Nächste Woche berät der Senat der Universität, welche Stellen gekürzt werden sollen, um das Defizit von rund sechs Millionen aufzufangen, das im Uni-Haushalt klafft. Studenten und Mitarbeiter fürchten um ganze Studiengänge und die Qualität der Lehre. Mit Reinhard Kreckel , Hochschulforscher, emeritierter Professor für Soziologie und von 1996 bis 2000 Rektor der MLU, sprach Felix Knothe.
Herr Kreckel, was sagen Sie zur neuerlichen Kürzungsdiskussion?
Kreckel: Ich möchte nur davor warnen, kurzsichtige Entscheidungen zu treffen. Es bringt nichts, einfach aus dem Stand zu schießen.
Wie man hört, stehen auf der Streichliste auch zwei von fünf Soziologie-Professuren, die derzeit unbesetzt sind.
Kreckel: Ja, man hört so einiges, und ich habe die ernsthafte Befürchtung, dass das auch stimmt. Auch andere Bereiche mit vielen Studierenden stehen zur Debatte, wie zum Beispiel die Medienwissenschaften. Und da sind wir beim entscheidenden Punkt: Die Lehre scheint in der derzeitigen Strukturdiskussion nicht ausreichend berücksichtigt zu werden. Stattdessen wird fast nur forschungsbezogen argumentiert. Dabei sind die besonders forschungsstarken Fächer meist solche, die wenige Studierende haben - Mikrostrukturphysik, Molekularbiologie, Ethnologie und Orientwissenschaften zum Beispiel.
Wie viele Studenten fürchten auch Sie um die Qualität der Lehre?
Kreckel: Die Soziologie ist attraktiv. Seit einigen Semestern hat sie rund 800 Hauptfachstudenten. Das ist eigentlich schon zu viel, aber die Uni hat es zugelassen, weil sie hohe Immatrikulationszahlen brauchte, um Bundesmittel aus dem Hochschulpakt zu bekommen. Streicht man da noch weitere Stellen, verschlechtert sich die Betreuungssituation und damit die Lehre. Das endet in einer Spirale nach unten: Wegen Geld- und Qualitätsmangel verliert man Studenten, damit verliert man wieder Grundmittel, dann noch mehr Studenten - und schließlich geht es auch den forschungsstarken Fächern selbst an den Kragen. Das kann weder die Uni noch die Stadt Halle wollen, für die die MLU mit ihren 20 000 Studenten ein großer Segen ist.
Sie mussten als Rektor auch Kürzungen umsetzen. Was also tun?
Kreckel: Sicherlich muss man erst einmal kämpfen, dass man vom Land mehr Geld bekommt. Aber wir leben nicht im Schlaraffenland. Also muss die Uni eines Tages einmal grundsätzlich sagen: Für das Geld, das wir bekommen, können wir nur das und das leisten. Einfach Stellen zu streichen, die zufällig gerade frei sind, ist eine bequeme, aber kurzsichtige Lösung. Wenn die studentenstarken Fächer erst einmal kaputt sind, bekommt man sie nie wieder. Den Senatorinnen und Senatoren möchte ich deshalb sagen: Vergesst nicht, ohne Studenten keine Universität.