruhestand ist, "haben wir uns wie verrückt gefreut, wenn wir mal eine Postkarte aus Österreich oder der Schweiz ergattern konnten. Das war was Besonderes." Aber nach der Wende habe seine Sammelei erst den richtigen Schub bekommen.
Seine Quellen sind so vielfältig wie das Hobby selbst. "Zum einen habe ich über die vielen Jahre Kontakte zu anderen Sammlern hergestellt. Wir tauschen intensiv untereinander. Dann gibt es ja schließlich Ebay, wo man sich seltene Exemplare an Land ziehen kann und nicht zu vergessen die Mitglieder im Hohenthurmer Heimatverein, zu denen ich selbst ja auch gehöre", zählt Kersten auf.
Eine Lieblings-Postkarte oder besser gesagt Ansichtskarte, habe er nicht. Bei über 3 000 Stück ist das auch nicht verwunderlich. Interessant sind das Alter und die Gestaltung der Karten. Für Kersten sind die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aufregender als die colorierten. "Sie kommen der Realität viel näher", sagt und zeigt dies am Beispiel einer halleschen Stadtansicht. Zu den Ältesten gehört ein Exemplar mit Halloren aus dem Jahre 1889 und eine Ansicht von New York von 1904.
Verziert mit Wappen, dem Bildnis des letzten deutschen Kaisers, einem Luftschiff über Kiel, Cowboys und Indianer in den USA, der Seufzerbrücke in Venedig und Momentaufnahmen aus vielen europäischen Metropolen - Jürgen Kersten hat sich Geschichte pur ins Haus geholt. Jedes Bild erzählt Authentisches und ist in seiner Gestaltung und Herstellung einzigartig. Präge- und Tiefdruck sind Verfahren, die heute keine Anwendung mehr finden. Nicht nur weil sie aus der Mode sind, sagt Kersten, sondern weil sie heute eine Ansichtskarte stark verteuern würden.
Kerstens Sammlung ist kein Selbstzweck. Er forscht auch. Zum Beispiel fotografiert er Ansichten im Saalekreis und in Halle aus der selben Perspektive wie sie auf den alten Ansichtskarten zu sehen sind und stellt beide Aufnahmen gegenüber. Da entstehen fesselnde Einblicke. Kersten geht für ein gutes Motiv auch in die Luft - vom Flugplatz Oppin aus mit einem Kleinflugzeug. Das steuert er nicht selbst, er sucht aus der Luft, was ihn den Auslöser drücken lässt.
Zur Vorbereitung einer Ausstellung zur Wiedereröffnung der Schule in Hohenthurm sind Jürgen Kersten, Werner Hahn und Frank Friedrich auf Spurensuche gegangen. Sie haben es geschafft, 92 Bildtafeln mit Fotos ehemaliger Grundschüler, deren Jugendweihe und schließlich deren Klassentreffen zu gestalten. "Wir haben sie überall gesucht - in Archiven, alten Schulchroniken und natürlich bei Zeitzeugen", sagt Kersten. Diese Schau soll noch einmal ausgestellt werden, wenn der 70 Mitglieder zählende Heimatverein im nächsten Frühjahr seine Räume in der ehemaligen Gemeindeverwaltung beziehen kann.
Es sind nicht nur die Bilder, die den Mann aus Hohenthurm bewegen und begeistern. "Es ist Geschichte, die ich unglaublich spannend finde", meint er. Ums Bewahren seines Schatzes sei ihm nicht bange: "Meine fünfjährige Enkelin Chiara kann zwar noch nicht lesen, aber wenn wir irgendwo sind, wo es Bücher gibt, dann ist sie nicht zu halten", sagt Kersten.